Kommet und seht wie alles gehtIn der Stadt der WaschmaschinenAlles ist fein, sauber und reinIn der Stadt der Waschmaschinen(Wolf Maahn, Rocksänger)Die Aufkleber haben tatsächlich fünf Winter überstanden. "Wir brauchen keinen Umzug nach Berlin", klebt auf den Laternenpfählen, "Ja zu Bonn" pappt auf den Heckklappen der Zweitwagen in den Doppelgaragen-Einfahrten. Die Leute in Schmerbroich, einer Wohnsiedlung in Sankt Augustin, zehn Kilometer östlich von Bonn, machen aus ihrer Meinung keinen Hehl. Sie wollen hierbleiben, im Schutz der Einbruchmelder, in ihren Häusern, die alle aussehen wie aus dem Prospekt von Fertighaus-Kampa. Ihre Meinung sagen die Schmerbroicher vor allem sich selbst, denn außer ihnen kommt nur selten jemand hierher. Man findet es ja kaum. Ein einziges Sträßchen führt zur Siedlung, kein Schild weist den Weg. Die Ministerialräte bleiben lieber unter sich."Ist es hier nicht zu ruhig", frage ich einen Mann, der sorgfältig die Motorhaube seines grünen Volvo-Kombi poliert. "Hat doch seine Vorteile", sagt er, "wenn einmal in der Stunde die Polizei hier durchfährt.""Wieso das?""Na, wegen Kinkel. Der wohnt da drüben. Letztens war in Bonn Kurdendemo, da hatte die Polizei die Zufahrtsstraße völlig abgesperrt. Die haben keinen reingelassen, der nicht hier hingehört."Ein Lieferwagen von "Gaumenschmaus Grill- und Frischdienst" hält vor einem Haus. Die Putzfrau macht auf, der Fahrer trägt kalte Platten mit Häppchen ins Haus. Sonst treffe ich niemanden, eine halbe Stunde lang. Ich werde später wiederkommen, wenn die Ministerialräte aus ihren Büros nach Hause kommen.In der Stadt der Waschmaschinen hat alles seine Zeit und seinen Platz. Das Arbeiten, das Kaufen, der Feierabend. Für die Kaufzeit vor dem Feierabend, für die Behördengänge und die Arztbesuche baute die Stadt den Sankt Augustinern ein Zentrum. Mit Einkaufspark und Rathaus, mit überdimensionierten Asphaltpisten und genügend Parkplätzen. So, wie vor 20 Jahren gebaut wurde. Finstere Betonkomplexe umschließen tote Freiräume. Dunkle Fenster verstecken sich in kalten, abweisenden Fassaden. Verborgene Treppen führen hinab zu grottigen Parkgeschossen, die aussehen wie aus einem düsteren US-Krimi. Man steht davor und wünscht sich Abrißbagger.Vielleicht hatte Sankt Augustin keine andere Wahl. Aus sieben Dörfern wurde 1969 eine Gemeinde, später eine Stadt geschmiedet. Das Gebilde bekam einen Namen, den es bis dahin auf keiner Landkarte gab: Sankt Augustin.Die junge Stadt hatte keine Mitte, alles war Peripherie. Also entwarfen die Stadtplaner ein Zentrum und injizierten es, wo am meisten Platz war im Fleisch der Stadt.Die Stadt vor den Toren Bonns wucherte. In den siebziger Jahren war Sankt Augustin die am schnellsten wachsende Stadt der Bundesrepublik. Von 1969 bis heute stieg die Einwohnerzahl von 33 000 auf 58 000. Sankt Augustin mauserte sich zur Wohn- und Schlafstätte für die Bonner Beamtenschaft. Siedlungen wie Schmerbroich entstanden, nicht Traum und nicht Alptraum, seltsam leidenschaftslos. Aber vielleicht wird man selbst die Leidenschaftslosigkeit einmal vermissen.In der Garagengruft unter der Marktplatte hatten zwei Menschen ein Problem miteinander. "Besetzt Keiser 19.5.96", steht mit Kreide auf dem Betonpfeiler neben Parkplatz 259, und darüber: "Besetzt Nowak 19.5.96." Wasser sickert die Wände herunter und hinterläßt auf dem Beton gelbbraune Spuren, die aussehen wie Urinstein. Die Betonkonstruktion, auf der die Marktplatte ruht, ist nach 20 Jahren marode und muß für sieben Millionen Mark saniert werden. Ja, ja, in Sankt Augustin heißt es Marktplatte, nicht