In seiner Sozialenzyklika fordert Benedikt XVI. eine ordnende "Weltautorität": Papst rügt Gier und ungezügelten Kapitalismus

ROM/BERLIN. Papst Benedikt XVI. hat gestern seinen Entwurf für eine neue Weltordnung vorgelegt. In der Enzyklika "Caritas in Veritate" (Liebe in Wahrheit), die er einen Tag vor Beginn des Gipfels der Staats- und Regierungschefs der G8-Staaten im italienischen L'Aquila vorstellte, aktualisiert er die katholische Soziallehre für das Zeitalter der Globalisierung. Die Wirtschaft brauche eine Ethik, die den Menschen und sein Wohl in den Mittelpunkt rückt, lautet die Kernbotschaft. Sie richtet sich nicht zuletzt an die Mächtigen der Welt, die sich inmitten einer Krise treffen, als deren Ursachen der Papst Verzerrungen und Missstände in den Wirtschafts- und Finanzsystemen ausmacht.In nahezu weltlicher Sprache rügt das Kirchenoberhaupt ungezügelten Kapitalismus, unregulierte Marktkräfte und Protektionismus. "Die Krise verpflichtet uns, unseren Weg neu zu planen, uns neue Regeln zu geben und neue Einsatzformen zu finden", schreibt Benedikt. Er mahnt die Regierungen, die nationalen Ökonomien stärker zu regulieren, um die Krise zu überwinden und ihre Wiederholung zu vermeiden.Auch eine Reform der UN halte er für notwendig, formuliert der Papst in seinem Rundschreiben an die Kirche. Er verlangt eine "echte politische Weltautorität" zur Kontrolle der Wirtschaft und greift damit eine Idee seines Vorgängers Johannes XXIII. aus dem Jahr 1961 auf. Die Frage könnte Thema des Gesprächs zwischen dem Papst und US-Präsident Barack Obama werden, wenn sich beide am Freitag in Rom treffen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bekräftigte gestern ihren Vorschlag, die G20 zum mächtigsten Entscheidungsgremium für globale Fragen zu machen.Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, nannte gestern die Enzyklika ein großartiges Werk. Der Papst gebe Anregungen, in welche Richtung sich die Gesellschaft entwickeln müsse. Bundeskanzlerin Angela Merkel lobte das Dokument als "Ermutigung für eine soziale Welt". Es sei "ein wichtiger Hinweis, sich für die soziale Marktwirtschaft global einzusetzen", so die CDU-Politikerin. Der SPD-Kanzlerkandidat, Außenminister Frank-Walter Steinmeier, begrüßte, dass der Papst "sehr klare Konsequenzen" aus der Finanz- und Wirtschaftskrise anmahne.Der katholische Sozialethiker Friedhelm Hengsbach sieht in Benedikts Enzyklika hingegen Defizite. Die Probleme der Finanzmärkte seien schwach dargestellt, es gebe keine konkreten Anweisungen, wie sie gelöst werden könnten. Überholt sei die Forderung nach einer politischen Weltautorität. Enttäuscht äußerte sich auch das globalisierungskritische Netzwerk Attac. Angesichts weltweiter struktureller Ungleichheiten bleibe der Ton des Schreibens "ausgesprochen hilflos". Die Linke nannte es begrüßenswert, dass sich der Papst zur Krise äußere. Die Enzyklika bleibe aber in Fragen konkreter Maßnahmen hinter den Erwartungen zurück, sagte Bodo Ramelow, religionspolitischer Sprecher der Fraktion.------------------------------Zum ThemaDer Weltpolitiker: Obama demonstriert souverän seinen Anspruch. Seite 4Die Enzyklika: Was heißt Hedgefonds auf Lateinisch? Seite 6Der Gipfel: Die Proteste formieren sich in Italien. Seite 10