Die Gewitter der vergangenen Woche haben es in Erinnerung gebracht: Die Sommerzeit ist die Zeit des Hagels. Dieser Tage kamen neben heftigen Regengüssen auch dicke Eiskörner vom Himmel, unter anderem in Schleswig-Holstein und Berlin. Einer der schwersten Hagelstürme in Deutschland tobte am 28. Juni 2006 in Villingen-Schwenningen am Ostrand des Schwarzwalds. Eiskörner von der Größe einer Grapefruit schlugen dort alles kurz und klein. Unter der Wucht der Eisgeschosse, die mit einer Geschwindigkeit von 150 Kilometern pro Stunde vom Himmel fielen, zerbarsten zahlreiche Dachziegel und die Karosserien vieler Autos bekamen Dellen. Der Gesamtschaden lag bei rund 150 Millionen Euro.Weil Hagelschläge hohe Kosten verursachen können, versuchen mehrere Gemeinden in Süddeutschland, das Unheil mit technischen Mitteln abzuwenden - so ähnlich, wie dies bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 geplant ist. Sowohl in der Region um Stuttgart als auch in den oberbayerischen Landkreisen Miesbach, Rosenheim und Traunstein sind bei Gewittern Hagelflieger unterwegs - zum Teil seit vielen Jahren. Über den Wolken versprühen sie eine chemische Substanz, die den Hagelschlag unterbinden oder abschwächen soll. Dafür stehen in beiden Regionen vier Flugzeuge zur Verfügung.Während eines Einsatzes wird in einem Behälter Silberiodid mit dem Lösungsmittel Azeton gemischt und verbrannt - in der Hoffnung, dass die Rauchgase in die Wolken geweht werden. Die feinen Silberiodidpartikel dienen als Gefrierkerne und sorgen dafür, dass das Wasser in den Wolken zu winzigen Eiskristallen gefriert. Ohne solche Gefrierkerne - in der Natur sind das oft Staubteilchen - würden kleine Wassertröpfchen auch bei sehr niedrigen Temperaturen bis zu minus 40 Grad Celsius flüssig bleiben. Haben sich aus den unterkühlten Wassertröpfchen Eispartikel gebildet, können sie zu Hagelkörnern wachsen (siehe Grafik).Durch das Impfen der Wolken mit Silberiodid sollen so viele Eiskörnchen entstehen wie möglich. Die Hagelflieger hoffen, dass die Körner aus Wassermangel weniger groß werden als ohne Manipulation. Denn kleinere Hagelkörner richten weniger Schaden an.Wetterforscher zweifeln allerdings daran, dass die Silberiodid-Methode die gewünschte Wirkung hat. Immer wieder haben Meteorologen in den vergangenen Jahrzehnten versucht, damit Hagelunwetter abzuwenden, beispielsweise in den USA, in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland. Einen echten, nachprüfbaren Erfolg hatte die Methode bisher nicht.Auch Forscher am Institut für Physik der Atmosphäre in Oberpfaffenhofen, das zum Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt gehört, haben sich mit der Wirksamkeit des Verfahrens beschäftigt. "Es ist möglich, dass Silberiodid in den Wolken eine Wirkung entfaltet - ob dadurch weniger Hagel oder sogar mehr Hagel entsteht, wissen wir bis heute nicht", sagt der Direktor des Instituts, Ulrich Schumann. Er nennt zwei Gründe, warum die Methode nicht funktionieren kann.Zum einen lasse sich die Wolkenregion, in die die Hagelflieger ihr Silberiodid hineinsprühen müssen, nicht direkt erkennen. "Während normale Wolken mit Radargeräten gut zu sehen sind, lassen sich Regionen, in denen es unterkühlte Wassertröpfchen gibt, mit der Technik nicht identifizieren", sagt Schumann. Meistens sprühten die Hagelflieger ihr Silberiodid in Wolken, die bereits vereist seien. Da es dort schon Eiskörner gebe, die wachsen könnten, sei es unwahrscheinlich, dass sich durch die Chemikalie weitere, kleinere Körner bildeten.Der zweite Grund für Schumanns Skepsis ist die Tatsache, dass es sehr schwierig ist, im richtigen Moment und am richtigen Ort das Silberiodid zu versprühen. Der Wind kann die Substanz leicht neben die angesteuerte Wolke wehen.Allerdings ist die Hagelbekämpfung ein teures Vergnügen: Der Einsatz der vier Hagelflieger in Süddeutschland kostet insgesamt nach Angaben der Behörden ungefähr 400 000 Euro im Jahr. Schumann vermutet, dass die Gemeinden die Hagelflieger finanzieren, weil die verantwortlichen Politiker den Zorn der Landwirte fürchten. "Wenn Hagel fällt, ohne dass die Hagelabwehr im Einsatz gewesen ist, geben die Bauern den Politikern die Schuld", sagt Schumann. Fällt doch Eis vom Himmel, obwohl Silberiodid eingesetzt