SEBNITZ. "Das Haus", sagt Uta Schneider, "hat mir Angst gemacht." Einschüchternd habe es auf sie gewirkt, und bedrohlich, so wie es all die Jahre dagestanden habe, das massige lindgrüne Fachwerkgebäude mit den kleinen Fenstern und der verlassenen Apotheke im Erdgeschoss - leer, verrammelt, abweisend. "Immer, wenn ich hier war in Sebnitz, habe ich einen großen Bogen darum gemacht."Aber jetzt ist alles anders. Nicht einmal mulmig sei ihr jetzt mehr, wenn sie so wie an diesem Abend allein im Haus ist, unten in der Apotheke, in der nun wieder Licht brennt und die sie morgen, nach mehr als sieben Jahren, wiedereröffnet. "Als meine eigene Apotheke", sagt Uta Schneider. "Und nicht mehr als die Center-Apotheke von damals."Damals, das ist bald acht Jahre her. Da gehörten das Haus und die "Center-Apotheke" noch der Familie Kantelberg-Abdulla, Zugezogene aus dem Taunus im Westen. Eine deutsche Frau und ihr aus dem Irak stammender Mann, die Mitte der Neunzigerjahre mit ihren beiden Kindern nach Sebnitz gekommen waren. Es ist November 2000, als die Familie in der Bild-Zeitung angebliche Neonazis aus dem Ort beschuldigt, drei Jahre zuvor ihren Sohn Joseph im städtischen Freibad ertränkt zu haben. Auch Uta Schneider sei damals dabei gewesen, sagen sie. Sie hätte dem kleinen Joseph im Freibad Gift in die Limonade gegeben. Ihre Freunde hätten den dann bewusstlosen Jungen unter Wasser gedrückt.Uta Schneider sitzt in ihrer Apotheke, die einst den Kantelbergs gehörte, und schüttelt langsam den Kopf. Das sei alles so lange her und vorbei, sagt sie. Sie habe längst damit abgeschlossen und finde es nicht gut, dass all das nun wieder ausgegraben werde. Eigentlich wolle sie überhaupt nicht mehr darüber sprechen, sagt sie noch.Und dann redet sie doch. Von diesem 22. November 2000, einem Mittwoch, als um 17 Uhr die Polizei an ihrer Wohnungstür in Braunschweig klingelt. Sie studiert dort Pharmazie. Die Beamten nehmen sie mit, erst nach Hannover, weil in Braunschweig kein Frauengefängnis ist, dann weiter nach Kassel. Nach drei Tagen kommen Vollzugsbeamte aus Sachsen und schaffen sie in einem Einzeltransport in die Untersuchungshaftanstalt nach Dresden. Weil die Geschichte um den angeblichen Neonazi-Mord an dem kleinen Joseph plötzlich alle Nachrichten beherrschte, habe sie Angst bekommen, sagt sie, "Angst, dass ich nicht mehr rauskomme, obwohl ich doch gar nichts gemacht hatte."Nach der Bild-Veröffentlichung fallen die Medien in Sebnitz ein. Politiker und Prominente zeigen sich empört und erschüttert über die angebliche Neonazi-Hochburg. Bild schreibt von Männern mit "nazikurzen Haaren", die Sebnitz durchstreifen, und von alten Stasi-Leuten, die in der Apotheke der Kantelbergs Hustenbonbons kaufen und sie dabei aushorchen. Bundeskanzler Schröder und Sachsens Regierungschef Biedenkopf sprechen mit der Familie und fordern eine rückhaltlose Aufklärung des "Verbrechens". Tagelang flimmert das Haus der Kantelbergs in der Rosenstraße 11 über alle Fernsehschirme und wird zum Symbol eines angeblich mörderischen Ausländerhasses in Sebnitz.In der Bild-Zeitung erscheint auch ein Foto von Uta Schneider. "Verhaftet: Uta Sch. (21), 1,80 m groß, dunkle Haare, Tochter eines Apothekers in Sebnitz" steht darunter, und dass sie die Freundin des "Haupttäters" sei. "Bis nach Braunschweig sind die Journalisten gefahren, um meine