Es klingt wie eine ironische Wendung einer traurigen Geschichte: Gezeichnet von einer schlimmen Krebserkrankung und den Folgen eines Autounfalls arbeitete Edison Denissow in seiner letzten Schaffensperiode nur noch am Unvollendeten. Als hätte er keine Kraft mehr für ein eigenes, von Anfang bis Ende durchdachtes Werk, schuf er lediglich Ergänzungen von fragmentarisch vorliegenden Stücken: Schuberts religiöses Drama "Lazarus, oder die Feyer der Auferstehung" bearbeitete und führte Denissow zu Ende; Debussys weithin unbekannte erste Oper "Rodrigue et Chimene", die immerhin als komplettes Particell vorlag, instrumentierte er. Viel mehr Zeit blieb dem russischen Avantgarde-Komponisten allerdings nicht. Am Sonntag starb Edison Denissow im Alter von 67 Jahren in einem Pariser Krankenhaus.Mitte der fünfziger Jahre trat der im sibirischen Tomsk geborene Komponist an die musikalische Öffentlichkeit der ehemaligen Sowjetunion. Ähnlich wie seine großen Zeitgenossen, Alfred Schnittke und Sofia Gubaidulina, verschreckte er die Kulturfunktionäre durch die Verwendung von als westlich und damit bürgerlich-dekadent verpönten Kompositionstechniken. Denissow kannte die Musik der Wiener Schule, er hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits intensiv mit dem Schaffen von Schönberg, Berg und Webern auseinandergesetzt. Doch waren dies nicht die einzigen Einflüsse. In Denissows frühem, pluralistischen Stil lassen sich die Vorbilder Schostakowitsch, Strawinsky und Bartok gleichermaßen heraushören. Insbesondere in seinen beiden ersten Hauptwerken "Die Sonne der Inkas" und "Klagelieder" frappiert Denissows eigenwillige Polystilistik, das Streben nach einer individuellen Synthese zwischen Tradition und Avantgarde; hier die Verschmelzung der Reihentechnik mit archaischen folkloristischen Elementen, dort die Kombination serieller Techniken mit einer diatonischen Grundreihe.Ein Dissident war der studierte Mathematiker dennoch beileibe nie, er wollte es auch gar nicht sein. Und das, obwohl er gemeinsam mit Andrej Wolkonski in den 60er Jahren eine avantgardistische Komponisten-Gruppe gründete: jenes aufmüpfige Häuflein, das es riskierte, sich gegen die parteiamtliche ästhetische Doktrin des sozialistischen Realismus zu stellen, nach anfänglicher Ignorierung aber immerhin das Privileg genoß, in Westeuropa auftreten zu dürfen.Hier, in Paris, traf Denissow Pierre Boulez, der wie die französische Kultur seine weitere Entwicklung entscheidend prägte. Doch so rigoros, wie Boulez die neue Musik vorantrieb, war Denissow nicht. Zu sehr steckte in ihm der Romantiker, der Klangmaler (Denissow besaß enge Bindungen zur französischen Malerei), der Liebhaber des Espressivos und Koloristischen, der Erzähler. Wichtigste Zeugnisse dieser ästhetischen Grundhaltung aus den letzten rund 30 Jahren sind neben zahlreichen Solokonzerten die Vokalkomposition "Chant d'automne" (nach Baudelaire), sein 1980 in Hamburg uraufgeführtes "Requiem" und vor allem die Oper "L'ecume des jours" (Der Schaum der Tage), zu der Denissow auch das Libretto schrieb. Es beruht auf einem Roman Boris Vians, der die wilden Jahre der Pariser Existenzialisten beschrieb. Kein anderes Werk beschäftigte Edison Denissow so lange. Bereits 1960 hatte der Komponist den Roman kennengelernt und war sogleich von ihm als Opernsujet fasziniert. Doch erst rund 20 Jahre später vollendete er die Oper, eine Art Hybridkreuzung von "La Boheme" und "Ubu Roi". Es sollte das letzte Werk dieses Genres sein. Uraufgeführt wurde es 1986 in der zweiten Heimat des Edison Denissow, in Paris. +++

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