In Stuttgart wird darüber diskutiert, wie schnell ein Zug sein muss. In Limburg-Süd weiß man, dass selbst ein ICE auch mal ein bisschen langsamer fahren kann.: Das Limburg-Süd-Montabaur-Gefühl

Der ICE-Bahnhof Limburg- Süd ist der schnellste Bahnhof Deutschlands, vielleicht Europas, eventuell sogar der Welt. Andere Bahnhöfe mögen größer sein - in Limburg-Süd gibt es nur zwei Bahnsteige, einen Kaffeeautomaten und keine Toiletten. Aber selbst die größten Bahnhöfe in Berlin, Wien, London oder Rom müssen sich der Schnelligkeit des ICE-Bahnhofs Limburg-Süd chancenlos geschlagen geben. Natürlich ist der Bahnhof selbst, auch wenn er in seinem gläsernen Gewand auf den ersten Blick ganz leicht, fast schwebend wirkt, standfest und zuverlässig unbeweglich, aber die Energie, die sich unter seinem Stahldach versammelt und die von ihm ausgeht, ist in höchster Dosis konzentriert: Nur ICE-Züge der jüngsten Generation, also die stärksten und leistungsfähigsten fahren hier ein und aus, kein Regionalzug und kein Intercity verirrt sich auf diese Strecke und unter dieses Bahnhofsdach. Häufig rasen die Züge mit bis zu 300 Stundenkilometern ohne Halt vorbei, ein Donnerschlag, der den auf den Bahnsteigen wartenden Reisenden die Sprache verschlüge, stünden dort welche herum. Aber meistens sind die Bahnsteige leer.Ein leerer Shuttle-Bus42 Mal am Tag jedoch besuchen die ICE auf der Fahrt von Frankfurt am Main nach Köln oder von Köln nach Frankfurt am Main den Bahnhof Limburg-Süd. Sie kommen ganz langsam heran, leise und vornehm. Manchmal steigen dann Reisende ein - zumeist in den frühen Morgenstunden, zumeist ohne Gepäck und zumeist in Fahrtrichtung Frankfurt. Manchmal steigen Reisende auch aus - zumeist in den frühen Abendstunden, ohne Gepäck und in Fahrtrichtung Köln, denn es sind die Reisenden der frühen Morgenstunden. Der ICE-Bahnhof Limburg-Süd ist vielleicht der schnellste Bahnhof der Welt, denn er ist der einzige Bahnhof Deutschlands, der nur von ICE-Zügen angefahren wird. Warum?Eine Antwort ist vor 5.30 Uhr nicht zu bekommen. Dann erst setzt sich an jedem Werktagsmorgen in der Woche am alten Bahnhof in Limburg an der Lahn der erste Shuttle-Bus in Bewegung, der Arbeiter und Angestellte, herbeigeströmt aus Hünfelden und Brechen, aus Beselich, Selters, Aull und Runkel, in fünfminütiger Fahrt zum schnellsten ICE-Bahnhof befördert. Und wie es sich für einen Bus gehört, der den Anschluss an einen so rapiden Bahnhof herzustellen hat, startet er an diesem Freitagmorgen pünktlich, wenn auch nur mit einem Fahrgast. Wo sind denn nun die Menschen aus Hünfelden, aus Brechen, aus Beselich? ... "Warten Sie's ab", knurrt der Busfahrer, "die Rushhour beginnt doch erst." Wird dann noch genügend Platz sein für all die Menschen aus Selters, Aull und Runkel? "Natürlich. Mehr als zehn pro Fahrt sind es ja selten."So geht es hinaus aus Limburg an der Lahn, fort von seinen 33000 Einwohnern, den gemütlichen Fachwerkhäusern, dem auf einen Felsen gesetzten spätromanischen Dom, der hinter den wuchtigen Türen den Besucher zur Andacht ermahnt, vor den Türen jedoch, ein wenig abseits, zum stillen Gedenken an Stalingrad 1942/43. Der kurze Weg zum schnellsten Bahnhof führt nach zwei, drei Kilometern an zwei Fast-Food-Restaurants vorbei, am sechsstöckigen Max-Value-Tower, in dem ein Fitness-Studio, eine Software-Firma und eine "Senioren-Immobilien GmbH" residieren, und wer sich angesichts der Menschenleere vor dem Bahnhof beim Busfahrer erkundigt, ob die vielen Parkplätze nicht ein wenig übertrieben seien, wird beim Ausstieg eventuell mit der Antwort entlassen: "Sie haben wohl zu viele Scherzkekse geknabbert."Es ist 5.37 Uhr, die Türen zum schnellsten Bahnhof Deutschlands öffnen sich mit einem Quietschen automatisch und geben den Blick ins Leere frei - ein Durchgangsraum ohne Zeitungskiosk, ohne Drogeriemarkt, ohne