Himmel, Arsch und Zwirn steht auf dem Hosenband, das die Schneiderin Karin Pahl gerade bügelt. Es gehört zu einer sehr weiten schwarzen Hose, die vom Stil ein wenig an ein Aikido-Outfit erinnert. "Ist doch schön, die kleine Nahkampfhose", sagt Pahl - und bereut den Satz gleich darauf, weil er despektierlich klingen könnte. Schließlich ist die Hose samt Spruch ein Designerstück, eines der vielen, die sie hier in der kleinen Werkstatt in Reinickendorf näht. In der Schneiderei Pawlik an der Residenzstraße, wo ein gutes Dutzend Berliner Modelabels Kleidung fertigen lassen, darunter so namhafte wie C-Neeon, Just Mariot, Jürgen Frisch und Frank Leder.Made in BerlinMode made in Reinickendorf - das scheint beachtlich. Allein deshalb, weil man denken könnte, dass heute sämtliche Anziehsachen in Billiglohnländern genäht werden. Schließlich konnte man wegen des - just beigelegten - Handelsstreits mit China wieder viel über die unglaublichen Mengen Textilien staunen, die allein dieses Land nach Europa transportiert. Und tatsächlich bekundet die Vereinigung der Berliner Bekleidungsindustrie auf die Frage nach hiesiger Kleiderproduktion: "Die gibt es eigentlich nicht." Und warum? "Weil Näherinnen in China für dreißig Cent und in Polen für 2,50 Euro die Stunde arbeiten", erklärt der Geschäftsführer Wolfgang Schmidt.7,50 Euro pro Stunde verdienen die fünf Frauen in der Reinickendorfer Schneiderei. "Ich würde gern mehr zahlen. Das sind ja erstklassige Schneiderinnen, die Top-Qualität abliefern", sagt Chefin Renata Pawlik. Aber? "Meine Gewinne sind jetzt schon wahnsinnig niedrig. Und das, obwohl ich zwölf Stunden am Tag arbeite. Mein Geschäft ist ein ganz harter Kampf."Immerhin: Sie expandiert. Erst just hat sie zwei neue Schneiderinnen engagiert. Dass sie überhaupt mit Aufträgen von Berliner Designern Geld verdienen kann, liegt daran, dass es sich für diese nicht lohnt, ihre zum Teil sehr kleinen Kollektionen im Ausland produzieren zu lassen. "Die möchten doch die volle Kontrolle über die Produktion haben. Und nicht immer irgendwohin fliegen müssen oder nach Polen fahren", sagt Pawlik, die selbst vor 16 Jahren mit ihren deutschstämmigen Eltern aus Polen ausgesiedelt ist. Pawlik, die aus einer Schneiderfamilie stammt, machte sich zunächst mit einer Änderungsschneiderei selbstständig, erst seit anderthalb Jahren näht ihr Betrieb auch Designerkleidung - und liegt damit im Trend. Ein paar hundert Menschen, so schätzt man bei der Maßschneider-Innung, nähen heute in Berlin kleine Serien für Modemacher. Tendenz steigend. Schließlich gibt es immer mehr junge Designer - und die brauchen Hilfe von gelernten Schneiderinnen. "Die vergessen schon mal den Schlitz vorne am Ärmel", sagt Karin Pahl, die jahrelang am Modeinstitut der DDR als Zuschneiderin gearbeitet hat. Aber solche Probleme machen auch den Reiz ihrer Arbeit aus: Ohne Mitdenken geht nichts.Wie Designer kalkulierenBesonders gerne nähen die Reinickendorfer Schneiderinnen nach den Schnitten der Charlottenburger Designerin Stefanie Nardini. Sie verkauft gemeinsam mit ihrer Schwester schon seit 1989 eigene Entwürfe in einem Laden an der Schlüterstraße. Entwürfe, die sie ausschließlich von Berliner Firmen nähen lassen. "Da kann ich auch mal schnell Hosen nachbestellen, wenn ich merke, dass sich ein Modell gut verkauft." Die Nähkosten spielten in ihrer Kalkulation eher eine untergeordnete Rolle, erklärt Nardini, in deren Boutique eine Rüschen-Bluse aus Reinickendorfer Herstellung schon mal 260 Euro kosten kann. "Das wirklich Teure ist doch die Zeit, die man in so ein Kleidungsstück investieren muss, bis es richtig passt."So paradox es klingt: Die Billigproduktion lohnt sich erst ab einer hohen Stückzahl. Genau davon profitiert die Schneiderei Pawlik, die höchstens mal ein paar Dutzend Teile von einem Modell produziert. Mit der Akkord-Produktion von Näherinnen in Bangladesch oder Mexiko hat das wahrlich wenig zu tun. "Ich habe doch einen schönen, kreativen Beruf", sagt Karin Pahl. Sagt's und legt die "kleine Nahkampfhose" beiseite. Gleich geht sie mit einer Lieferung nach London, in einen Laden in die Oxford Street. Himmel, Arsch und Zwirn.------------------------------"Schneider werden schlecht bezahlt. So ist das halt." Karin Pahl, Schneiderin------------------------------Foto (2): Renata Pawlik nebst Designerware: Draußen an der Tür wirbt die Schneiderin ganz bescheiden mit der "Anfertigung von Damenoberbekleidung".Mitte-Mode: Double Trouble - zu Deutsch doppelte Sorgen - nennt sich die Herbst/Winter- Kollektion des Berliner Labels Just Mariot. Das Kleid mit den aufgedruckten Zweien und dem Unterrock kann man derzeit in der Labeleigenen Boutique in der Gipsstraße 9 in Mitte kaufen - für 542 Euro. Genäht wurde es in der Schneiderei Pawlik in Reinickendorf. "Frau Pawlik ist ein Engel, die immer unsere Sorgen versteht", sagt Just-Mariot-Chefin Mari Otberg.

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