MALBORK (MARIENBURG). Der Schädel mit Erd- und Wurzelresten in den Augenhöhlen hat noch alle Zähne, ganz weiß sind sie. Dies wird ein junger Mensch gewesen sein. Die zarten Rippenknochen daneben müssen von einem Kind stammen. Ein Gemeindearbeiter hat sie an diesem sonnigen Januartag aus der lehmigen Erde im nordpolnischen Malbork gegraben, dem früheren deutschen Marienburg. Er legt sie in einen der fünf schwarzen Eimer, die neben einem schon zur Hälfte gefüllten Leichensack aus Plastik stehen.All diese Knochen und Schädel haben der Archäologe Zbigniew Sawicki und seine Leute heute bereits gefunden, hier in der Grube auf einem Baugelände direkt neben dem Weg zum mittelalterlichen Schloss. Seit der Frost zum Wochenanfang etwas nachgelassen hat, suchen Sawicki und seine Leute weiter nach den Gebeinen der Menschen, die hier wahrscheinlich im Frühjahr 1945 verscharrt wurden. Die Stadtverwaltung von Malbork und Experten vermuten deutsche Zivilisten in dem Massengrab, das Ende Oktober bei Bauarbeiten für ein Luxushotel entdeckt wurde. Aber bisher gibt es keinerlei Gewissheit. Weder, wer diese Menschen waren, noch darüber, unter welchen Umständen sie starben.Keine Brillen, keine RingeAnfangs schienen es nur wenige zu sein. Die ersten 67 wurden Ende vergangenen Jahres in einem kleinen Grab auf dem kommunalen Friedhof von Malbork beigesetzt. Doch dann spülte der Regen immer mehr Tote frei. Inzwischen sind die Gebeine von rund 1 850 Menschen geborgen worden, von Männern, Frauen und Kindern aller Altersgruppen. Alle unbekleidet."In den polnischen Archiven gibt es keinerlei Hinweise auf dieses Grab. Über sechzig Jahre lang wusste niemand davon", sagt Stadtsekretär Piotr Szwedowski. "Daher schließen wir, dass es aus der Zeit stammen muss, als die meisten Deutschen die Stadt schon verlassen hatten und die sowjetische Armee hier war. Die ersten polnischen Umsiedler kamen erst im Mai 1945." Ein relativ kleiner Teil der Skelette trage Spuren von Schussverletzungen, 20 bis 30 Schädel die Spuren von Kopfschüssen, berichtet der Archäologe Sawicki. Doch nichts Metallisches fand sich bisher. "Keine Kugel, keine Knöpfe, keine Brillen, keine Zahnprothesen, keine Ringe." Nichts, das bei der Suche nach der Identität der Toten helfen könnte.Auch beim Heimatkreis Marienburg in Deutschland sind keinerlei Berichte über dieses Massengrab bekannt. "Es gibt keine Zeitzeugen, sie sind vermutlich alle verstorben", sagt Bodo Rückert vom Heimatkreis. Rückert und viele andere Altmarienburger vermuten allerdings wie die Experten in Malbork, dass in dieser Grube ein Teil der Menschen verscharrt wurde, die die Stadt bei Kriegsende nicht mehr verlassen konnten und seitdem als vermisst galten. Auch Flüchtlinge aus Ostpreußen könnten darunter sein, sagt Rückert.Das westpreußische Marienburg gehörte vor dem Zweiten Weltkrieg zur deutschen Provinz Ostpreußen. Die Stadt zählte damals rund 30 000 Einwohner. Erst Mitte Januar 1945 erhielten sie die Aufforderung zur Evakuierung, ab dem 26. Januar kontrollierte die Rote Armee den größten Teil der Stadt. Die Wehrmacht verschanzte sich im Schloss und in Teilen der Altstadt. Der Kampf um Marienburg dauerte bis zum Abzug der Wehrmacht am 9. März 1945, bei dem auch die Brücken über den Fluss Nogat gesprengt wurden.In Zeitzeugenberichten wird die chaotische Situation bei der Evakuierung der Stadt geschildert: "Als Schwester Helene, die Leiterin des Marienburger Altersheimes am 24. Januar sich auf die Hilfsstelle der NS-Volkswohlfahrt begab, um die dortigen Parteivertreter daran zu erinnern, daß sie auch dem Altersheim den Abtransport zugesichert hätten, fand sie die Türen dort bereits geschlossen. Auch bei der Polizei konnte sie keine Hilfe finden. Sie und viele Insassen ihres Heimes haben dieses Versagen der zuständigen Stellen mit dem Leben bezahlen müssen", heißt es in einem solchen Bericht.Die Experten vermuten, dass die nun Gefundenen während der Kämpfe um Marienburg starben oder kurz danach. Viele seien in dem harten Winter vermutlich erfroren, verhungert oder an Krankheiten gestorben und erst später aus Häusern und Straßen zusammengetragen worden, sagt Sawicki. Das könnte zwischen März und April 1945 passiert sein. Denn für die Zeit danach gebe es Berichte