BERLIN, 10. Dezember. Wer die Details studiert, die zwei Prüfberichte zum Geschäftsgebaren der Leipziger Olympiagesellschaften darlegen, fühlt sich unweigerlich an unselige Berliner Zeiten erinnert. Um also die Tradition, in der sich deutsche Bewerbungen bewegen, besser verstehen zu können, ist es hilfreich, erneut den Bericht des Landesrechnungshofes Berlin vom 22. August 1996 zu studieren.Darin heißt es zum fahrlässigen Umgang mit 51 305 684,12 DM von Bund und Land: Ein Teil der Unterlagen existierte nicht. "In der Mehrzahl der Fälle lagen keine schriftlichen Verträge vor." Von stichprobeweise geprüften Fremdleistungen im Wert von 17,2 Millionen DM konnten nur Leistungen im Wert von 3,8 Millionen belegt werden. "Der Geschäftsführer hat sogar Millionengeschäfte mündlich abgeschlossen." Die Senatskanzlei hat mehrfach gegen das Zuwendungsrecht verstoßen. "Eine erhebliche Einschränkung der Erkenntnismöglichkeiten ergab sich auch dadurch, dass der Geschäftsführer Akten der Gesellschaft hatte vernichten lassen (sog. Reißwolfaffäre)." Das Fazit der 152-seitigen Prüfung: "Die Olympia GmbH hat keine privat finanzierte Bewerbung durchgeführt, sondern fast ausschließlich Steuergelder für diesen Zweck verwendet (.) Die Verwendung dieser Mittel darf in keinem Fall der parlamentarischen Finanzkontrolle entzogen sein."Wer sich jetzt den Abschlussbericht des Prüfers Fritz Jäckel zur Geschäftsführertätigkeit in der "Bewerbungskomitee Leipzig 2012 GmbH" zu Gemüte führt, glaubt sich in der Zeitmaschine ein Jahrzehnt zurück versetzt - nach Berlin. Am 19. November 2003 teilte Prüfkommissar Jäckel dem Aufsichtsrat der Leipziger GmbH mit: Es hat zwei Fälle von Aktenvernichtungen gegeben. "Es bestand kein Vertragscontrolling. Ausschreibungsgrundsätze wurden entgegen der Weisungen des Aufsichtsrates nicht beachtet." Eine laufende Kostenkontrolle ist derzeit in der GmbH nicht möglich. "Bis zum Tage der Prüfung existierte in der GmbH keine ordentliche Buchführung." Das Vergaberecht wurde nicht eingehalten. Auch dies ist nur eine Kurzfassung. Es ist wichtig, in diesem Zusammenhang daran zu erinnern, dass im Wirtschaftsplan der Olympia GmbH 31,5 Millionen Euro vorgesehen sind - ausschließlich Steuermittel: 20 Millionen vom Freistaat Sachsen, 10 Millionen aus Leipzig und 1,5 Millionen aus Rostock.Die Analogien zwischen den Berliner und Leipziger Olympia GmbH sind nicht von der Hand zu weisen. Doch immerhin hat es im Aufsichtsrat der Leipziger Bewerbergesellschaft schon mahnende Worte gegeben, wie die des Bundesinnenministers. So heißt es im Protokoll der Sitzung vom 30. August, als das kompakte Sportstättenkonzept verabschiedet wurde: "Herr Schily bemängelt, dass ihm nur noch die Fakten vorgestellt werden und zugleich dann erwartet werde, dass sich der Bund maßgeblich an der Finanzierung beteilige. Er könne nicht über ein Konzept entscheiden, ohne die diesbezügliche Finanzhöhe zu kennen (.) Die dazugehörige Finanzierung könne kein Automatismus sein (.) Aus sportpolitischer Sicht stehe einer Zustimmung sicher nichts im Wege, aber der Vorbehalt zum Finanzierungskonzept bleibe bestehen."Wie viele Milliarden die Spiele 2012 den Steuerzahler nun kosten werden, war den Olympia-Aufsichtsräten bis zum gestrigen Mittwoch nicht bekannt. Am späten Abend sollten auf der sechsten Aufsichtsratssitzung in Leipzig erstmals (!) Planungsansätze präsentiert werden. Ein merkwürdiger Vorgang, wenn man bedenkt, dass die Deutschland AG aus Politik, Sport und Wirtschaft seit einigen Wochen kollektiv die