DAMASKUS. Jede Nacht sieht Ruwaida im Schlaf die gleichen Bilder. "Ich träume, dass ich wieder in meinem grünen Garten in unserem Dorf bin", sagt sie. "Wir haben lange ausgehalten und gehofft, dass endlich wieder Regen kommt. Doch irgendwann hatten wir nichts mehr zu essen."Die Heimat der 42-Jährigen ist die Gegend von Hazaka im Nordosten Syriens, nahe der Grenze zum Irak. Drei Jahre schon währt dort die Dürre. In der eigentlich für ihre Fruchtbarkeit bekannten Region regnet es kaum noch, auch die Brunnen sind ausgetrocknet. Landesweit sind 300 000 Menschen auf der Flucht vor der Trockenheit. Ruwaida, ihr Mann und ihre zehn Kinder wohnen seit sechs Monaten in einem Zelt am Stadtrand von Damaskus, etwa 700 Kilometer entfernt von ihrer Gemeinde. Das Dorf Chirbit al Ward, in dem sie jetzt leben, ist heute dreimal so groß wie vor drei Jahren. Wasser und Strom reichen oft nicht für alle. Die Begeisterung der älteren Einwohner über die vielen Neuankömmlinge hält sich in Grenzen.Zehn Euro Miete für ein ZeltRuwaida schickt ihre älteste Tochter zum Gaskocher in der Ecke, damit sie Tee macht. Mehr als zwanzig Schritte sind es nicht von einem Ende des Zeltes zum anderen. Den Fußboden bedecken modrige Teppiche, auf denen die Familie schläft. Wenn sie denn Schlaf findet.Der Vater und alle Kinder, die schon groß und kräftig genug sind, arbeiten in der Landwirtschaft. Rund um Damaskus ist das Klima feuchter, hier sind die Felder noch nicht ausgetrocknet. Wenn es gut läuft, werden die Tagelöhner morgens um fünf abgeholt und auf ein Feld gebracht. Läuft es schlecht, kommt kein Laster, oder er ist schon voll. Dann bleibt die Familie ohne Einkommen. Trotz alledem sei das Leben jetzt besser als vorher, sagt Ruwaida ernst. Es muss schlimm gewesen sein zuletzt in Hazaka.Das Zelt, in dem die Familie lebt, sieht aus wie von einer Flüchtlingsorganisation. Es gehört jedoch einem Geschäftsmann, der es an Flüchtlinge vermietet. Die umgerechnet zehn Euro Miete im Monat können sich Ruwaida und ihre Familie gerade so leisten. Könnten sie es nicht, gäbe es genug andere Anwärter, denn Flüchtlinge, die ein Obdach benötigen, gibt es in Syrien zuhauf: 470 000 Palästinenser leben im Land und mindestens 900 000 Iraker, die vor Krieg und Gewalt in ihrer Heimat geflohen sind. In Syrien genießen sie mehr Rechte als anderswo. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten kümmern sich die Behörden um die Flüchtlinge.Ausgerechnet die Dürreflüchtlinge aus dem eigenen Land aber bekommen wenig Unterstützung vom Staat. Sie müssen sich selbst versorgen. Niemand spricht gern über sie, vielleicht auch aus schlechtem Gewissen. Denn bei der Dürre in Syrien handelt es sich natürlich um eine Naturkatastrophe, aber nicht ausschließlich. Auch wenn die Regierung nichts dafür kann, dass es seit Jahren nicht geregnet hat: Sie hätte vorsorgen müssen. Es war ihre Aufgabe zu verhindern, dass die Brunnen austrocknen."Es ist nicht die erste Dürre, die wir in Syrien erleben", sagt Theib Oweis, Bewässerungsexperte beim Internationalen Zentrum für Agrarforschung in trockenen Gebieten (Icarda) mit Sitz in Aleppo. "Allerdings schlägt sie diesmal besonders hart zu. Früher konnte man in regenfreien Zeiten auf die Grundwasserreserven zurückgreifen. Diese Reserven wurden aber in den vergangenen Jahren angezapft, weil die Menschen ihre Produktion ausweiten