Die Herren der Spiele waren gnadenlos. Sie blieben unerbittlich, als sie hörten, was sie einer Athletin an einem Sommertag 1992 antaten. Verstört verließ die Sportlerin ein Untersuchungszentrum in Barcelona. Sie war durchgefallen. Sie hatte den Test nicht bestanden, der ihre Weiblichkeit bestätigen sollte. Die Athletin war Mutter zweier Kinder. Aber sie war keine Frau im Sinne der Olympier. Sie reiste ab, ohne an den Spielen teilzunehmen.Der norwegische Olympiasieger Johann Olav Koss hat in den Tagen vor Sydney 2000 von diesem Fall erzählt. Er nannte weder Namen noch Nationalität der Athletin. Alles, was Koss noch für sie tun konnte, war, ihre Anonymität zu sichern. Der Sex-Test, an dem sie scheiterte, hatte ursprünglich das Ziel, Frauen davor zu bewahren, unwissentlich gegen Männer anzutreten. Er bewirkte das Gegenteil, sagt Koss: "Er hat Karrieren ruiniert."Es ist vor allem Koss, dem ehemaligen Eisschnellläufer, zu verdanken, dass die Sportlerinnen in Sydney erstmals seit 32 Jahren vor dieser Zerstörungswut bewahrt bleiben. In Australien finden keine Reihenuntersuchungen mehr statt. Und wenn sich diese neue Politik in Sydney bewährt, spielt das leidige Thema in Zukunft keine Rolle mehr.Koss studierte nach Ende seiner Laufbahn Medizin und wurde 1998 in die Athletenkommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gewählt. Auf sein Betreiben hin beschloss die IOC-Exekutive ein Jahr später, dass die "Gender verification", die Geschlechtsüberprüfung für Frauen anhand von Chromosomen, nicht mehr durchgeführt werden muss. Koss hatte für die Athletenkommission den Schritt vorbereitet, er hatte die internationale Forschung zu diesem Thema ausgewertet und dem IOC vorgelegt.Der Test ist nicht aussagekräftig, lautete sein Fazit: "Um festzustellen, ob jemand Mann ist oder Frau, müssen mehr Kriterien in Erwägung gezogen werden als die Chromosomen." Dasselbe hatte jahrelang der Schwede Arne Ljungqvist, ein Pathologe und Zytologe, seinen Kollegen in der Medizinischen Kommission des IOC gepredigt. Er sah mit dem Unbehagen eines Wissenschaftlers, dass die IOC-Mitglieder dem Glauben anhingen, Frauen, die in der Regel zwei X-Chromosome haben, seien von Männern (in der Regel XY) so leicht zu trennen wie Äpfel von Birnen. "Es gibt eine enorme Variationsbreite", versuchte Ljungqvist dem IOC einzutrichtern: "Leistungskraft ist nicht abhängig vom X- oder Y-Chromosom." Der Medizinprofessor wies darauf hin, dass Sex-Tests in Norwegen verboten sind. Und dass sie überflüssig sind heutzutage - schon wegen der Dopingtests: Wenn Urinproben genommen werden, ist immer eine Kontrolleurin anwesend. "Ein maskierter Mann", argumentierte Ljungqvist, "fällt ihr bestimmt auf." Ljungqvist hatte schon 1992 im Leichtathletik-Weltverband IAAF erreicht, dass Sex-Tests abgeschafft wurden. Ein Jahr später empfahl die American Medical Association den Stopp der Tests. Doch in der Medizin-Kommission des IOC, die seit 1967 von Alexandre de Merode geleitet wird, kam diese Botschaft nicht an. Bei den Spielen in Lillehammer weigerten sich 1994 die Norweger, Sex-Kontrollen durchzuführen. Das IOC ließ einfach Experten aus Frankreich einfliegen. De Merode, heißt es in der Athletenkommission, sei immer gegen das Ende der Test gewesen. De Merode ist Kunsthistoriker, nicht Mediziner.Und so sind sie im Laufe der Jahre alle auf ihre Chromosomen überprüft worden. Eiskunstläuferinnen, Sprinterinnen, die Diskuswerferin Liesel Westermann und, Jahre später, die Kanutin Birgit Fischer. Das Unbehagen, mit dem Männer Sportlerinnen betrachteten, ist so alt wie die olympischen Spiele. Als die Frauenkörper mit den Jahren muskulöser wurden, mischte sich in die Skepsis eine irrationale Furcht: Die Angst vor Mannweibern. Sie war nicht völlig unbegründet. Die Hochsprung-Weltrekordlerin von 1938 wurde von Wettkämpfen ausgeschlossen. Sie hatte angeblich weibliche und männliche Geschlechtsorgane. Bei der Sprint-Olympiasiegerin von 1932 wurden nach ihrem gewaltsamen Tod bei der Autopsie männliche Geschlechtsorgane festgestellt. Heute wird bezweifelt, dass diese Frauen im Sport bewusst ihren Vorteil suchten. Vermutlich, so heißt es in einem Bericht der Kanadischen Sportmedizinischen Akademie, waren sie sich ihrer Androgynität nicht bewusst. Jahrelang aber wurden in Rekordlisten Namen mit Sternchen versehen: Geschlechtsstatuts zweifelhaft, sollte das bedeuten. Wispern auf den RängenIn den Sechzigerjahren, als sich der Kalte Krieg zwischen Ost und West in den Stadien fortsetzte, erhob sich ein Wispern auf den Rängen, wenn einer Frau eine neue Höchstleistung gelungen war. Die frühere Diskus-Weltrekordlerin Liesel Westermann-Krieg hat die Stimmung in ihrer Autobiografie ("Es kann nicht immer Lorbeer sein") festgehalten: "Die Öffentlichkeit wurde 1966 geradezu überschwemmt mit