So stellt man sich die Low-Budget-Filmer vor: Für den Erfolg ihrer Produktionen bringen sie jedes Opfer und harren sogar im Modder aus. Ortstermin Mauerpark im Prenzlauer Berg, Jugendfarm Moritzhof, ein Vormittag im Juli: Der Regisseur Oliver Rihs, 36, und sein Mini-Team haben sich im Ziegengehege eingefunden, um lässige PR für ihren Film "Schwarze Schafe" zu machen. Rihs, ein sonniger Schweizer mit Roger-Cicero-Hütchen und Kinnbart, seit sieben Jahren Kreuzberger, hat einen Schirm aufgespannt, mit dem er die Sonne von seiner Protagonistin fernhält.Jule Böwe - Jeans, T-Shirt, offene Halbstiefel und Halskette mit Erdbeeranhänger - sitzt auf einem Stuhl, lächelt und hält die schlanken Beine verschlungen, als wären sie aus Gummi oder sie ein erfahrener Yogi. Dabei ist ihr "all dieser hippe Entspannungskram und Sport überhaupt ein Graus". Ein junger Bursche Anfang 20 streckt ihr ein Mikro entgegen: "Was hat dich an der Rolle gereizt?"Gedreht habe sie mit Rihs und ohne Gage, sagt sie, weil man schon so lange befreundet sei, immer mal was zusammen machen wollte, und weil dieser Film einen besonderen Blick auf Menschen in Berlin habe, auf all diese City-Slacker eben, die kein Geld haben, aber irgendwie an welches rankommen müssen undundund.Auf die "Warum-magst-du-Berlin-Frage" formuliert sie Poetisches: "In anderen Städten habe ich immer das Gefühl, ich würde mit ungeputzten Schuhen herumlaufen." Punkt. Das Modder-Grüppchen feixt, Jule Böwe macht mit, man kann sich vorstellen, was bei den Dreharbeiten abging, zu denen sich auch Robert Stadlober, Tom Schilling, Frank Giering und Oktay Özdemir einstellten. Party - na klar!"Schwarze Schafe" ist ein Berlin-, ein Episoden-, ein Schwarz-Weiß-Film. Low Budget, aber großes Kino. Und Jule Böwe, Jahrgang '69, gestandene Schaubühnen-Größe und Filmschauspielerin, hat die weibliche Hauptrolle - sie spielt Charlotte. Die ist eine ostdeutsche Bootshostess auf der Spree, die eines Tages ihre Ex-Kommilitonin, auch aus der DDR, auf ihrem Touristenkutter wiedertrifft. Die Kollegin von damals ist mittlerweile in einem gut dotierten Job, im Villenviertel München-Grünwald und bei einem krachledernen Besserwessi gelandet. Angesichts dieses "Mein Haus/mein Auto/meine Yacht"-Geplänkels tauchen Charlottes Minderwertigkeitskomplexe auf, denn sie hat weder Villa noch Traumjob, dafür ihren liebenswerten, aber dauerbetrunkenen Freund Peter an der Backe.Charlotte lügt mal schnell ein anderes Leben herbei, doch dann taucht Peter auf am Boot, alles fliegt auf und zerschreddert sich in einer wunderbaren Szene, die Berlin zu jeder Zeit und an jedem Ort zuzutrauen ist. Und genug Raum lässt für Jule Böwes Organ, ihre rau-knarzige Stimme. Hinterher weiß man vor allem eins: Privat möchte man von ihr nie zusammengeschissen werden.Aber jedes innerliche Strammstehen zerbröselt binnen Sekunden, wenn man ihr gegenübersitzt, auf ihrer Dachterrasse im Prenzlauer Berg oder ein paar Etagen tiefer, im "Seeblick", eine der wenigen Kneipen rund um die Rykestraße, die sich seit Wendezeiten gehalten haben. Hier sitzen Leute, die schon immer hier waren, der Seeblick - ein Fossil, im wahrsten Sinne des Wortes. Hier kennt Jule Böwe alle, weiter raus in den Prenzlauer Berg geht sie kaum, zu viel Menschenwandel, der ihr nicht gefällt. Keine Alten mehr, nur noch Erben.Mit Freunden hat sie nach der Wende eine Genossenschaft gegründet, und viele von denen sitzen auch im Seeblick, wenn sie abends nach der Schaubühne noch auf einen Drink vorbeikommt. Dort hat sie beinahe jeden Abend Vorstellung, dort ist Jule Böwe seit 1999 engagiert und ein Star. In zwölf Stücken ist sie derzeit präsent, spielt in "Die Katze auf dem heißen Blechdach", "Drei Schwestern" und "Maria Stuart". 1998 kürte sie das Fachorgan "Theater heute" zur Nachwuchsschauspielerin des Jahres. Ihre Bühnenfiguren nehmen sie hart ran, sie sind entweder schwerstkrank, fallen dem Irrsein anheim oder schlagen sich Zeit ihres Lebens mit Dämonen herum.Auch im Film ist das so. Für die Rolle einer labil-aggressiven Kellnerin in "Katze im Sack" wurde Jule Böwe für den Deutschen Filmpreis 2006 nominiert. Die Sensiblen, Verworrenen, Verhärmten - alles Paradestoffe für sie, die "gern Abgründe spielt, die ich selbst nicht habe, weil ich andere habe".Und obwohl diese ihr ganz allein gehören, kann man in manchen Momenten wittern, wie diese Abgründe wohl beschaffen sind. Irgendwas zwischen trauriger Verlorenheit und rastloser Sinnsuche. Aber das würde