wollten."Die mit Grundwasser bewässerte Anbaufläche in Syrien habe sich zwischen 1985 und 2005 verdoppelt, erläutert er. Die wachsende Bevölkerung und der bescheiden zunehmende Wohlstand ließen auch die Ansprüche an die Wasserversorgung steigen. Und natürlich wirke sich auch die weltweite Ernährungskrise aus: In Zeiten von explodierenden Preisen versuche auch ein Land wie Syrien, möglichst viel Nahrung selbst zu produzieren, um unabhängig von Importen zu werden.Schon seit Jahren warnen Experten vor den Folgen der Überpumpung. 215 000 Motorpumpen sollen heute bei den Bauern in Betrieb sein. In Regionen wie Hama ist der Grundwasserspiegel in den vergangenen 50 Jahren um fünfzig Meter gefallen. Hundert Meter tief muss man heute bohren, um auf Wasser zu stoßen. Das Absinken des Grundwasserspiegels führt wiederum dazu, dass Quellen austrocknen und Flüsse kaum noch Wasser führen.Genügsamere Pflanzen gesuchtIn den anderen Ländern des sogenannten fruchtbaren Halbmonds, der sich von der Türkei bis in den Irak erstreckt, sieht es nicht besser aus. Wasser ist ein knappes Gut. In Regierungsverhandlungen wird darüber debattiert, wie das Wasser des Jordans, des Orontes und des Euphrats zwischen Syrien und seinen Nachbarn aufgeteilt wird. Immer wieder kommt es zu Streit. Gar nicht zu reden von den Quellen im Golan: Neben militärischen Erwägungen ist das Wasser der entscheidende Grund, weshalb Israel den 1967 eroberten Höhenzug nicht an Syrien zurückgeben will - und warum Syrien keinesfalls nachgeben wird.Der Wasserexperte Theib Oweis beschränkt sich auf die Bereiche, auf die er Einfluss nehmen kann. Er setzt auf moderne Bewässerungstechnik und erforscht genügsamere Pflanzenarten. "Wenn es uns gelingt, pro Liter Wasser doppelt so viel zu produzieren, ist das genauso wertvoll wie eine Verdoppelung der Wasserresourcen", sagt er und plädiert dafür, die Bauern für ihr Wasser bezahlen zu lassen. Nur so würden sie alles daran setzen, sparsam damit umzugehen.Oweis plädiert auch dafür, die gesellschaftlichen Kosten der Landflucht einzukalkulieren. So spare das Land viel Geld, wenn die Bauern nicht in die ohnehin überfüllten Städte kämen. Diese Beträge könnte man dann in moderne Wassertechnik investieren.Jetzt, in den Zeiten der Krise, stoßen solche Vorschläge bei der Regierung auf offene Ohren. Theib Oweis fürchtet allerdings, dass mit dem ersten Regen auch der Vorsatz, etwas Grundsätzliches an der Landwirtschaftspolitik zu ändern, in Vergessenheit gerät. Die ersten Tropfen sind bereits vom Himmel gefallen. "Dieses Jahr scheint besser zu werden", sagt Oweis.Das hat sich auch am Stadtrand von Damaskus herumgesprochen. Einige Flüchtlinge haben sich schon auf den Weg zurück zu ihrem Land gemacht. Ruwaida zögert noch. Selbst wenn es in diesem Jahr reichlicher regnen sollte: Ihr Land sei so ausgetrocknet, dass es schon fast Wüste geworden sei, sagt sie. "Es sieht nicht mehr so aus wie in meinen Träumen."------------------------------Wo Ackerbau und Viehzucht begannenKarte: Das Winterregengebiet nördlich der Syrischen Wüste nennt man wegen der reichen Niederschläge Fruchtbarer Halbmond. Die Gegend gilt als eine der Ursprungsregionen von Ackerbau und Viehzucht.Die Anbaufläche in dem Gebiet schrumpft immer mehr. Sie nimmt nur noch zehn Prozent der einstigen Größe ein.

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