WC, und das "DB-Reisezentrum" öffnet erst um 6.30 Uhr. In fünf Minuten fährt der ICE nach Essen ein. Man kann nicht sagen, dass ihn in Limburg-Süd ein begeisterter Empfang erwartet. Kein Mensch steht auf dem zweiten Bahnsteig ("Gleis 4"). Kein Geräusch stört die Stille, selbst die benachbarte Autobahn lässt noch nicht von sich hören.5.38 Uhr: Das Klappern eines Rollkoffers bezeugt den Einzug menschlichen Lebens. Ein Reisender geht geruhsam über die gläserne Brücke, die unter dem Stahldach zum zweiten Bahnsteig führt, fährt mit dem Aufzug herunter, tritt in den Raucherbereich und zündet sich eine Zigarette an. Ihm folgt eine Frau, schnellen Schritts und ohne Gepäck, dann ein paar Männer in Anzügen unter Winterjacken und mit Aktenkoffern. Sie reden so laut, als ertrügen sie die Stille nicht.5.41 Uhr: Vom ersten Bahnsteig aus betrachtet - der vollkommen verlassen liegt - wirkt der zweite Bahnsteig sehr belebt. Denn mehr als ein Dutzend Reisender bereiten sich inzwischen auf die Ankunft des ICE 918 vor.5.42 - 5.44 Uhr: Fast geräuschlos, majestätisch langsam, läuft der Zug in den schnellsten Bahnhof Deutschlands ein, ein Mensch steigt aus, das Dutzend Wartender steigt ein, aus einem Lautsprecher sagt eine freundliche Frauenstimme: "Nächster Halt in Montabaur", mit einem leichten Ruck setzt der ICE sich in Bewegung, und wenige Sekunden später liegt Bahnsteig zwei wieder so verlassen da wie noch immer Bahnsteig eins.5.46 Uhr: Das Café neben dem Bahnhof - ein Stehcafé, das auch Stühle bereithält - hat schon geöffnet. Seine Lage ist günstig. Die Reisenden können die Bahnhofshalle umgehen und so direkt die Bahnsteige erreichen, aber dann müssen sie am kleinen Café vorbei. Und wenn niemand vorbeikommt, wie bisher an diesem Morgen? Die Verkäuferin sieht auf die Uhr und sagt gelassen: "Sechs Uhr dreizehn, ICE nach Frankfurt." 6.05 Uhr: Das Café ist voll. Auf Bahnsteig eins stehen ein paar Dutzend Männer und Frauen, viele mit Aktentaschen, manche mit einem Becher Kaffee.6.11 Uhr: Als der ICE 523 einfährt, verlassen vier Reisende den Zug, mehr als 100 steigen zu. 6.14Uhr: Bahnsteig eins ist so leer wie das Café. Besetzt aber sind die Parkplätze direkt vor dem Bahnhof. Die Verkäuferin sagt: "Um neun ist der Trubel vorbei." Morgens ein paar Hundert Pendler von Limburg nach Frankfurt - manche sagen, mehr als Tausend -, abends ein paar Hundert Pendler von Frankfurt nach Limburg. Der ICE-Bahnhof Limburg-Süd ist also ein ganz normaler Pendler-Bahnhof. Aber warum muss er der schnellste Bahnhof Deutschlands sein und damit vermutlich der schnellste Pendler-Bahnhof des Universums?Die Antwort kommt aus dem Lautsprecher um 6.20Uhr. Der ICE826 steht zur Abfahrt nach Köln bereit, wieder steigen ein paar Leute aus, wieder steigen nur wenige ein, denn die Limburger Pendler streben nach Frankfurt, nicht nach Köln, und wieder sagt die Frauenstimme: "Nächster Halt in Montabaur." Dieser Halt wird nach 20 Kilometern erreicht, genauer gesagt nach neun Minuten. In neun Minuten kann überall eine Menge geschehen - ein Stürmer von Werder Bremen durfte vor Jahren einmal neun Minuten in der Nationalelf spielen und danach nie wieder, in der Siegburger Notrufzentrale, berichtete jüngst eine Zeitung, klingele alle neun Minuten das Telefon -, aber nur auf der Strecke Limburg-Süd-Montabaur und selbstverständlich auch auf der Strecke Montabaur-Limburg-Süd entsteht in neun Minuten das spezielle, das einzigartige Limburg-Süd-Montabaur-Gefühl.Seine Entstehung beginnt, sobald sich der Zug in Bewegung setzt. Warum, wird sich der Reisende sofort fragen, wird der schnellste aller deutschen Hochgeschwindigkeitszüge, der deutsche Höchstgeschwindigkeitszug, nach 20 Kilometern in neun Minuten zum Halten gezwungen, obwohl er auf dieser Strecke und in dieser Zeit garantiert nicht bieten kann, wofür er geschaffen worden