Poesie ist göttlicher Botenstoff. Sie bringt einzigartige Mitteilungen aus dem inneren Kosmos des Menschen. In gut zwei Dutzend Essays, die in den letzten Jahren entstanden sind, sortiert und kommentiert Kling unter dem Titel "Botenstoffe" sein Quellenmaterial und arbeitet sein poetisches Umfeld nachrichtenmäßig auf. Die einzelnen, scheinbar zersprengten Themen fügen sich zu einem deutlich erkennbaren Raum, der nicht nur bislang wenig betrachtete literaturgeschichtliche Zusammenhänge deutlich werden lässt, sondern gleichzeitig die Poetik Thomas Klings beherbergt. Kling räumt mit Missverständnissen auf, indem er historisch weit ausholt. Seine Kritiker werfen ihm oft vor, hermetisch zu schreiben, meinen wohl aber eigentlich unverständlich. Der Dichter rückt den Begriff ins rechte Licht, in die unmittelbare Nähe zur mythologischen Hermesfigur. Der Götterbote funktioniert in seiner steten Reise- und Übersetzungstätigkeit zwischen Oben und Unten und zwischen Licht- und Schattenreich als "Teilchenbeschleuniger, als Beschleuniger von Sprachteilchen", als Vermittler der Sphären.Den Vorwurf des Bildungsfetischismus, der gegenüber Kling oft geäußert wird - und den er mit diesem oft witzigen, zwischen den Zeiten zappenden Essayband entschieden entkräftet -, hat es längst zu anderen Zeiten gegeben. Auch T. S. Eliot musste auf ähnliche Weise Ezra Pound verteidigen, jener wies darauf hin, dass die Verwertung von Bildungsstoff nicht heiße, ihn gleichermaßen beim Leser vorauszusetzen. Lesen sollte auch nach Klings Verständnis Herausforderung bleiben: "Das Gedicht ist ein feuriges Plädoyer, zunächst einmal für die Benutzung des Verstands. " Der gleiche Vorwurf wurde übrigens schon der Barockdichtung gegenüber erhoben. Das lässt Klings Affinität zum 17. Jahrhundert verstehen. Barockdichter wie Johann Michael Moscherosch zählen zu den ersten Benutzern von Rotwelsch in der Poesie. Rotwelsch ist nach Kling die schnelle Rhetorik randständiger Sprachen, offene Hermetik, von Orpheus im Studio eingesprochen. Für Kling ist der Slang schon immer ein notwendiges Gegengift zum hohen Ton gewesen, der nur in homöopathischen Dosen dem menschlichen Gehirn zumutbar sei.Eine diesem Band zu verdankende Wiederentdeckung ist die mexikanische Ordensfrau Juana Inéz de la Cruz. Eine hochgebildete Solitärin im nicht gerade bildungsgleichberechtigten 17. Jahrhundert, die mit Interesse naturwissenschaftliche Entwicklungen verfolgte. Mit fast prophetischer Gabe verfasste sie das schon formal faszinierende Langgedicht "Erster Traum". Der Mensch wird bei ihr zur Maschine, zur Wundermaschine, sein Herz ist mit einem "Blasebalg verbunden - Lunge oder Magnet des Windes heißt er". Kling sieht in dieser Annäherung an den Körper in seiner Funktionsweise erste Vorboten der modernen Gehirnphysiologie.Im Essay "Avantgarde-Bashing" zur Verprügelung der Avantgarde, befreit der Autor den Expressionismus rigoros von einem "pappig-zuckerwattigen Nachgeschmack", den zu lange schon die noch immer als maßgeblich gewertete Anthologie von 1919 unter dem Titel "Menschheitsdämmerung" mit ihren "ekstatischen Parfümiertheiten" erzeugte. Kling bedauert das Desinteresse zeitgenössischer Autoren am Expressionismus. Dieser bleibe eine extrem materialintensive Periode und sei zu Unrecht fast völlig aus dem zeitgenössisch-literarischen Botenstoffarsenal verschwunden. Ebenso entbindet Kling Christine Lavant vom Stigma der unbefriedigten hinterwäldlerischen Außenseiterin und weist nach, dass sie eine "gezielt Randalierende in einer reaktionären Nachkriegszeit" war, die die historische Sprache ihrer engeren Umgebung genau gekannt und eingesetzt hat.Als "Schriftbenutzer" weiß Kling um die Herausforderungen der neuen Medien an die alten. Er weist "smarte Beweglichkeit" schon bei Merkur nach, bei Hermes den Hang zum Vielfliegen, zum Hacken und zum Surfen. An der Figur des ägyptischen Mond- und Schriftgottes Thot verweist Kling auf den Zusammenhang von Zeitverwaltung und Schrift. Thots Aufgabe, Hüter schriftlich festgelegter Gesetze zu sein, verband sich mit der Umlaufbahn des Mondes - auf seine regelmäßige Zu- und Abnahme bauten die Ägypter ihre Zeitdefinition auf. So wurde der Herr der Schrift auch zum Herr der Zeit. Thomas Kling arbeitet nicht nur in seinen Gedichten, sondern auch in diesen Essays gegen ihre Verselbstständigung als pure Gegenwart.Thomas Kling: Botenstoffe. Essays. DuMont Buchverlag, Köln 2001. 244 S. , 36 Mark.