Ist Hitler im Film "Der Untergang" jemand, mit dem man Mitleid haben muss? Welche Gefühle und Gedanken löst der Film aus? Was hat er mit der Wirklichkeit zu tun? Mit welchen Mitteln - Kameraführung, Ton, Effekte - arbeitet er? All das sind Fragen, über die man mit Schülern diskutieren könnte. Doch eine kontinuierliche Film- und Medienerziehung, in Schweden oder Frankreich längst Teil des Lehrplans, vermisst man an deutschen Schulen. Dabei könnten sich an Filmen nicht nur historische, soziale und künstlerische Fragen klären lassen. Man könnte auch über Sehgewohnheiten reden, über deren Manipulationen.Die bisherigen Ansätze sind unkoordiniert. Seit Jahren versuchen Fachleute die vielen Initiativen zu bündeln, die Schüler kritisch an das Medium heranführen wollen. Allein 2004 gab es bundesweit acht Schulfilmwochen. Die Berlinale arbeitet erstmals mit Schulen bei der Vor- und Nachbereitung des Festivalbesuchs zusammen. Um eine Anlaufstelle für alle Initiativen, für Kinobetreiber und Medienpädagogen zu haben, wird nun in dieser Woche in Potsdam-Babelsberg eine Agentur gegründet, teilte die Kulturstaatsministerin Christina Weiss mit."Vision Kino" heißt diese Agentur, Untertitel: "gemeinnützige GmbH, Netzwerk für Film- und Medienkompetenz". Gesellschafter sind die Stiftung Deutsche Kinemathek, die Filmförderungsanstalt (FFA) und die "Kino macht Schule GbR". Der Jahresetat ist auf eine Million Euro angelegt - getragen vom Kulturministerium, der FFA und dem Sitzland. Die Agentur mit etwa zehn Mitarbeitern soll unter anderem die Organisation der Schulfilmwochen vereinfachen und zusammenfassen, sagte der FFA-Vorstand Peter Dinges am Mittwoch. Die Frage der Filmkompetenz werde damit aber nicht an den Bund abgetreten, wie mancher behauptete.Wenn das Netzwerk-Knüpfen funktioniert, dann wird die Agentur bald Schulen bundesweit Filme, Filmhefte und Materialien zu Filmklassikern bereitstellen. Auch der Aufbau einer Film-Datenbank im Internet ist geplant. Bereits 2003 erarbeiteten Fachleute einen Bildungskanon von 35 Filmen, der nicht unumstritten ist, weil er Filme vor allem aus filmkünstlerischer und intellektueller Sicht betrachtet.Der Zeitpunkt für die Bündelung der Ansätze ist günstig. "Kino ist wieder in", resümierte Dinges. Fast 157 Millionen Leute gingen 2004 ins Kino, 7, 8 Millionen mehr als noch im Vorjahr. "Grandios" sei der Marktanteil deutscher Filme mit 23, 8 Prozent. Das Programm bewege sich zwischen "mainstreamiger Komödie, Geschichtsdrama, Dokumentarfilm und kritischer Betrachtung des deutschen Alltags" - genügend Stoff zur Auseinandersetzung mit der Filmsprache. Vielleicht bieten ja die Konzepte der 3 000 Ganztagsschulen, die zur Zeit bundesweit gegründet werden, endlich genügend Zeit und Raum dafür.