HASSAKE. Hinter der schweren Eisentür des Klosters erklingen fröhliche Kinderstimmen. Einige Dutzend Mädchen und Jungs toben munter zwischen den Säulen des Innenhofs herum. Ihre Eltern sitzen auf Plastikstühlen und schlürfen starken Schwarztee. In den angrenzenden Klassenzimmern lassen sich die Prüflinge nicht vom Lärm stören. Auch neugierige Blicke durch die offenen Türen lenken ihre Aufmerksamkeit nicht vom Test ab. Denn hier zu sein ist eine Ehre und ein gutes Abschneiden eine noch größere. Geprüft werden die Schüler in Aramäisch, einer für sie fremden Sprache, die ursprünglich ihre Muttersprache war. Heute sprechen fast alle von ihnen zu Hause nur Arabisch.Aus der ganzen Jazireh, der nordöstlichen Ecke Syriens, wurden 95 der besten Aramäisch-Schüler eingeladen. Gastgeber ist Matta Roham, der Erzbischof der Syrisch-Orthodoxen Kirche, der im Kloster Tall al-Wardiyyat etwa 20 Kilometer außerhalb der Bezirkshauptstadt Hassake residiert. Von dort kommen viele der Teilnehmer. Andere sind aus entfernteren Städten wie Qamischli, Ras al-Ain oder Malikiyye angereist. Alle sind sie Aramäer und gehören zur Syrisch-Orthodoxen Kirche.Unterricht bis zum AbiturFür einen Moment halten die Kinder im Hof die Luft an: In seiner langen schwarzen Robe mit breitem rotem Seidengürtel tritt der Erzbischof langsam und würdig auf sie zu. Trotz seiner Ehrfurcht einflößenden Gestalt ist er nicht unnahbar. Große wie Kleine berühren leicht seine Hand und begrüßen ihn mit als "Sayyidna" - "unser Herr". In der Anrede schwingen Respekt und Dankbarkeit. Alle wissen um den Einsatz des Bischofs für den Erhalt ihrer Muttersprache.Trotz aller historischen Wechselfälle (siehe Kasten) feiert die syrisch-orthodoxe Kirche ihre Gottesdienste bis heute auf Syrisch, ihrem eigenen aramäischen Dialekt. Die alte Mutter- und Alltagssprache verkümmerte jedoch zu einer für viele unverständlichen reinen Gebetssprache der Priester. Geht es nach Erzbischof Matta, soll dieses sprachliche Zuhause wieder aufgebaut werden.Im Mittelpunkt der Bemühungen Mattas steht dabei der schulische Unterricht. Seit 1980 gilt in Syrien bis zur 6. Klasse Schulpflicht. Vor sechs Jahren wurde sie unter dem neuen Präsidenten Baschar al-Assad auf die 9. Klasse erweitert. Bislang war es den syrischen Kirchen nur erlaubt, private Schulen mit Klassen bis zum Ende der Schulpflicht einzurichten. So unterhält etwa die syrisch-orthodoxe Kirche allein in Hassake zwei Grundschulen (bis zur 6. Klasse) und eine Mittelschule (7. bis 9. Klasse). Mehr als 1 500 Kinder werden hier unterrichtet. Und Erzbischof Matta erwirkte vom Staat die Erlaubnis für eine Oberschule mit Klassen bis zum Abitur.Die Fassade der Oberschule der syrisch-orthodoxen Kirche in Hassake ist noch ein Rohbau, die Klassenzimmer werden jedoch bereits genutzt. Im nächsten Jahr sollen die Schüler zum ersten Mal an den staatlichen Abitur-Prüfungen teilnehmen. Neben Englisch- und Französisch-Unterricht stehen in allen Klassen jede Woche auch drei Stunden Syrisch auf dem Programm. "Die Sprache soll wieder leben", sagt Erzbischof Matta. Zudem gehe es ihm um ihr Erbe als christliches Volk. Dass er dabei auf das Wohlwollen des Staates zählen darf, zeigt der Fall der Kleinstadt Maalula. Der dort gesprochene Dialekt des Aramäischen gilt als die eigentliche Sprache Jesu. Als der Dialekt vor wenigen Jahren vom Aussterben bedroht war, errichtete die Regierung ein Institut, das seitdem Aramäisch unterrichtet.Der Erhalt des Aramäischen ist nur ein Teil des Kampfes der Christen von Hassake für die Bewahrung ihrer kulturellen Existenz. Unter den 200 000 Einwohnern leben nach ihren eigenen Schätzungen etwa 25 000 syrisch-orthodoxe Aramäer; in der ganzen syrischen Jazireh nur knapp 100 000. Viele sind in den vergangenen 40 Jahren in den Westen emigriert. Ursprünglich kamen sie aus dem Tur-Abdin-Gebiet, etwa 150 Kilometer nördlich von Hassake im Osten der heutigen Türkei. Von dort flüchteten die syrisch-orthodoxen Aramäer 1915 vor den Massakern an christlichen Völkern im Osmanischen Reich. In der Jazireh fanden sie