Marktplatz.Das Zentrum ist eine Insel mitten in der Stadt. Der Weg zum Rathaus und zum HUMA-Megamarkt zwingt den Besucher über ein Gewirr von langen, abschüssigen Fußgängerrampen. "Unnötiger Aufenthalt sowie Herumlungern ist nicht gestattet und wird als Hausfriedensbruch geahndet", warnt die Hausordnung am Center-Eingang. Drinnen lümmeln sich die HUMA-Wachleute in ihren auberginefarbenen Thermojacken am Rollsteig.Es ist eine Stätte der schnellen Einkaufsverrichtungen. Das Auge kann sich auf das Angebot in den Schaufenstern konzentrieren, weil es sonst nichts gibt, wo es länger als einen flüchtigen Augenblick verweilen könnte. Niemand schlendert. Keine Zeit, schnell zum Auto, schnell nach Hause. Kauft, Leute, kauft, Saturn verschleudert Handys für eine Mark, frische Bratwurst ist im Angebot, das Kilo für 5,55 Mark. Ibiza, billig wie noch nie. Tiefkühl- und Tierfutterabteilungen, so groß wie ein mittlerer Dorfkonsum. Zehn Regalmeter Tütensuppen. 30 Kassen. Der Durchschnittsbesucher läßt 60 Mark im Center. Jetzt kaufen, jetzt buchen, bequem zahlen, später zahlen. Kauft, Leute, kauft! Nach 18.30 Uhr ist das Center tot, die Marktplatte menschenleer.Das Center ist der größte Gewerbesteuerzahler der Stadt. Tag für Tag lassen etwa 18 000 Menschen ihr Geld im Warenhaus und den über 60 Shops, Fachmärkten und Imbißständen. 260 Millionen Mark Jahresumsatz und 750 Jobs, wer diskutiert da über Ästhetik?Im China-Restaurant "Hoh Wah" mit Blick auf den Center-Eingang reden vier Frauen über Durchfall, Darmentzündung und Spritzen. "Was heißt denn Hoh Wah?" frage ich die Bedienung beim Rausgehen. "Nichts", sagt sie, "nur so ein Name."Der Schock saß tief am Abend des 20. Juni 1991, als der Bundestag den Umzug der Regierung nach Berlin beschloß. Sankt Augustin versank in Selbstmitleid. "Was haben wir damals nicht alles befürchtet", erzählt Bürgermeisterin Anke Riefers. "Leerstehende Wohnungen, mit Brettern vernagelte Läden, abstürzende Immmobilienpreise, und dann die armen Familien mit Kindern."Fünf Jahre später kann die Sozialdemokratin ganz entspannt verkünden: "Wir merken das hier nicht." Der Beamtentreck ist noch nicht unterwegs, die Konrad-Adenauer-Stiftung mit 430 Mitarbeitern bleibt in ihrem Büroklotz an der Marktplatte, und aus dem Ausgleichsmittel-Topf hat sich die Stadt einen fetten Brocken abgezweigt, rund 130 Millionen. Für eine neue Fachhochschule. Für die Erweiterung des Kinderherzzentrums. Für einen Technologiepark. Und für neue Wohnungen. Die Immobilienpreise sind seit damals stetig gestiegen. Ein Quadratmeter Neubau-Eigentumswohnung in guter Lage kostet heute gut 1 000 Mark mehr als zur Zeit des Umzugsbeschlusses.Nur noch selten wird die Bürgermeisterin auf den Umzug angesprochen. Als die "Rhein-Sieg Rundschau" zum fünften Jahrestag der Entscheidung zur Diskussion lud, stand die Polit-Prominenz fast allein da."Der große Aufschrei wird noch kommen." Franz Möller, Christdemokrat, Sankt Augustiner und seit 22 Jahren Landrat des Rhein-Sieg-Kreises, war einer der lautesten Trommler gegen den Berlin-Beschluß. "Der Umzugsbeschluß war damals falsch und ist heute falsch", sagt er und warnt vor dem "noch kommenden Einbruch". Was, fragt er, wird denn aus Sankt Augustin, wenn erst mal die Möbelwagen vor der Tür stehen? Weniger Beamte brauchen weniger Bäcker, weniger Friseure, weniger Wirte.Und was wird aus den Jungs vom Bundesgrenzschutz, die im Ortsteil Hangelar stationiert sind, wenn es in Bonn kaum noch Ministerien zu schützen gibt? Werden sie weiterhin von Sankt Augustin aus Kanzler und Castor-Behälter auf ihrem Weg