totale Unterstützung des Projekts 2012 propagiert.Zurück zu den Prüfberichten des Fritz Jäckel (für die neue Olympia GmbH) und der Liquidatoren der alten Olympia GmbH, die für die nationale Bewerberphase verantwortlich war. Dokumentiert ist nun der Vorgang der Aktenvernichtung: Demnach hat Burkhard Jung, der damalige Leipziger Olympiabeauftragte, am 15. Oktober eine Mitarbeiterin der GmbH aufgefordert, Akten zu einem so genannten "Küchenkabinett" zu vernichten. Hierbei handelte es sich unter anderem um die Anbahnung einer vertraglichen Zusammenarbeit mit einem weltweit agierenden olympischen Lobbyisten: John Boulter, der sein sportpolitisches Handwerk einst beim Sportartikelkonzern Adidas erlernt hat. Auch der damalige GmbH-Geschäftsführer Dirk Thärichen hat einen Vorgang vernichten lassen: Denn ein eigens bestellter Prüfer hatte zu viele kritische Hinweise zur Geschäftstätigkeit Thärichens zusammen getragen.Kritischer als unlängst die Leipziger Staatsanwaltschaft gingen die Liquidatoren mit Jung im Zusammenhang mit den ungerechtfertigten Provisionszahlungen an die Firma SCI ins Gericht. Wegen dieser Zahlungen war Jung zwischenzeitlich suspendiert worden und hatte auch sein Mandat im Aufsichtsrat verloren. Laut Leipziger Volkszeitung heißt es in dem Bericht: "Herr Jung war weder als Beigeordneter und Olympiabeauftragter der Stadt Leipzig noch als Mitglied der Gesellschafterversammlung berechtigt, einen Anspruch der SCI gegenüber der GmbH zu bestätigen."Gegen Jung laufen derzeit Ermittlungen des Regierungspräsidiums. Inzwischen sieht sich die Staatsanwaltschaft mit neuen Dokumenten konfrontiert, die Jungs These torpedieren, er sei bei der Vergabe seiner Unterschrift zu Gunsten der SCI von Thärichen gelinkt worden. Nun kommt auch noch die von ihm angeordnete Aktenvernichtung hinzu. Dennoch: Sein Freund und Vorgesetzter, Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee, hat Jung bereits Anfang vergangener Woche in das Amt des Beigeordneten zurück beordert.Auch Tiefensee gerät durch die Prüfberichte in Erklärungsnot. Es ist dokumentiert, dass er in der Geschäftsführung das so genannte Vier-Augen-Prinzip aufheben wollte (siehe Kasten). Das Prinzip besagt, dass wichtige Entscheidungen nur getroffen werden können, wenn zwei der drei Zeichnungsberechtigten (Geschäftsführer Thärichen und de Vries sowie Prokurist Glotzbücher) einverstanden sind. Die Umgehung dieses Prinzips in zahlreichen Fällen hat zur Kündigung von Dirk Thärichen geführt.Differenzen // Im Prüfbericht zur Geschäftsführertätigkeit der neuen Olympia GmbH, der am 19. November vom Aufsichtsrat abgesegnet wurde, heißt es: "Es gab unter dem 26. 06. 2003 den Entwurf eines Gesellschafterbeschlusses über die Aufhebung des Vier-Augen-Prinzips, der jedoch nur von Herrn Tiefensee unterschrieben worden war, während Herr Dr. Steinbach den Beschluss abgelehnt hat. ".In einer Presseerklärung vom 10. Dezember behauptet Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee: "Das Vier-Augen-Prinzip als Bestandteil der Geschäftsführung stand nie in Frage - weder zwischen den Gesellschaftervertretern noch zwischen Aufsichtsratsmitgliedern, geschweige denn zwischen dem Vorsitzenden und seinem Stellvertreter. (. ) Dieser Vorgang und sein Prüfergebnis sind im autorisierten Abschlussbericht gegenüber dem Aufsichtsrat in seiner Sitzung am 19. 11. 2003 wahrheitsgemäß aufgeführt. ".DPA/MATTHIAS SCHRADER Amtsgeschäfte: Kanzler Schröder, am 14. Januar Gastgeber des Olympiagipfels, und NOK-Präsident Steinbach (r. ).