Zuflucht.Heute bieten die einstigen Flüchtlinge selbst Zuflucht und Schutz. Seit dem amerikanischen Einmarsch in den Irak 2003 verschlechterten sich die Lebensumstände der Christen im Zweistromland dramatisch. Viele chaldäische und assyrische Gläubige in der nordirakischen Gegend um Mosul flohen vor Angriffen, Entführungen und Ermordungen durch extremistische Islamisten. Ein Teil von ihnen fand Obdach in Hassake und den anderen Städten der Jazireh, keine 100 Kilometer von der irakischen Grenze entfernt.Die beiden freiwilligen Helfer der syrisch-orthodoxen Kirche, Afram Hasio und Jakob Hanna, kennen viele der 228 irakischen Familien persönlich. Seit drei Jahren besuchen sie die Flüchtlinge in ihren Not-Behausungen in Hassake und hören sich ihr Schicksal an.Aus der prallen Sonne treten die beiden Männer in einen dunklen Korridor, der zu einem winzigen Hinterhof führt. Von dort gehen sie in ein düsteres Zimmer, das an zwei Wänden von harten Sofas flankiert wird. Diese sind die Betten einer fünfköpfigen irakischen Flüchtlingsfamilie. Die Mutter, die sich als Umm Fadi vorstellt, ist mit ihren vier Kindern allein geblieben. Ihr Mann habe versucht, durch Schlepper nach Schweden zu kommen. Über seinen Verbleib wisse sie nichts. "Wer soll uns jetzt versorgen", fragt sie. Hasio und Hanna notieren sich die Lage der Familie, dann verabschieden sie sich.Sie helfen, wo sie nur können; in bürokratischen Angelegenheiten oder durch kostenlosen Unterricht in den Schulen der Kirche. Auch verteilt die syrisch-orthodoxe Kirche alle sechs Wochen Geld unter den Flüchtlingen, das ihr die englische Organisation "Barnabas Fun" zur Verfügung stellt - bei der jüngsten Verteilung etwa 13 000 Euro. Mit Hilfe der Aufzeichnungen von Hasio und Hanna werden die Gelder je nach Bedarf ausgeteilt. Es reicht nur für das Allernötigste. Seit Jahren schon ist jeder Tag ein Kampf - um Nahrung, Kleidung und darum, aus dieser Hoffnungslosigkeit auszubrechen. Ständig wird die gleiche bange Frage gestellt: "Gibt es nicht einen Weg, nach Europa zu kommen?"Freude über die KinderIn Syrien dürfen die christlichen Flüchtlinge aus dem Irak nicht arbeiten. Der Arbeitsmarkt ist stark belastet. Erzbischof Matta erläutert, die Bauern in der Jazireh litten sehr unter den gestiegenen Preisen für Benzin und Diesel. Viele könnten sich nach der Weizenernte den Anbau von Baumwolle nicht mehr leisten. Gerne würde er mehr für die Flüchtlinge und seine eigenen Leute tun. Aus eigener Kraft können sie die Last aber nicht stemmen. "Wie können wir Christen im Westen einladen, den Kirchen hier noch mehr zu helfen", fragt er. Er lächelt dazu zuversichtlich.Am Tag nach den Prüfungen sind alle Prüflinge bei der Morgenmesse; danach werden die Zeugnisse verteilt. Jeder Schüler steigt die drei Stufen zum Altarbereich der Klosterkirche hinauf. Dort hat Erzbischof Matta den gepolsterten Bischofssitz zur Seite geschoben und auf einem schlichten Stuhl Platz genommen. Die Schulkameraden klatschen jedem erfolgreichen Aramäisch-Prüfling Beifall. Matta händigt das Zeugnis aus und wechselt ein Paar Worte mit jedem Kind. Auch für ein Foto nimmt er sich Zeit, er weiß, dass mit jedem Kind die Zukunft der Aramäer in der Jazireh neben ihm steht.------------------------------Vom Arabischen vielerorts verdrängtDer Ursprung der aramäischen Sprache, die heute aus vielen eigenständigen Dialekten besteht, liegt weit in der Geschichte. Noch bevor Griechisch und Latein ihren Siegeszug im Mittelmeerraum antraten, verwendeten Herrscher und Geschäftsleute des Orients diese Sprache für Politik und Handel. Auch Jesus von Nazareth sprach einen aramäischen Dialekt. Ab dem 7. Jahrhundert n. Chr. rollte mit den Eroberungszügen der Muslime eine neue Sprachwelle über den Nahen Osten. Arabisch wurde zur neuen Verkehrssprache. Von den wechselnden Herrschern weitgehend in Ruhe gelassen, hielten viele Kirchen jedoch am Aramäischen fest.------------------------------Foto : Matta Roham, Erzbischof der syrisch-orthodoxen Kirche in Hasseke, überreicht einer Schülerin ihr Aramäisch-Zeugnis.