BUKAREST. Viorel trägt ein marineblaues, ordentlich gebügeltes Hemd. Seine Hose wirkt gleichermaßen gepflegt und ein bisschen altmodisch. Der Achtjährige geht in die Grundschule Nummer Eins, in der Nähe des Bukarester Hauptbahnhofs. Er sitzt im Klassenzimmer und spielt ein Brettspiel mit den anderen Kindern. "Ein braver Junge", sagt seine Klassenlehrerin Cristina Senos.Der geordnete Eindruck trügt. Viorels Lebensumstände sind nicht so normal. Der Junge wächst bei seinen Großeltern in einer winzigen Zwei-Zimmer-Wohnung auf. Seine Eltern arbeiten seit drei Jahren in Italien, ihren Sohn sehen sie nur noch sporadisch. "Zum Glück hat er keine Geschwister, sonst könnten wir ihm kein eigenes Zimmer geben", sagt seine Großmutter. Sie öffnet die Tür zum gelblich tapezierten Wohnzimmer, das jetzt ihrem Enkel gehört. Das Sofa stammt noch aus den 80er-Jahren, in der Ecke stehen ein alter Tisch und ein Stuhl. Viorels Schulbücher sind die einzigen Bücher in der Wohnung. "Den Fernseher haben wir ins Schlafzimmer gestellt. Geld für einen Computer haben wir nicht", sagt die Großmutter.Die Gegend, in der Viorel wohnt, war einst ein normales Mittelstandsviertel, Wohnort für Eisenbahner und kleine Beamte. Seit der Wende ist davon wenig geblieben. Die rumänische Bahn steckt in einer Dauerkrise, die meisten Beamten sind ausgezogen. Die einst prächtigen Jugendstilhäuser sind heruntergekommen, von den alten Gebäuden sind teilweise nur skelettartige Fassaden übrig. Vor 20 Jahren, nach dem Zusammenbruch des Ceausescu-Regimes machten Bilder aus dieser Gegend in internationalen Medien die Runde: Zahlreiche Waisenkinder lebten am Bukarester Hauptbahnhof und inhalierten Verdünnungsmittel aus Plastiktüten. Der Grund für die vielen Waisen war das Abtreibungsverbot im Sozialismus. Dieses Verbot ist längst aufgehoben, doch Waisenkinder gibt es jetzt wieder - es sind die Waisen des Kapitalismus.Die Rumänen nennen Kinder wie Viorel, die bei Verwandten oder Bekannten aufwachsen, Erdbeerwaisen. Seit dem EU-Beitritt Rumäniens leben inoffiziellen Schätzungen zufolge zwei bis drei Millionen Rumänen im europäischen Ausland, meistens in Spanien oder Italien. Sie sind Zimmermädchen oder Kellner, pflegen Senioren oder putzen Wohnungen, machen die schwere Arbeit in der spanischen Bauindustrie oder in der Landwirtschaft, wo sie auf großen Plantagen Obst und Gemüse ernten - etwa Tomaten oder Erdbeeren, die später auch in rumänischen Supermärkten angeboten werden. Von den Löhnen dieser "Erdbeertruppe" profitiert das ganze Land: Das aus dem Ausland überwiesene Geld kurbelt den Konsum an und gleicht das rumänische Staatsdefizit aus. Doch mehr und mehr werden auch die Kosten spürbar."Die Großeltern kümmern sich um das Kind, aber irgendwann sind auch sie überfordert", sagt Viorels Klassenlehrerin Cristina Senos. Die Familie des Jungen ist unter der Spannung, die die ständige Abwesenheit der Eltern mit sich bringt, inzwischen zerbrochen - Vater und Mutter haben sich getrennt. Beide haben sie keine Ausbildung, beide arbeiten ohne festen Vertrag in Italien. Ihre Aufträge sind seit der Wirtschaftskrise unregelmäßig geworden, das Geld fließt nicht mehr so üppig. Dennoch kommt für Viorels Eltern, wie für viele andere, eine Rückkehr in die Heimat nicht in Frage. Denn die sozialen Auswirkungen der Krise und die brutalen Wechselkursschwankungen treffen Rumänien noch härter als Griechenland oder Spanien: Seitdem der Internationale Währungsfonds Rumänien mit einem Hilfspaket unter die Arme greift, ist die Arbeitslosigkeit gestiegen, der Staat kürzt die öffentlichen Ausgaben drastisch.Der rumänischen Kinderschutzbehörde zufolge müssen mehr als 85000 Kinder ohne ihre im Ausland arbeitenden Eltern zurechtkommen. Eine Studie der "Soros-Stiftung für eine offene Gesellschaft" spricht von 170000 Erdbeerwaisen, doch auch diese Zahl gilt als optimistisch. Laut der Studie leiden die Kinder enorm unter der Abwesenheit ihrer Eltern. Viele brechen die Schule ab, bekommen Depressionen, werden drogenabhängig, leben auf der Straße. Auch die Selbstmordrate ist unter den Erdbeerwaisen höher als bei anderen Kindern und Jugendlichen.Die Lehrerin Cristina Senos bleibt nach dem Unterricht noch vier Stunden bei den Kindern. Sie hilft ihnen bei den Hausaufgaben oder hört einfach nur zu, wenn eines von seinem Heimweh nach den Eltern erzählt. Unterstützt wird sie von der Hilfsorganisation Save the Children. Aus Spenden der Privatwirtschaft hat die Organisation in acht ausgewählten Grundschulen - auch in Viorels Grundschule Nummer eins - Nachschulzentren eingerichtet, in denen zurzeit 250 Kinder betreut werden. Psychologen und Pädagogen kümmern sich um sie, und es werden Zoo- und Museumsbesuche organisiert.Elterlicher Rat per E-MailVor allem aber hat die Hilfsorganisation Computer mit Internetzugang in die Klassenzimmer gestellt. Per E-Mail zumindest kann Viorel wieder regelmäßig mit seinen Eltern Kontakt aufnehmen, ihnen ein bisschen von seinem Alltag und der Schule erzählen, sie vielleicht um Rat fragen, wenn es Probleme mit den Großeltern gibt. Die Betreuung und auch der regelmäßige Kontakt mit den Eltern helfen den Kindern, sagt Cristina Senos. Das Verhalten Viorels zum Beispiel habe sich schon verändert. "Am Anfang war er sehr schüchtern und hatte große Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben", sagt die Lehrerin. Inzwischen ist er selbstbewusster, hat sich mit anderen Kindern angefreundet. "Neulich habe ich seine Großmutter getroffen, sie war sehr stolz auf Viorels Noten." Vielleicht erfahren auch seine Eltern per E-Mail vom Erfolg ihres Sohnes.------------------------------Der Präsident will keine RückkehrerMindestens zwei Millionen Rumänen arbeiten im Ausland, nach einer Schätzung des rumänischen Gewerkschaftsbundes sogar 3,4 Millionen.Rumäniens Präsident Traian Basescu forderte im August die Migranten auf, im Ausland zu bleiben. "Stellen Sie sich vor, was mit unserem Sozialversicherungsetat passieren würde, wenn unsere etwa zwei Millionen Gastarbeiter aus Italien, Spanien, Frankreich und Deutschland über Nacht heimkehren und hier Arbeitslosenhilfe beanspruchen würden", hatte Basescu gesagt.Wegen der Wirtschaftskrise gingen 2009 die Überweisungen der Auslands-Rumänen in die Heimat zurück - um 35 Prozent auf 3,1 Milliarden Euro.------------------------------Foto: Obdachloser Junge in Bukarest. Viele elternlose Kinder leben auf der Straße.