ist - mit Höchstgeschwindigkeit zu fahren?Je länger sich der Reisende mit dieser Frage beschäftigt, desto deutlicher wird ihm ein Bild vor Augen treten, das ihm - während der ICE sich mit moderatem Tempo dem Westerwald nähert - eine Geschichte erzählt. Auf dem Bild ist die Karte Deutschlands zu sehen mit seinen 16 Ländern. Die Geschichte könnte überall in Deutschland, in jedem seiner Bundesländer spielen, und sie spielt auch überall seit 60 Jahren. Um sie zu erzählen, genügen neun Minuten: Vor Jahrzehnten hatte die Bahn befunden, es sei an der Zeit, die Ballungsräume Köln (mit dem Ruhrgebiet) und Frankfurt (Rhein-Main-Gebiet) mit einer Schnellbahnstrecke zu verbinden. Daraufhin rief der Oberbürgermeister Bonns, ein Stopp in der (damaligen provisorischen) Bundeshauptstadt sei unverzichtbar. Zwar warnte ein Vorstand der Bahn, ein Stopp an jedem Baum widerspreche dem Ziel der schnellstmöglichen Verbindung zweier Ballungsräume. Andererseits war der hessischen Stadt Limburg schon Ende der 80er-Jahre ein ICE-Halt versprochen worden, der rheinland-pfälzischen Stadt Montabaur hingegen war er nicht versprochen worden, weshalb nun Rheinland-Pfalz auch für Montabaur einen ICE-Bahnhof verlangte, denn was man hat, das hat man, und was der andere hat, das hat man auch zu haben.Schließlich hatte Bonn 2004 seinen ICE-Bahnhof bekommen, wenn auch etwas entfernt in Siegburg, Limburg hatte im August 2002 seinen ICE-Bahnhof bekommen, und selbstverständlich hatte im Juli 2002 auch Montabaur seinen ICE-Bahnhof bekommen. Der ICE-Bahnhof Limburg-Süd soll 18 Millionen Euro gekostet haben, der ICE-Bahnhof Montabaur 14 Millionen. Und weil man haben muss, was auch der andere hat, hält jeder ICE, der zwei Minuten in Montabaur hält, nun auch zwei Minuten in Limburg Süd, und umgekehrt. Aus Montabaur ist zu hören, der Bahnhof bewähre sich bis heute als effektive Wirtschaftsfördermaßnahme für den gesamten Westerwald. Auch auf das Wirtschaftsleben im Limburger Becken soll der ICE-Bahnhof Limburg-Süd belebend wirken.Föderalismus und GemächlichkeitUnd was sagt die Bahn dazu, die doch jede überflüssige Minute Fahrtzeit zwischen Köln und Frankfurt mit der Schnellstrecke und den Hochgeschwindigkeitszügen zum Verdampfen bringen und Bäume als Haltestellen ignorieren wollte? Was sie zu sagen hat, das steht in den Verbindungsplänen.Der ICE von Frankfurt am Main Hauptbahnhof nach Köln benötigt ohne Halt in Limburg-Süd und Montabaur eine Stunde und drei Minuten, mit Halt hingegen eine Stunde und dreiundzwanzig Minuten. Das ist die Geschichte, die das Bild erzählt, das dem Reisenden im ICE zwischen Limburg-Süd und Montabaur vor Augen tritt. Das Gefühl, das dabei in ihm entsteht, ist das sehr spezielle, etwas mulmige Limburg-Süd-Montabaur-Gefühl, anderenorts in Deutschland dürfte man es als Föderalismus-Gefühl bezeichnen.Aber vielleicht, denkt der Reisende, sind die zwei Bäume am Limburger Becken und im Westerwald, an denen nun Werktag für Werktag 42ICE ihre Fahrt für insgesamt 168 Minuten unterbrechen, viel eher ein stummer Protest gegen den Triumph der Beschleunigung. Die Demonstranten, die seit Monaten in Stuttgart gegen das Projekt 21 protestieren, richten sich auch gegen eine geplante Neubaustrecke der Bahn, durch die sich die Fahrzeit von Stuttgart nach Ulm von 54 auf 28 Minuten verringern soll. Aber was bedeutet schon ein Zeitgewinn von 26 Minuten? Gibt es nicht Wichtigeres? In Limburg und in Montabaur hat sich die Bahn vor Jahren schon auf ihr Kerngeschäft besonnen: Sie nimmt die Menschen mit. Selbst wenn sie dafür an Bäumen halten muss.------------------------------Karte: ICE Strecke 918 zwischen Köln und Frankfurt am MainFoto: Leere Bahnsteige und weites Land - ein Blick auf den ICE-Bahnhof Limburg-Süd, der achtzehn Millionen Euro gekostet hat und nur ein paar Minuten am Tag wirklich genutzt wird.