in ihren Ohren wahrscheinlich "viel zu esoterisch" klingen. Einer, die so Tacheles redet, nimmt man dann auch das unumwundene Eingeständnis von Eitelkeit und Besessenheit ab, obwohl beides - jede Wette - in ihrem Fall nicht von einem übersteigerten Ego herrührt, eher vom Gegenteil. Klar will sie für gut und schön befunden werden von ihrem Publikum. Klar ist sie eine, die auch zickig werden kann, wenn jemand ihre täglichen Einstimmungsrituale an der Schaubühne torpediert und sie anquatscht, wenn sie dabei ist, sich bei einem Tee oder etlichen Zigaretten in Irina, Magaret oder Elisabeth zu verwandeln.Eine Diva ist sie dennoch nicht. Eine Diva würde nicht auf ihrem eigenen Balkon in Straßenklamotten und ohne großes Schmink-Tamtam vor dem Fotografen in die Hocke gehen und belustigt losröhren, dass sie auf den Fotos bestimmt wieder mal wie eine Drogensüchtige aussehen werde. Und eine Diva hätte auch nicht seit mehr als zehn Jahren jedwede Handtasche durch diverse Dederonbeutel ersetzt, von denen die "Zeit" höflich schrieb, es seien "Täschchen mit Riemen". Jule Böwe sagt: "Trinkerbeutel."Sie ist das Mädchen, das eigentlich Kathrin Cammann heißt, in Rostock-Reutershagen als Kind von Ärzteeltern aufwuchs, die Schule nicht mochte, viel schwindelte und lieber mit den Jungs loszog. Sie ist die junge Frau, die einen guten Freund mit dem Nachnamen Böwe heiratete, um Zuzug nach Berlin zu kriegen, weil das so war, damals, in der DDR. Doch wenn schon Behördenwillkür, dann auch Hochzeit à la Bohème: Er pilgert in einer Mönchskutte zum Standesamt, sie in Frack und Zylinder.Sie ist die junge Studentin, die von ihrer Freundin in "Jule" umgetauft wurde, weil ihr Zimmer meistens schlampig, also das einer Jule war. Und sie war die angehende Ergotherapeutin, die bereits bei einer Laientheater-Aufführung im Zivilverteidigungs-Lager merkte, dass es ihr gefällt, Menschen zum Lachen zu bringen und auf ihre Seite zu ziehen. Aber erst ein paar Jahre später wird sie dieser aufbrechenden Obsession nachgeben, zuvor arbeitete sie noch ein paar Jahre im Heim für Geschädigte in Berlin-Lichtenberg und im Sonderkrankenhaus Charlottenburg. Engagiert sich nebenbei an Off-Theatern und nimmt tapfer Niederlagen hin. Ablehnungen an Schauspielschulen, dreimal an der "Ernst Busch". Und erst recht, so hat sie heute immer noch das Gefühl, wenn sie verneinte, die Tochter des großen Schauspielers Kurt Böwe zu sein.Ihn trifft sie erst später, da ist sie bereits am Deutschen Theater engagiert und feiert ihren Durchbruch mit Thomas Ostermeiers "Shoppen und Ficken". Sie und Kurt Böwe mögen sich gleich. Als sie während einer Fete die ständige Fragerei der anderen wegen des gemeinsamen Namens gesteht, reagiert der ältere Kollege toll: "Wenn es dir etwas nutzt, liebe Jule, dann sag, dass du meine Tochter bist. Ab heute bist du adoptiert."Ihr Organ, dieses unerhörte Ding, das binnen Sekunden zwischen zärtlich-lockend und gehässig-ordinär changieren kann, lieben sie auch im Hörfunk, deswegen wird Jule Böwe auch als Synchronstimme eingesetzt, "gern auch für Schwarze". Richtig, ihre Stimme. "Wenn überhaupt, werde ich nur ihretwegen erkannt", sagt Jule Böwe. Oder eben auch nicht. Eine schöne Anekdote mit einem Taxifahrer gibt es da. Der wünschte ihr "gute Besserung", als sie eines Tages zu ihm ins Auto stieg und ihr Gekrächze losließ. Sie würde immer so klingen, entgegnete Jule, um daraufhin die gut gemeinte Ansage zu hören: "Na gut, dass Sie Ihre Stimme nicht beruflich brauchen."Ein Freitag in Berlin, Tschechows "Drei Schwestern" laufen an der Schaubühne, Jule Böwe gibt die Irina und sitzt vorn am Bühnenrand in einem Sessel, zum Anfassen nah. Sie spricht los, schaut in die Gesichter ihres Publikums und nimmt einen mit auf die Reise. Hinein in die russische Provinz, in der die drei frustrierten, großbürgerlichen Schwestern Irina, Mascha und Olga die Rückkehr nach Moskau und in ein erfüllteres Leben ersehnen. An Jule Böwes Seite andere Hochkaräter wie Steffi Kühnert, Bibiana Beglau und Stipe Erceg. Beschwingt entert man hinterher die Bar im Vorraum des Theaters und freut sich, wenn die hübsche, aber vom Selbsthass zerfressene Irina nun wieder in Jeans und mit Erdbeerkette vor einem sitzt und gegen elf Uhr abends erst einmal zwei Würstchen mit Senf verdrückt. Zwei Frauen, ein und derselbe Mensch. Der sagt: "Ich bin immer Jule, auf der Bühne und im Leben."------------------------------Foto: Jule Böwe in ihrer Wohnung in Berlin-Prenzlauer Berg