ADELAIDE. Träge schlängelt sich der Murray durch die Landschaft: eine braune Brühe, mehr dünnflüssiger Matsch als Fluss. Einst war er der wasserreichste Strom des ganzen Landes, aber seine Kraft ist versiegt. Der Nordosten Australiens hat gerade die schwersten Überflutungen seit Menschengedenken erlebt, hier im Süden jedoch herrscht seit zehn Jahren Dürre. Nun ist der Streit um das Wasser des Murray entbrannt. Es soll neu verteilt werden, und jeder verteidigt seine Interessen: Die Farmer. Die Umweltschützer. Die Städter. Und die Aborigines.Onkel Matt ist vom Stamm der Ngarrindjeri. Eigentlich heißt er Matt Rigney, doch Stammesälteste nennt man Onkel. Die Ngarrindjeri leben rund um den Coorong, so heißt die Lagunenlandschaft, wo der Murray ins Meer mündet. Der Coorong hat die Form eines langen Nackens, Karangk in der Sprache von Onkel Matt. In den Dünen des Coorong springen kleine Kängurus herum, und Emu-Herren führen ihre Kinder spazieren. Weiter draußen auf den kleinen Inseln ziehen Pelikane ihre Nachkommen auf, verbuddeln Schildkröten ihre Eier.Kein Fisch mehr für die PelikaneOnkel Matts Haut ist von der Sonne gegerbt, er ist auf einem Auge blind. Er sitzt im Gras am Ufer des Lake Albert, dreht sich eine Zigarette und erinnert sich an seine Kindheit. Als Junge suchte er das Süßwasser, das zwischen dem Schilf aufstieg, doch heute gibt es hier nur noch dreckiges Brackwasser. "Meine erste Frau liebte Pelikane", erzählt er. "Ich glaube, sie wurde als Pelikan wiedergeboren. Immer, wenn ich einen einsamen Pelikan sehe, dann sage ich: Komm zu mir, mein Schatz. Doch die Pelikane, die drüben bei Jack's Point brüten, finden keinen Fisch mehr, weil dass Wasser in der Lagune zu salzig ist. Sie müssen immer weiter fliegen. Und ich sehe meinen Schatz immer seltener." Die "Whitefellas" hätten keine Ahnung, wie man das Land zu behandeln habe, klagt er. Durch ihre Schuld verliere sein Stamm seine Heimat.Dass der Murray dahinsiecht, weil ihm auf seinem Lauf zu viel Wasser entnommen wird, bestreitet inzwischen niemand mehr. Eine eigene Behörde, die Murray Darling Basin Authority (MDBA), wurde gegründet, um einen Nutzungsplan zu erstellen. Wahlkämpfe hatten Verzögerungen zur Folge, und weil das Thema überaus heikel ist, wurden schließlich statt eines verbindlichen Plans nur "Richtlinien" veröffentlicht. Drei bis vier Milliarden Kubikmeter Wasser soll die Umwelt demnach zurückerhalten, das ist etwa hundertmal so viel, wie der Müggelsee fasst.Für die Wirtschaft heißt das, mit 27 bis 37 Prozent weniger Wasser auszukommen. Die Landwirtschaft rechnet mit einem Verlust von 805 Millionen australischen Dollar pro Jahr, umgerechnet 580 Millionen Euro. Die Farmer diskutieren über den Verzicht auf maximal zweieinhalb Milliarden Kubikmeter Wasser. Für sie geht es um das wirtschaftliche Überleben.Vermutlich hat Onkel Matt recht, und die "weiße", westliche Wirtschaftsweise trägt die Schuld an dem Desaster am Murray. Australische Flüsse sind nun einmal anders als europäische Flüsse. Sie sind unberechenbar, viele führen nur gelegentlich Wasser. Man hat sich nie auf sie verlassen können. Doch die Siedler, die aus England herüberkamen, waren keine Geowissenschaftler, sie hatten keine Ahnung von diesem Kontinent. Sie dachten an ihre Heimat, an grünes Land und regelmäßige Regengüsse, und sie taten, was sie gelernt hatten: Sie beackerten ihre Felder, züchteten Rinder, hielten Milchkühe. Rund zwei Millionen Menschen leben heute am Murray, knapp zehn Prozent der australischen Bevölkerung.Katheryn Rohdes Vorfahren kamen vor 150 Jahren nach Murray Bridge. 