Darstellungen über und Beschreibungen von Hermaphroditen und Transvestiten", notierte sie: "Unsachgemäße Kommentare und aufgebauschte Reportagen suchten ein sensationslüsternes Publikum auf zweifelhafte Weise aufzuklären."In jenem Jahr führte der Leichtathletik-Weltverband Kontrollen ein. Von nun an nahmen sich Funktionäre das Recht, Frauen aus genetischen Gründen vom Sportwettbewerb auszuschließen. Viele Athletinnen begrüßten damals den Schritt. Sie glaubten, Männer, die sich in ihre Wettkämpfe einschlichen, würden dingfest gemacht. Tatsächlich traten einige Leichtathletinnen nie zur Untersuchung an, wie Irina Press, sowjetische Weltrekordlerin im Fünfkampf und Hürdenlauf, und ihre Schwester Tamara, Diskuswerferin und Kugelstoßerin. Was Liesel Westermann-Krieg beim ersten Sextest während der Europameisterschaft in Budapest dann erlebte, empfindet sie noch heute als entwürdigend: "Wir hatten uns auszuziehen. Wir mussten mit einer Startnummer in der Hand splitternackt auf- und abmarschieren." Sie kam sich vor wie auf dem Viehmarkt: "Es war wie bei der Trichinenschau. Nur bekamen wir den Stempel nicht auf den Hintern, sondern auf eine Karteikarte." Die Proteste führten dazu, dass 1968 in Mexiko, als das IOC die Tests einführte, eine humanere Lösung gefunden wurde. Die Athletinnen mussten den Mund aufmachen. Medizinisches Personal schabte die Wangeninnenseite ab und zählte die Chromosomen in der Mundschleimhaut. Anhand des so genannten Sex-Chromatin-Tests, der nach dem Barr-Körperchen sucht, wurde ein Sex-Pass ausgestellt. An der Methode änderte sich in den Folgejahren wenig. "Man kam da raus und war eine Frau", sagte die Kanutin Birgit Fischer. Nicht, dass sie als Mutter zweier Kinder daran gezweifelt hätte: "Wir haben das eher als Spaß betrachtet: Wir wussten, dass wir Frauen sind." Birgit Fischer hat den Sinn der Untersuchung nie in Frage gestellt. Die Möglichkeit, dass sich ein Mann in die Wettbewerbe der Kanutinnen mischen könnte, erschien ihr nicht einmal abwegig: "Mancher", sagte sie, "macht für eine Medaille alles." Sie war davon ausgegangen, dass anhand der Chromosomen eine sichere Aussage getroffen werden konnte, wer Mann sei und wer Frau. Eben dies, sagte Johann Olav Koss, sei das Dilemma: "Die Athletinnen haben gedacht, der Test würde sie schützen. Aber was er genau aussagt, hat man ihnen nie erklärt." In Atlanta stellte sich heraus: Bei einer von 417 Sportlerinnen variierte das Chromosomenset vom üblichen XX-Schema. Die Quote ist höher als bei der weiblichen Normalbevölkerung, wo sie 1:1 000 beträgt. Die Frage also musste lauten, ob Frauen mit Chromosomenabweichungen einen Vorteil gegenüber anderen haben. Das aber stellte der Test niemals fest.Manche Frauen fallen durch beim Test, obwohl sie ihren Konkurrentinnen grundsätzlich nicht überlegen wären. Andere bestehen den Test trotz eines körperlichen Vorteils: Bei ihnen werden wegen einer Stoffwechselstörung mehr Hormone mit vermännlichender Wirkung produziert. Außerdem gibt es Männer, denen ohne weiteres der Weiblichkeits-Pass ausgestellt würde: Wenn sie XXY-Chromosomen haben, spricht der Test darauf an. Männer aber mussten sich nie in Frage stellen lassen wie die Athletin in Barcelona, die abreiste, bevor weitere Überprüfungen eingeleitet waren. Warum sie den Test nicht bestand, ist ungeklärt. Vielleicht waren nur Ergebnisse vertauscht worden."Man muss wissen, dass es den normalen Mann und die normale Frau nicht mehr gibt", sagt Professor Uwe Claussen, Direktor des Instituts für Humangenetik und Anthropologie der Universität Jena: "Das gilt auch für den Sport. Wir haben eine extreme Vielfalt."An die Vielfalt knüpfen sich ethische Fragen. Wie kann eine Frau verarbeiten, wenn ihr eröffnet wird, im Prinzip sei sie keine Frau? Claussen nennt die Folgen "menschlich absolut entwurzelnd". Und wenn mit der Enthüllung bis zum Wettbewerb gewartet wird, auf den sich jemand Jahre vorbereitet hat, sei "die vollendete Katastrophe". In Sydney kann die Katastrophe verhindert werden. Nur in Einzelfällen behält es sich das IOC vor, Athletinnen zu überpüfen. Hundert Jahre, nachdem die ersten Frauen bei Olympia antraten, besteht jedoch Hoffnung, dass sich eine Erkenntnis durchsetzt: Es ist unsinnig, im Sport nach der Normfrau zu suchen. "Wer der Beste ist in seiner Disziplin", sagt Claussen, "liegt schon außerhalb der Norm." Ein Mann in Frauenkleidern wurde übrigens in all den Jahren beim Sex-Test nicht enttarnt."Leistungskraft ist nicht abhängig vom X- oder Y-Chromosom. " Professor Arne Ljungqvist "Es war wie bei der Trichinenschau. " Liesel Westermann-Krieg über Sex-Tests 1966 CAMERA 4 Nagellack reicht nicht: In den Sechzigerjahren wurden bei Olympischen Spiele die umstrittenen Sex-Tests für Sportlerinnen eingeführt. Erstmals wird nun wieder darauf verzichtet.