durch die Republik bewachen? Und was, in Gottes Namen, wird aus den einzigen Helden, die Sankt Augustin je hervorgebracht hat - aus der GSG 9, die sich auf dem streng bewachten Bundesgrenzschutz-Gelände noch mal hinter Stacheldraht eingeigelt hat. Sie haben der Stadt für ein paar Tage Ruhm gebracht, damals im Oktober 1977, als sie in Mogadischu die Geiseln freischossen. Die Kreisstraße 10, die zur GSG-9-Unterkunft führt, heißt seit damals "Bundesgrenzschutzstraße".Sankt Augustin hat den Prototyp des ruhigen Bürgers hervorgebracht. "Nein", sagt die Bürgermeisterin, "das Ausgeflippte ist nicht die Sache der Sankt Augustiner." Es gibt keine Drogenszene, es gibt keine Jugendgangs und keine Diskos, wo die Jugendlichen aus dem Umland am Wochenende einfallen könnten. Das Zentrum ist vandalismussicher gebaut, seine Tristesse schreckt selbst die Sprayer ab.Im Rhythmus von Arbeit, Einkauf und Wochenende findet jeder eine Nische. Der Rückzug in die organisierte Privatheit des Vereinslebens: Kirchenchor Cäcilia, Automobil Kraftfahrer-Schutz e.V., Junggesellenverein Frohsinn, Kanichenzuchtverein R 417.Die Stadtväter machten es den Menschen schön behaglich. Sie klotzten in den fetten Jahren mit einem üppigen Sport- und Freizeitangebot und zogen den umfassend versorgten Kleinstadtbürger heran. Kaum jemand braucht länger als fünf Minuten zur Autobahn. Mit der S-Bahn, die im Zehn-Minuten-Takt fährt, dauert es nur 20 Minuten bis zum Regierungsviertel. Und die 1 300 Parkplätze vor dem Einkaufszentrum sind alle gebührenfrei.Das öffentliche Leben ist wohl organisiert, man legt Wert auf Sauberkeit. Direkt hinter der S-Bahn-Haltestelle am Markt kann man kleine Tütchen für Hundekot ziehen. Die Center-Toiletten in dem langen Gang auf dem Weg zu den Parkplätz-Katakomben werden jede Stunde gesäubert. Nur gegen Edding-Stifte auf den Klotüren sind die Putzfrauen machtlos. Kostprobe? Lieber nicht.Für manches schämen sich die Bürger ein bißchen. Für das Porno-Kino (32 Programme!) etwa und den Sex-Shop (große Auswahl an Vibratoren!), die sie in den hintersten Winkel des Einkaufsparks verbannt haben. Auf der Übersichtstafel steht an dieser Stelle "Ehe-Hygiene".Sankt Augustin gibt sich Mühe, eine richtige Stadt zu werden. Vor ein paar Jahren hat die Verwaltung sogar gegen die Post prozessiert, weil die hartnäckig "St." statt "Sankt" ins Telefonbuch schrieb. Die Stadt hat den Prozeß gewonnen. "Wir schreiben uns aus", sagt die Bürgermeisterin.Eine Identität fehlt der Stadt bis heute. Das Vereinsleben findet in den Dörfern statt, die Einwohner sehen sich nicht als Sankt Augustiner, sondern als Mendener, Mülldorfer oder Hangelarer. Und wenn sie zum Rathaus gehen, sagen sie: "Ich geh' zu HUMA." "Es ist keine schöne Stadt", sagt Wolfgang Köhler, Fraktionschef der Bündnisgrünen. "Ist es denn überhaupt eine Stadt?" frage ich. Kurze Pause. "Nein, es ist auch keine Stadt, eigentlich."In der Wohnsiedlung Schmerbroich frage ich ein paar Leute, was sie denn nun denken über den Umzug nach Berlin. Nein, sie wollen nicht. Sie hoffen, daß sie schon zu alt sind, wollen sich versetzen oder frühpensionieren lassen oder setzen sich für ein paar Jahre montags und freitags ins Flugzeug, damit sie am Wochenende in Schmerbroich sind. Ich habe niemand getroffen, der freiwillig nach Berlin will. Vermutlich wird man in ganz Schmerbroich niemanden finden.Klaus Kinkel kommt über die Straße. Er trägt eine helle Freizeithose und eines dieser lächerlichen hellblauen Hemden mit kurzen Ärmeln. Er sieht aus wie ein Ministerialrat a.D. So sehen sie eben aus in Schmerbroich. +++