vom katholischen Pfarrer Konrad Will, der auf Befehl der Sowjets Tote sammelte und begrub. Auch Wills Aufzeichnungen enthalten keine Hinweise auf das Massengrab.Die Toten mit den Kopfschüssen seien zuoberst gefunden worden, berichtet Sawicki. Vielleicht hätten diese Menschen die Leichen der anderen sammeln müssen und seien dann selber erschossen worden, sagt der Archäologe. "Aber das ist nur eine persönliche Hypothese." Die Kleider könnten aus Angst vor einer Typhusepidemie verbrannt worden sein. Dass rein gar nichts bei den Toten gefunden wurde, legt aber auch den Verdacht nahe, dass die Leichen gefleddert wurden.Im Marienburger Heimatbuch von 1967 wird die Zahl von 1 840 Marienburgern genannt, die seit dem Krieg als vermisst galten. Sie basiert auf einer Liste der Heimatortskartei, die 1960 von der Meldestelle in Lübeck nach Angaben Angehöriger erstellt wurde. Auf diese Vermisstenzahl verweisen jetzt viele in Malbork angesichts der Frage, wer die Toten sein könnten.Auch Staatsanwalt Waldemar Zduniak, der Ermittlungen eingeleitet hat, sieht darin einen möglichen Hinweis. "Die historischen Umstände lassen uns vermuten, dass es Deutsche waren", sagt Zduniak. "Aber wir brauchen Beweise." Die Staatsanwaltschaft sucht Zeugen, die bei der Aufklärung helfen können, wer die Menschen im Grab waren und wie sie ums Leben kamen. Bei der Märkischen Oderzeitung meldete sich gestern ein 72-Jähriger, der bis 1947 in einem Nachbarort von Marienburg lebte und heute in Bernau wohnt. Er sagte, das Krankenhaus von Marienburg sei Ende 1945, Anfang 1946 von Typhus-Opfern überbelegt gewesen. So könnten die Toten also tatsächlich Typhus-Opfer sein.Stadtsekretär Szwedowski erwartet, dass die Exhumierungen bis Ende Januar abgeschlossen werden können. Dann soll ein Gerichtsmediziner die Toten untersuchen. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, mit dem die polnischen Behörden in Kontakt stehen, war Ende 2008 mit einem Experten vor Ort. Er schlug vor, die Toten auf einem deutschen Kriegsgräberfriedhof beim nordwestpolnischen Szczecin beizusetzen.Die Großmutter wiedergefundenDoch seit es immer mehr geworden sind, mehren sich die Stimmen, die für die Beisetzung in der alten Heimat plädieren. Das wünschen sich vor allem viele Alt-Marienburger. Franz-Rudi Neumann aus Lübeck ist überzeugt, endlich seine Großmutter gefunden zu haben, die in Marienburg geblieben war. "Sie war etwas über 80, als sie zur Flucht aufgefordert wurde", erzählt der 83-Jährige. "Aber sie hatte kurz zuvor einen Oberschenkelhalsbruch gehabt und sagte: was soll mir noch passieren? Ich bin sicher, sie ist irgendwo verscharrt."Neumann hofft auf eine würdige Beerdigung und eine Gedenkstätte für die Toten in Marienburg. Auf dem kommunalen Friedhof ist kein Platz. Aber der frühere Friedhof des Jerusalem-Hospitals am Stadtrand wäre seiner Ansicht nach ein geeigneter Ort. Dort liegen schon tote Deutsche aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Es hätte auch symbolische Bedeutung. Das Hospital vom Ende des 14. Jahrhunderts wird von einem internationalen Verein mit EU-Unterstützung zu einer deutsch-polnischen Begegnungsstätte ausgebaut."Wir sind offen für jede Möglichkeit", sagt Stadtsekretär Szwedowski. Die Stadtverwaltung sei aber nicht für Kriegsgräber zuständig, deren Anlage und Pflege durch zwischenstaatliche Vereinbarungen geregelt sei, betont er. "Uns ist vor allem wichtig, dass diese Menschen, an die sich niemand erinnerte, in Würde bestattet werden. Sie waren Einwohner unserer Stadt, Einwohner von Malbork."------------------------------Deutsche und polnische HistorieDie Marienburg, eine Ordensburg aus dem 13. Jahrhundert nahe Malbork in der Wojewodschaft Pommern, ist einer der größten Backsteinbauten Europas. Sie war die wichtigste Burg der Deutschordensritter und ist ein bedeutender Ort deutsch-polnischer Geschichte. Sie wurde mehrmals zerstört, geplündert und wieder aufgebaut, von Polen wie Deutschen.Anfang 1945 wurden Altstadt und Burganlage zu 60 Prozent zerstört. Die rekonstruierte Burg ist seit 1997 Unesco-Weltkulturerbe.------------------------------Karte: Polen------------------------------Foto: Schädel und Knochen von Männern, Frauen und Kindern werden auf einem Baugelände ausgegraben.