Kommilitonen über mich auszufragen", erzählt sie. Als "Neonazi" sei sie abgestempelt worden. "Alles Quatsch, überall gibt es rechte und linke Jugendliche", sagt sie heute. Ihr damaliger Freund sei aber kein Schläger oder Neonazi gewesen. "Und ich erst recht nicht."Die Kantelbergs behaupten gegenüber den Ermittlern, die jungen Leute hätten den Mord im Freibad im Auftrag von Ärzten und Apothekern aus dem Ort begangen. Der Vater des toten Kindes, der Apotheker aus der Rosenstraße 11, sei den Auftraggebern wegen eines möglichen Abrechnungsbetruges auf der Spur gewesen. Auch herrsche in Sebnitz eine große Ausländerfeindlichkeit, weshalb sie von den Einwohnern schlecht behandelt wurden, erklärt die Familie noch.Sie seien eben Fremde gewesen, sagt Uta Schneider heute. "Das ist so in einer Kleinstadt, da ist es schwer für Leute, die von draußen kommen, Fuß zu fassen." Das habe nichts damit zu tun, dass der Vater Ausländer gewesen sei. "Auch Deutsche, die von außerhalb in Kleinstädte oder Dörfer ziehen, bekommen da Probleme. Das dauert alles seine Zeit", sagt sie. Distanziert seien die Sebnitzer gewesen, das schon, "aber gelästert oder gar beschimpft hat niemand die Familie."Uta Schneider hört damals schon kurz nach dem Tod des kleinen Joseph im Sommer 1997 davon, dass die Kantelbergs an einen Mord glauben und auf der Suche nach Beweisen sind. "Gerüchte machten die Runde. Zuerst hieß es, die Familie sei überzeugt, dass Ärzte und Apotheker dahinter stecken, dann waren es plötzlich Neonazis, und am Ende kam eine Mischung aus beidem heraus", erzählt sie. Sie hört damals auch davon, dass die Kantelbergs Informationen über sie sammeln. "Sie befragten Freunde und Bekannte von mir", sagt sie. Und dann war da noch das grüne Auto des irakischen Apothekers, das so oft auftauchte, wenn sie durch die Stadt ging oder sich mit Freunden traf. "Ich fühlte mich verfolgt", sagt sie heute.Doch schon wenige Tage nach den ersten Presseberichten und der Festnahme von Uta Schneider und ihren beiden Freunden im November 2000 erweisen sich die Vorwürfe der Familie als haltlos. Angebliche Belastungszeugen können die Verdächtigen überhaupt nicht identifizieren und ziehen ihre Aussagen schließlich wieder zurück. Uta Schneider kann nachweisen, dass sie am Todestag des Jungen überhaupt nicht im Schwimmbad gewesen ist. Und auch die beiden anderen Inhaftierten können Alibis vorlegen. Nach fünf Tagen sind alle drei wieder auf freiem Fuß, ein paar Wochen später werden die Ermittlungen im Fall Joseph endgültig eingestellt, die Mordthese ist nicht mehr zu halten. Der Junge, so stellen Experten fest, ist an einer nicht erkannten Herzerkrankung gestorben.Stattdessen ermittelt die Staatsanwaltschaft nun gegen Josephs Mutter. Anstiftung zur Falschaussage wird ihr zur Last gelegt. Wenig später ziehen die Kantelbergs aus Sebnitz fort, zurück in den Westen.Seitdem stand das Haus in der Sebnitzer Rosenstraße leer. Vergeblich hatte die Familie all die Jahre hindurch versucht, einen Käufer für das Fachwerkhaus zu finden, in dessen Sanierung sie umgerechnet rund 1,2 Millionen Euro gesteckt hatte. Aber wie Uta Schneider, die von den Kantelbergs damals zu Unrecht als Mörderin beschuldigt wurde, machten alle Sebnitzer einen weiten Bogen um das leere Haus.Im vergangenen Jahr schließlich wird das Grundstück zwangsversteigert. Loek Duijn, ein 