worden ist, dann suche man irgendwelche Erklärungen, warum es sich in dem Fall um eine Ausnahme handelt. "Es wäre vermutlich besser, alle Bauern würden sich ausreichend gegen Hagelschäden versichern", sagt Schumann.Georg Vogl, Leiter der Hagelbekämpfung im Raum Rosenheim und seit 26 Jahren als Hagelflieger im Einsatz, sieht das anders: "Wenn wir die Wolken mit Silberiodid impfen, bevor sie vereisen, können wir die Hagelbildung vermindern." Eine über 20 Jahre angelegte Studie des österreichischen Zentralamts für Meteorologie und Geodynamik habe eindeutig nachgewiesen, dass durch den Einsatz von Silberiodid die Eiskörner deutlich kleiner sind. Wie einige andere Untersuchungen werde auch diese Studie von manchen Wissenschaftlern nicht anerkannt, weil die Kontrollfläche neben dem Untersuchungsgebiet lag, berichtet Vogl: "Die Kritiker sagen, dass dort das Wetter ganz anders sein kann." Es sei aber gar nicht möglich, in ein und demselben Gebiet zeitgleich die Hagelbildung mit und ohne den Einsatz von Silberiodid zu untersuchen.Die Hagelabwehr ist auch deshalb so schwierig, weil viele Details der Hagelentstehung noch unbekannt sind. Das liegt auch daran, dass kaum direkte Beobachtungen möglich sind. Es hat schließlich einen Grund, warum Flugzeuge Gewitterwolken umfliegen - heftige Windböen könnten die Flugzeuge zum Absturz bringen. Darum analysieren Wetterforscher den Hagel lieber im Labor.Am Institut für Physik der Atmosphäre an der Universität Mainz untersuchen Meteorologen die Eiskörner in einem senkrechten Windkanal. Nadine von Blohn studiert dort für ihre Doktorarbeit die Frühphase der Hagelbildung. "Bisher hat man den vereisten Teil der Wolken nur wenig untersucht", sagt die Meteorologin. Dabei befinde sich dort der Ursprung aller Arten von Niederschlag - nicht nur der von Hagel.Um der Entstehung der Eiskörner auf die Spur zu kommen, spritzt von Blohn mit einer Kanüle Wassertröpfchen, die Silberiodid enthalten, in die Versuchskammer des Windkanals. Bei Temperaturen von etwa minus acht Grad Celsius gefrieren die kleinen Tröpfchen rasch zu Eispartikeln. "Anfangs sind die Eiskörnchen kleiner als einen Millimeter", sagt die Forscherin. Anschließend sprüht sie eine Wolke kleiner unterkühlter Wassertröpfchen in den Kanal. Die Tröpfchen bestehen aus destilliertem Wasser, das minus acht Grad kalt ist. Mit der Zeit friert das Wasser an den Eiskörnchen fest. In der Endphase der Experimente sind die Körnchen etwa zwei Millimeter groß. Streng genommen bezeichnet man sie als Graupelkörner, denn für Experten beginnt Hagel erst bei einem Durchmesser von fünf Millimetern. Am Ende des Experiments wiegt von Blohn die Graupelkörner, um zu bestimmen, wie schnell die Eiskörner gewachsen sind. Vielleicht helfen die Experimente, die Hagelbildung besser zu verstehen und eine zuverlässige Abwehrstrategie gegen die Eiskörner zu entwickeln.------------------------------Zwiebeln aus EisEin aufgesägtes Hagelkorn sieht manchmal aus wie eine Zwiebel aus Eis. Die weißen und durchsichtigen Schichten entstehen dadurch, dass die Eiskörner in der Gewitterwolke wie in einem Paternoster hinauf und wieder hinunter befördert werden - je nachdem, wie stark der Aufwind bläst. In tieferen Wolkenregionen frieren die dort schwebenden Wassertröpfchen allmählich am Hagelkorn fest. Dabei entsteht eine durchsichtige Eisschicht. Sobald das Korn wieder nach oben in die Kälte geblasen wird, gefrieren die Tröpfchen schnell an der Oberfläche des Eiskorns. Dabei werden Luftbläschen eingeschlossen, die das Eis milchig erscheinen lassen.Die Körner können enorm groß werden. Das schwerste Eiskorn, das je gefunden wurde, war 2003 in Nebraska vom Himmel gefallen. Der Eisklumpen hatte einen Durchmesser von mehr als 17 Zentimetern und wog 758 Gramm. (st.)------------------------------Grafik: Wie eine Hagelschauer entsteht. Die Eiskörner in der Gewitterwolke werden oft mehrere Male auf und ab bewegt - je nachdem wie die Windverhältnisse sind. Dabei friert immer mehr Wasser an den Körnern fest. So bringen sie es bis auf die Größe einer Grapefruit.------------------------------Foto: Mikroskopaufnahme von zwei HagelkörnernFoto: Das Foto zeigt einen Silberiodid-Behälter unter der Tragfläche eines Flugzeugs der Rosenheimer Hagelabwehr.