Tief saß der Antisemitismus beim letzten deutschen Kaiser. Wilhelm li. Judenhaß war ein wesentliches Merkmal seiner Weitsicht. In England, wo gegenwärtig Geschlchtsllteratur über Deutschland In der 1. Hälfte unseres Jahrhunderts boomt. wurden jetzt auch wenig bekannte antisemitische Bekenntnisse des 1918 gestürzten Hohenzollernmonarchen der Öffentlichkeit vorgestelltWllhelms rassistische Ansichten entwickelten sich aus den grobschlächtigen Vorurteilen, mit denen Ihn 1879-80 seine Offlzierskameraden beim Potsdamer Garderegiment auf der Höhe der ersten antisemitischen Welle In Deutschland nach der Reichseinigung infizierten.Ängste der ElternSeine Eltern, Kronprinz Friedrich und die englische Mutter Victoria, beide Beftirworter der Emanzipation der Juden, fürchteten, wegen Wilhelms "Mangel an Tiefe und Geist" würden "die oberflächlichen, banalen, kleinlichen Ansichten des 1. Garderegiments Gift für seine Seele" sein. Seine Mutter klagte, ihr Sohn verwandle sich In einen "erztypischen" Potsdamer Leutnant, großmäulig, mit dem Haß auf alles Ausländische und der Ignoranz eines Chauvinisten.In Briefen aus dieser Zeit charakterisierte Wilhelm die progressive Freisinnige Partei als die "Blödsinnigen", ihren Führer Forckenbeck nannte er "Ferkeibock", und er erklärte, er werde den Einfluß der Juden inder Presse beseitigen, sobald er den Thron besteigt. In einem Brief an seinen Großvater Wilhelm 1., der auch ein Antisemit war, pries er 1885 den Hofprediger Adolf Stoecker als der Hohenzoller-Monarchle stärkste Säule und mutigsten Krieger gegen die "scheußlichen und berüchtigten" Verleumdungen der ~verdammten jüdischen Presse und jüdischen Gerichte". Swecker war der Gründer der ersten deutschen antisemitischen Partei, der Christlich-sozialen Arbeiterpartel. In einer Verleumdungsklage eines jüdischen Chefredakteurs befand ein Gericht Ihn seinerzeit für schuldig.Wllhelms Mentor war der berüchtigte Antisemit Graf Waldersee, der die paranolde Auffassung vertrat, es gäbe eine Weltverschwörung des internationalen Judentums im Bündnis mit den demokratischen Kräften zur Zerstörung der preußischen Moilarchle. 1887 lÖste Wilhelm einen Skandal aus, als er in Waldersees Haus bei einem antisemitischen TrCffen zur Unterstützung Stoeckers diesen als "zweiten Luther" pries. Die seinen sterbenden Vater, den 99-Tage-Kalser Friedrich 111., behandelnden Ärzte beschimpfte Wilhelm in Briefen an seinen engen Freund Eulenburg als ,Judeniümmei", "Hunde", "Gauner" und "Satansknochen". Er glaubte, jüdische und englische Doktoten hätten seinen Vater getötet. Letztere machte er auch für seinen verkrüppelten Arm verantwortlich.Bund mit ChamberlainWilhelms mit virulenten antienglischen Vorurteilen kombinierter Antisemitismus entwickelte sich, als er sich von seiner englischen Mutter entfremdete. Nachhaltigen Einfluß auf seine Entwicklung hatte 1901 ein Treffen mit Houston Stewart Chamberlain, dem Autor des wichtigsten politischen Manifests des Antisemitismus vor Hitlers "Mein Kampf". In Chamberlain fand der Kaiser einen Verbündeten im Kampf für das "Urarisch-Germanische, das tief in mir schlummerte" und sich seinen Weg an die Oberfläche erkämpfte. Von dieser Zelt an äußerte Wilhelm Immer übiere antisemitische Auffassungen.In einer von der englischen Anstokratin Lady Susan Townley festgehaltenen Unterhaltung beschrieb der Kaiser die Juden als Deutschlands "Fluch". Sie "halten mein Volk arm und in Ihren Klauen". In jedem kleinen deutschen Dorf sitze "ein drekkiger Jude, der wie eine Spinne die Menschen in sein Wuchernetz zieht"."Verführte" DeutscheNach seiner 1918 vom Volk erzwungenen Abdankung schrieb Wilhelm 11. im August 1919 aus dem Exil im niederländischen Doom an den General v. Mackensen, die Deutschen seien verführt und getrieben worden "vom Stamme Juda, den sie hassen ... Kein Deutscher darf das je vergessen noch ruhen, bis diese Parasiten von deutschem Boden vertilgt und ausgerottet sind! Dieser Giftpilz an der deutschen Eiche." Weiter schrieb er dem General, ,Juden und Moskltos sind eine Plage", von der sich die Menschheit "auf die eine oder andere Welse" befreien müsse. in Vorwegnahme von Hltlers Gaskammern schlug er vor, "ich glaube, das beste wäre Gas".1940 behauptete Wilhelm 11., die Juden und die Freimaurer härten zwelmal, 1914 und 1939, Vernichtungskriege gegen Deutschland vom Zaune gebrochen. Sie wollten ein von britischem und amerikanischem Gold gestütztes "Jüdisches Weltreich" errichten.Der Artikel basiert auf Forschungen von John C. G. Röhl, Professor für Geschichte an der Universität Sussex. Sein Buch "The Kaiser and his Co~jrt", Cambridge Universlty Press, erschien 1994, Preis 29,95 Pfund.