In Saudi-Arabien dürfen an der neuen König-Abdullah-Universität erstmals Frauen und Männer gemeinsam studieren: Ein Traum im Wüstensand

DSCHIDDA. Der Horizont flimmert in der Mittagssonne. Verschwommen zeichnen sich im Wüstensand mehrere hohe Türme ab. Eine Fata Morgana? Was wie ein Traumbild erscheint, ist tatsächlich ein Werk der Fantasie. Einer königlichen Fantasie."Vor 25 Jahren habe ich zum ersten Mal von dieser Universität geträumt - nun ist sie Wirklichkeit geworden", schwärmte König Abdullah von Saudi-Arabien in seiner Rede zur Eröffnung der König-Abdullah-Universität für Naturwissenschaft und Technologie, die am Dienstag pompös gefeiert wurde.Der Campus am Ufer des Roten Meeres, 80 Kilometer nördlich der Stadt Dschidda, lockt mit für saudische Verhältnisse ungeahnten Freiheiten. Erstmals in der Geschichte des Landes können in der König-Abdullah-Universität Männer und Frauen gemeinsam studieren und forschen. Frauen dürfen auf dem Gelände sogar Auto fahren; auch das ist in Saudi- Arabien sonst nicht erlaubt. Und an der Einfahrt zum Campus rutschen bei vielen Besucherinnen die Kopftücher: Der Schleier ist hier kein Muss.Um den Traum des Königs zu verwirklichen, wurde nicht gespart: Das Uni-Gelände schmücken zahlreiche High-Tech-Labore und moderne Architektur. Abdullah selbst hat 10 Milliarden Dollar in eine Stiftung gegeben. Als sie im Zuge der Finanzkrise nicht mehr ausreichend Geld abwarf, schoss die saudisch-amerikanische Öl-Firma Aramco noch einmal kräftig zu. Das aktuelle Budget ist ein Geheimnis.Die Zukunftsprobleme Saudi- Arabiens und der gesamten Region stehen ganz oben auf der Forschungsagenda - allen voran die Erforschung des Klimawandels und die effizientere Nutzung erneuerbarer Energiequellen. Die Universität existiert zwar Dank Ölmilliarden, aber in Saudi-Arabien ist man sich bewusst, dass das Öl zur Neige geht, und sucht nach Alternativen.Ein weiteres Thema ist der Zugang zu Wasser: "Unser Traum ist, dass hier bald Weizen in der Wüste wächst, den wir mit dem salzigen Wasser des Roten Meeres bewässern", sagt der Genomforscher Jian-Kang Zhu. Er ist einer der ersten Wissenschaftler, der aus dem Ausland an die neue Universität gekommen ist."Wir wollen die wissenschaftliche Weltelite, die genialsten Köpfe hier versammeln", sagt Öl-Minister Ali Al Naimi, der zum Aufsichtsrat der Uni gehört. Er sucht Leute wie den Deutschen Uli Stingl. Der 35-jährige Mikrobiologe hat zuvor in den USA geforscht, jetzt ist er Assistenzprofessor in der Wüste: "Klar, Saudi-Arabien ist kein bekanntes Ziel für Wissenschaftler, aber ich habe hier Bedingungen, die ich nirgendwo sonst so bekäme", begründet er seinen Umzug. Stingl gefällt besonders, dass alle Kollegen zusammen auf dem Campus wohnen. Rund um die Labore und Hörsäle ist eine kleine Stadt entstanden - mit Reihenhäusern für die Studenten und Villen für die Professoren, mit Einkaufszentren und Badestrand.Selbstbewusste Studentinnen aus dem Westen werden sich dennoch an das Universitätsleben gewöhnen müssen. "Wir haben zwar zusammen Unterricht, aber in der Freizeit ist vieles getrennt", kritisiert Justine, Studentin aus New York. So dürfen Frauen in der König-Abdullah-Universität zwar Sport treiben - an saudischen Schulen im restlichen Land haben Mädchen gar keinen Sportunterricht und erst vor Kurzem gab es Razzien in Fitnesscentern, in denen Frauen trainierten. Doch in den Sporteinrichtungen der Universität gibt es getrennte Zeiten für Männer und Frauen. Justine hat deshalb mit einigen Kommilitonen begonnen, eine Studentenvertretung zu gründen. Aber nicht nur das Sportthema ist für Saudi-Arabien heikel. Bisher ist auch studentische Mitbestimmung an den Universitäten des Landes quasi unbekannt.König Abdullah, der Träumer, gilt indes als Reformer. Man glaubt ihm, dass er sein Land verändern, wirtschaftlich und gesellschaftlich modernisieren will. Allerdings hat er eine starke Opposition traditioneller, konservativer und radikal-islamischer Kräfte gegen sich. Um sein Reformprojekt durchzubekommen, setzt er auf Konfliktvermeidung und Nischenbildung. Freiheiten werden bisher nur in beschränktem Rahmen, auf dem Campus der König-Abdullah-Universität oder in den Büros der Öl-Konzerne zugelassen.Offene Kritik an der Universität gibt es wenig in Saudi-Arabien. Wer will schon am Traum des Königs herumkritteln? Nur hinter vorgehaltener Hand hört man, dass die Milliarden vielleicht besser in den öffentlichen Schulen und bereits bestehenden Universitäten aufgehoben gewesen wären. Das Bildungssystem ist nach den Anschlägen des 11. September 2001 in die Kritik geraten, da man in der Erziehung eine der Ursachen für die Radikalisierung der saudischen Jugend sah.König Abdullah hat die Reform des Bildungssektors zur Chefsache gemacht. Er hat unzählige Schulen und Fachhochschulen gegründet und bisher 70 000 Saudis mit Stipendien ins Ausland geschickt. Wie um der Kritik zuvorzukommen, seine Universität diene mehr der internationalen Wissenschaft und dem Ansehen des Königs als dem eigenen Land, standen bei der Eröffnungszeremonie die Erwartungen für die Zukunft des Königreiches im Vordergrund. Die saudischen Studierenden - von bisher 400 Studenten sind 100 Saudis, darunter 20 Frauen - kamen ausführlich zu Wort. Sie sollen die neue Elite des Landes werden: Hervorragend ausgebildet, um aus Saudi-Arabien ein besseres Land zu machen.Die junge saudische Professorin Niveen Khashab erhofft sich aber auch noch einen anderen Effekt von der neu gegründeten Uni: "Ich glaube, dass das Modell Schule machen wird", sagt die Umweltingenieurin. Sie ist Anfang dreißig, trägt ein knappes Kostüm und hat bisher in den USA geforscht. Gerade ist sie mit ihrer Familie in eine der Uni-Villen gezogen. "Ich glaube, dass wir hier beweisen können, dass diese Art der etwas freieren Gesellschaft in Saudi-Arabien möglich ist und dass sich dieser Lebensstil dann von hier aus im Land verbreiten wird." Auch sie hat einen Traum.------------------------------"Ich glaube daran, dass sich der Lebensstil dieser Universität von hier aus im Land verbreiten wird." Die saudische Professorin Niveen KhashabFoto: Die Labore der König-Abdullah-Universität bieten jede Menge High Tech.