Noch zehn Tage, dann wird man in der Nähe der norwegischen Stadt Bergen 61 Opfern eines Tsunamis gedenken. Sie ertranken in einer vierzig Meter hohen Welle, die kurz vor Mitternacht des 15. Januars 1905 über die Bauerndörfer Bodal und Nesdal hinweg rollte. Die Wassermassen kamen aus dem Lovatn - ein Binnensee, der gerade einmal zehn Kilometer lang und zwei Kilometer breit ist. Über seiner Wasseroberfläche erhebt sich der Ramnefjell 1 200 Meter hoch. Der Berg ist den Einwohnern von Bodal und Nesdal in jener Nacht vor hundert Jahren zum Verhängnis geworden. Aus seiner Flanke löste sich hoch über dem See ein gigantischer Felsbrocken. Er muss mehr als 800 000 Tonnen schwer, 100 Meter lang, 50 Meter breit und 10 Meter hoch gewesen sein, schrieb der britische Geologe Tony Waltham vor zwei Jahren im Fachmagazin Geology Today. Mehr als 500 Meter stürzte die Gesteinsmasse beinahe senkrecht in die Tiefe. Gebremst wurde sie erst vom Wasser des Lovatn. "Die Wellen schleuderten einen Seedampfer so weit, dass er 250 Meter vom Ufer entfernt und 30 Meter über dem Wasserspiegel aufkam", berichtet Waltham.Gebirgsschläge mit ähnlichen Konsequenzen gab es im fjord- und seereichen Norwegen im 20. Jahrhundert mehrfach. Sieben Riesenwellen verzeichnet der Tsunami-Katalog der Russischen Akademie der Wissenschaften in Nowosibirsk. Gleich drei Einträge gibt es dort für Bodal und Nesdal. Im Jahre 1936 schlugen zwei Millionen Tonnen Gestein aus 700 Meter Höhe auf den See auf - 73 Menschen starben in der Flutwelle. 1950 löste sich eine halbe Million Tonnen Fels gar 900 Meter über dem See. Zu diesem Zeitpunkt waren Bodal und Nesdal längst aufgelöst worden. Unterhalb des Kraters im Ramjefell erinnert heute nur noch eine Gedenkstätte an die Toten, die die Naturkatastrophen forderten.Nur Sekunden vergingen zwischen den Steinschlägen und den verheerenden Wellen. Ein Tsunami-Warnsystem hätte den Anwohnern des kleinen Lovatn nicht helfen können. Allerdings werden vom Abrutschen bedrohte Berghänge heute in Norwegen genau beobachtet. "Dennoch ist es nach wie vor schwer, einen Bergrutsch vorherzusagen", betont Waltham. Portugal könnte hingegen eines Tages von seinem kleinen Tsunami-Warnsystem im Atlantik profitieren. Das zeigt ein Blick in die Geschichte. Es dauerte etwa eine Stunde nachdem am 1. November 1755 die Erde unter dem Atlantik bebte, bis 15 Meter hohe Wellen in der Mündung des Flusses Tejo eintrafen. Mehrfach rollten sie über das am Flussufer gelegene Lissabon hinweg. "Von den 30 000 Opfern des Erdbebens dürften rund 900 in der Flutwelle ertrunken sein", sagt Dieter Kelletat, Tsunami-Forscher an der Universität Essen-Duisburg.Das Epizentrum des Lissabon-Bebens lag hunderte Kilometer weiter westlich, im Bereich der Azoren-Inseln. Sie markieren - ebenso wie die Nordküste Afrikas und die Adria - die Grenze zwischen der Afrikanischen und der Eurasischen Kontinentalplatte. In diesem Bereich bauen sich im Laufe von Jahrzehnten große Spannungen in der Erdkruste auf. Auch heutzutage kann es dort jederzeit zu einem schweren Erdbeben kommen, sagen Geowissenschaftler.Besonders groß ist das Risiko im östlichen Teil des Mittelmeers. Mehr als hundert kleinere und größere Seebeben gab es dort in den vergangenen 400 Jahren, wie das Institute of Geodynamics in Athen ermittelte. Eines der schwersten ereignete sich im Jahr 1999. Es löste eine 17 Meter hohe Flutwelle aus, die rund 250 Meter der Küste in der türkischen Bucht von Izmit - etwa hundert Kilometer östlich von Istanbul - überspülte. "Die Wahrscheinlichkeit ist relativ groß, dass der nächste große Rums unmittelbar vor Istanbul stattfindet", sagte der Katastrophenforscher Gerhard Berz in einem Interview mit der Zeit.Auf Konferenzen sprechen Tsunami-Forscher daher immer wieder über ein System, das auch den Mittelmeerraum vor den Riesenwellen schützen könnte. Scheitern könnte es jedoch an einem ähnlichen Problem wie in Norwegen: "Wegen der geringen Entfernungen im Mittelmeerraum müsste es die Küstenanwohner vielerorts innerhalb von höchstens zehn Minuten warnen", sagt Kelletat. Das dürfte schwer werden: Beim pazifischen Tsunami-Warnsystem ist man schon stolz darauf, die Bevölkerung 20 Minuten nach einem Seebeben alarmieren zu können - noch vor wenigen Jahren dauerte das eine Stunde.------------------------------Karte: Vor allem die Küsten im Südosten und Südwesten Europas sind von Tsunamis bedroht. Sie entstehen hauptsächlich, wenn es an der Grenze von Kontinentalplatten zu Erdbeben kommt. Etwa zehn Prozent der Riesenwellen haben jedoch andere Ursachen: etwa Felsrutsche, die - wie in Norwegen - in einem See enden.