In Vancouver hat die Polizei ein Haus gestürmt, weil ein Nachbar einen bewaffneten Mann gesehen hatte. In Wirklichkeit war es ein Jugendlicher, der ein Computergame spielte. In Schottland werden zurzeit die langweiligsten Orte gewählt. Auf der Liste stehen unter anderem Dumbarton, Cumbernauld und die Innenstadt von Edinburgh.In Sacramento wurden zwei Teenager verhaftet, die eine Katze mit Feuerwerkskörpern in die Luft jagen wollten. Wenn es nach dem Willen der Bezirksregierung in Düsseldorf geht, sollen die Bürger von Nordrhein-Westfalen diese Meldungen in Zukunft nicht mehr zu lesen bekommen. Wenigstens nicht im Internet unter www.rotten.com. Die amerikanische Website veröffentlicht seit 1996 kuriose Meldungen und Ekelfotos im Internet: Bilder von Autounfällen, Kriegsverletzten, Amputationen, Invaliden. Manche Bilder scheinen echte Fotografien zu sein, andere sind mehr oder weniger clevere Fotomontagen, wie zum Beispiel ein Bild von der toten Lady Diana, die aus dem Wrack ihres Unfallwagens geborgen wird.Die meisten Bilder, die auf www.rotten.com zu sehen sind, sind ekelhaft, keine Frage. Trotzdem konnten sie bisher über das Internet in der ganzen Welt abgerufen werden. In Nordrhein-Westfalen soll sich das nun ändern. Anfang Oktober verschickte die Düsseldorfer Bezirksregierung an 56 Internet-Firmen einen Brief, in dem es hieß, "dass durch Sie als Access Provider... unzulässige Inhalte verbreitet werden". Es folgte eine Liste von vier Websites, die die Internetanbieter sperren sollten: drei rechtsradikalen Websites und rotten.com. In Deutschland rechtswidrigDie 56 Firmen, die Privatpersonen, Firmen und Institutionen Zugang zum Internet verkaufen, würden Informationen verbreiten, die in Deutschland rechtswidrig seien. Dabei beruft sich die nordrheinwestfälische Landesregierung auf den Mediendienste-Staatsvertrag, der es verbietet, Informationen im Internet zu verbreiten, die jugendgefährdend, kriegsverherrlichend, verfassungsfeindlich seien oder die Menschenwürde verletzten. Würden die Websites nicht gesperrt, kann ein Bußgeld bis zu einer Million Mark verhängt oder ein Verfahren eröffnet werden.Angebote im Internet sind laut Medienstaatsvertrag unzulässig, wenn sie "Menschen, die sterben oder schweren körperlichen oder seelischen Leiden ausgesetzt sind oder waren, in einer die Menschenwürde verletzenden Weise darstellen und ein tatsächliches Geschehen wieder geben, ohne dass ein überwiegendes berechtigtes Interesse gerade an dieser Form der Berichterstattung vorliegt". Obwohl der Medienstaatsvertrag bereits seit 1997 gilt, hat bisher noch keine deutsche Landesregierung versucht, diese Bestimmungen durchzusetzen - wohl weil sie kaum durchzusetzen sind. Die meisten Anbieter von Websites, die gegen deutsches Recht verstoßen, befinden sich in den USA oder lassen ihre Websites von amerikanischen Web-Firmen vorhalten. Da in den USA die Presse und Meinungsfreiheit als hohes Gut betrachtet werden, ist es im Gegensatz zur Bundesrepublik nicht verboten, den Holocaust zu leugnen oder Bilder von schwer verletzten Menschen oder verstümmelten Leichen zu veröffentlichen. Auf Websites, die von amerikanischen Firmen ins Internet gebracht werden, haben die deutschen Behörden keinen rechtlichen Zugriff. Neonazis aus der Bundesrepublik nutzen diesen Umstand aus und veröffentlichen ihre Webseiten bei amerikanischen Firmen, ohne dafür belangt zu werden. Auch daran ist beim Mediendienstestaatsvertrag gedacht worden: Internetanbieter in Deutschland müssen fremde Angebote auch dann sperren, wenn sich Maßnahmen gegen die Verantwortlichen im Ausland als nicht durchführbar erweisen - wenn es ihnen "technisch möglich und zumutbar ist". Theoretisch könnte man daher Online-Dienste wie AOL, T-Online oder Snafu dazu zwingen, den Zugang zu Websites sperren, auf denen zum Beispiel Auschwitz geleugnet wird. Das ist bisher noch nie passiert, weil es als technisch unmöglich galt. Wie der Berliner Medienanwalt Thorsten Feldmann sagt, gab es in diesem Bereich in Deutschland bisher noch keinen Präzedenzfall. Dezentrales NetzDas Internet ist ein dezentrales Netz. Wer über die Computer seines eigenen Internet-Provider nicht an eine bestimmte Website kommt, kann dafür relativ leicht einen anderen benutzen. Maßnahmen, mit denen das verhindert werden könnte, würden Internetfirmen Millionen kosten. In der Vergangenheit haben Hacker Websites, die von Regierungen verboten worden waren, immer wieder "gespiegelt". Diese "Mirrorsites" sind Kopien der verbotenen Websites unter anderen Internetadressen, die man trotz der Sperrung weiter ansurfen konnte.Trotzdem wollen nach Angaben des nordrhein-westfälischen Regierungspräsidenten Jürgen Büssow (SPD) schon 12 Internet-Firmen die Websites sperren. Andere sind entschieden dagegen: Thomas Werz vom Düsseldorf Internet-Provider ISIS sagt: "Das ist so, als würde man den Briefträger zwingen, alle Briefe aufzumachen, und die verbotenen Stellen darin durchzustreichen. Eine "technische Lösung macht keinen Sinn". Nachdem seine Firma vier Internet-Adressen kurzzeitig unzugänglich machte, hätten sich Kunden beschwert. Die Sperrung der Nazi-Websites hält er zwar für "moralisch richtig", fragt aber auch: "Wer weiß, was als Nächstes kommt." Die vier Internet-Angebote könnten nur der Beginn sein, andere mißliebige Websites folgen.Auch Jörg Tauss, der Medienexperte der SPD, kritisiert den Vorstoß aus Nordrhein-Westfalen als "Wichtigtuerei" und "Schaumschlägerei". "Die Provider vermitteln nur den Zugang zu den Informationen. Man darf sie nicht für die Inhalte, die sie weiterleiten, kriminalisieren", sagt er. Die vorgeschlagenen Maßnahmen seien nicht nur "technisch unwirksam und rechtlich höchst umstritten. Sie tragen auch dazu bei, dass die beanstandeten Seiten erst bekannt werden."Internet sperren // Schon früher haben staatliche Behörden versucht, den Zugang zu Websites zu sperren, die gegen die Gesetze ihres Landes verstoßen. Ein französisches Gericht zwang Yahoo den Zugriff auf Websites zu sperren, auf denen mit Nazi-Andenken gehandelt wurde.In Deutschland wurde die PDS-Politikerin Angela Marquart wegen eines Links von ihrer Homepage zu dem autonomen Webmagazin Radikal verboten. In Ländern wie China und dem Irak wird der gesamte Internet-Verkehr staatlich gefiltert, um den Zugriff auf regimekritische Websites zu verhindern.