15000 Einwohner zählt heute die Stadt, von der es nur wenige Kilometer zum Coorong und zur Flussmündung sind. "Als ich klein war, kamen Maler zu uns, um sich von der Landschaft inspirieren zu lassen", erzählt sie.Doch im vergangenen September hat Rohde ihre letzte Kuh gemolken. Der Grundwasserspiegel sank, das Land trocknete aus, riss auf, die Rinder brachen sich die Beine auf dem unwegsamen Grund, sie verloren ihre Kälber. Mit dem Wasser versiegte ihre Milch. "Ich kenne mein Land in- und auswendig, es ist in meinen Händen, in meiner Seele, es ist in den Falten in meinem Gesicht. Mit meinem Hof ist ein Stück von mir gestorben", sagt Rohde. So wie ihr geht es vielen Farmern.Hätten sie etwas ahnen können? Aber woher? Als die Regierungen der einzelnen Bundesstaaten vor etwa 30 Jahren schrittweise ein Lizenzsystem einführten, das den Bauern erlaubte, bestimmte Mengen Flusswasser zu nutzen, wussten schließlich selbst die Experten noch nicht, dass sich Australien lediglich in einer kurzen Periode des Überflusses befand. Erst als der Regen ausblieb, die Jahreszeiten immer unberechenbarer wurden und zur Jahrtausendwende dann die große Dürre einsetzte, reifte die Erkenntnis, dass nicht die Trockenheit der Sonderfall war, sondern die feuchte Zeit zuvor.Mehr als 200000 Wasserlizenzen haben die Behörden seit den 1980er-Jahren vergeben, doch seit Jahren können die Bauern ihre Kontingente nicht mehr ausschöpfen. Die Regierung sah sich gezwungen, Lizenzen zurückzukaufen, um den Fluss am Leben zu erhalten und die Wasserversorgung der Städter zu sichern. Die Millionenstadt Adelaide bezieht rund die Hälfte ihres Wassers aus dem Murray. Seit fünf Jahren schreibt die Regierung den Bürgern vor, wie sie dieses Wasser zu nutzen haben: Blumen dürfen nur morgens und abends gegossen werden, eine Stunde lang und auch nur mit der Gießkanne oder dem Sprinkler. Autowaschen ist nur mit Schwamm und Eimer erlaubt. Viele Adelaidians haben sich Regenwassertanks auf ihre Dächer gesetzt. Denn Regenwasser schmeckt noch immer besser als das chlorreiche Wasser aus dem Hahn.Chris Miller, Wissenschaftler an der Flinders-Universität in Adelaide, gehört zur "Wentworth-Gruppe besorgter Wissenschaftler", die im vergangenen Jahr ihre Vorschläge zur Rettung des Murray zu Papier gebracht hat. Sie geht davon aus, dass sogar Einsparungen von rund viereinhalb Milliarden Kubikmeter Wasser nötig sind, um den Fluss zu retten. "Die Frage ist nicht, ob man Wasser spart, sondern wie man es tut", sagt Miller: "Ob man also den Farmern Geld bietet, um ihnen ihre Wasserrechte abzukaufen, oder ob man ihnen besser Umschulungen finanziert und ein Übergangsgeld zahlt."Ein neuer BroterwerbWie die meisten Farmer wollte auch Katheryn Rohde von Umschulungen nichts wissen. Notgedrungen sattelte sie schließlich doch um: von der Landwirtschaft auf den Tourismus. Jetzt erzählt sie Schulklassen von den wassersaufenden Weiden, zeigt ihnen Schildkröten und erklärt ihnen, wie Wasserrecycling funktioniert. Sie zeigt ihnen auch die Bilder der Maler aus den Zeiten, als das Land noch so war wie in den Erzählungen der Aborigines, als die Pelikane noch den Coorong in Scharen bewohnten. Rohde hat einen neuen Broterwerb gefunden. Die meisten ihrer einstigen Farmer-Kollegen suchen noch.------------------------------Der MurrayDer Fluss Murray ist mit 2375 Kilometern der längste Fluss Australiens. Er ist etwa doppelt so lang wie Rhein oder Elbe. Sein Einzugsgebiet umfasst mehr als eine Million Quadratkilometer, das entspricht der dreifachen Größe Deutschlands.Vier künstliche Dämme stauen den Fluss auf. Der größte Stausee ist der Lake Hume, der bei Wasser-Höchststand einst doppelt so groß wie die Müritz wurde.------------------------------Karte: AustralienFoto: Als der Murray zum Lake Hume aufgestaut wurde, versanken diese Bäume im Wasser. Mit der Dürre sank der Pegel. Nun ragen sie als schwarze Skelette wieder in den Himmel.