60-jähriger Holländer, dem noch mehr Häuser in Sebnitz gehören, kauft das Fachwerkgebäude für 260 000 Euro. Das ist ein äußerst günstiger Preis, denn er ersteigert auch die komplette Einrichtung der Apotheke im Erdgeschoss mit.Duijn spricht Utas Vater Ekkehard Schneider an, dem schon eine andere Apotheke in Sebnitz gehört. Der lehnt ab, verspricht aber, seine Tochter, die zu der Zeit noch in in einer Dresdener Apotheke angestellt ist, zu fragen."Ich habe erst einmal nein gesagt, als mein Vater mich anrief", erzählt sie. Die Vorstellung, in das Haus und das Geschäft dieser Familie zu gehen, die sie damals als Mörderin verschrien hatte, sei für sie unvorstellbar gewesen. Dann habe sie aber noch einmal nachgedacht, schließlich wollte sie sowieso irgendwann mal zurück nach Sebnitz, um die Apotheke ihres Vaters zu übernehmen."Aber meine Entscheidung wollte ich davon abhängig machen, wie das Haus auf mich wirken würde", sagt sie. "Ich hatte Angst, dass all das, was so weit weg ist, wieder hochkommt und mir den Hals zudrückt, wenn ich das Haus betrete."Aber dann ist alles doch ganz leicht. Zusammen mit ihrem Vater und Loek Duijn schaut sie sich das Haus an. "Ich habe die Apotheke als Apotheke gesehen, nicht mehr als das frühere Geschäft dieser Familie", sagt sie. Und außerdem habe die Apotheke noch sehr gut ausgesehen, die Räume mit den modernen Schränken und Regalen, mit den Laborgeräten und den Chemikalien, von denen noch viele zu verwenden waren. "Ich hab's gemacht", sagt sie. Sie hat den Mietvertrag unterschrieben, einen Kredit aufgenommen, um die Einrichtung zu kaufen, und drei Mitarbeiter eingestellt. Wohnen wird sie ein paar Häuser weiter.Am heutigen Montag kommt eine Frau vom Regierungspräsidium, um die letzte Genehmigung für den Geschäftsbetrieb zu erteilen, am Abend gibt es einen kleinen Empfang für die Ärzte und Apothekerkollegen aus der Region. "Und am Dienstag schließe ich die Tür auf", sagt Uta Schneider.Die Kantelbergs wohnen inzwischen in Iserlohn, in Nordrhein-Westfalen, und betreiben dort eine kleine Apotheke. Auch sie haben davon gehört, dass Uta Schneider jetzt ihre alte Apotheke in Sebnitz übernehmen wird. "Es ist wie eine Hinrichtung für uns, dass die Frau, die den Tod unseres Kindes zu verantworten hat, jetzt unser Geschäft bekommt", sagt der Vater. Er glaubt wohl immer noch an ein Komplott der Sebnitzer Bevölkerung gegen seine Familie. "Von vornherein wollten sie unser Haus haben und die Existenz eines Konkurrenten zerstören", sagt er. "Das ist jetzt vollbracht." Eines Tages aber werde er alle Beweise offen legen und mit Hilfe internationaler Rechtsanwälte den Mord an seinem Sohn sühnen, kündigt er an. "Deutsche Anwälte nämlich können und wollen mir nicht zu meinem Recht verhelfen."Uta Schneider weiß, dass die Kantelbergs noch immer ihrer Mordtheorie anhängen. Aber es interessiert sie nicht mehr, sie will diesen "Unsinn", wie sie sagt, nicht mehr an sich heranlassen. "Dass ich hier in diesem Haus jetzt arbeite, hilft mir dabei", sagt sie.------------------------------"Ich hatte Angst, dass all das, was so weit weg ist, wieder hochkommt und mir den Hals zudrückt, wenn ich das Haus betrete." Uta Schneider------------------------------Foto: Uta Schneider vor dem Haus in der Sebnitzer Rosenstraße, in der einmal die Familie Kantelberg-Abdulla ihre Apotheke hatte