BANGKOK. Die Lobby weckt Erinnerungen an ein Fünfsternehotel, aber nicht an eine Gesundheitsfabrik. Statt blassen Patienten begrüßen Frauen in schmucken Uniformen die ankommenden Kunden. Ein Starbucks-Café bietet Espresso und Cappuccino an. Ein französisches Bistro und eine ganze Reihe von hauseigenen Restaurants umwerben die Hungrigen. Überall gibt es Stände mit Ungesundem wie Donuts und Sahneshakes. In weichen Kunstledersofas versunken, unterschreiben Patienten die Kreditkartenformulare. 200Dolmetscher für 26 Sprachen stehen bereit, täglich gibt es Jazz- oder Klassikkonzerte, gleich neben der Medikamentenausgabe steht ein Konzertflügel. Ist das alles nicht etwas übertrieben? Keineswegs, antwortet die Marketing-Abteilung des Bangkok-Hospitals: "Unsere Patienten sollen sich wohlfühlen."Eine neue Nase? Kein ProblemChef der Abteilung ist Ralf Krewer aus Trier, 45 Jahre alt, Sinologe. Auf dem Weg in sein Büro begegnet er Chinesinnen mit einer neuen Nase auf dem Weg zur Kontrolluntersuchung wie Männern in weißen Gewändern mit Gipsbein, hinter denen Frauen unter einer Burka hertrippeln. 60 Prozent der Patienten sind Thailänder, aber 40 Prozent Ausländer aus so ziemlich aller Herren Länder. Vorzugsweise aus Ländern mit einem Gesundheitssystem, das teuer, ineffizient oder aus einem anderen Grund chronisch krank ist. Was schlecht ist für die Betroffenen, ist gut für Krewer.Von einem Bypass bis hin zu neuen Gelenken - fast alles ist machbar, fast alles ohne Wartezeit in dieser Privatklinik mitten in der thailändischen Hauptstadt. Die Rundumversorgung schließt Visabeschaffung und Hotelreservierung ein. Die Behandlung kostet die Patienten im Durchschnitt ein Drittel dessen, was sie in Europa zahlen müssten. Ein Rundum-Check, für den in Deutschland mehrere tausend Euro fällig würden, ist hier für 430 Euro zu haben. Mitglieder der thailändischen Königsfamilie lassen sich hier behandeln. Die Leibärzte des US-Präsidenten loben das Krankenhaus für seine medizinische Kompetenz.Ahmed Ali stammt aus Äthiopien, einem Land, in dem es außer an Katastrophen an allem mangelt. Ein ungünstiger Platz, um chronisches Rückenschmerzen zu bekommen. Der 53-Jährige ließ sich zu Hause behandeln, aber die Röntgengeräte waren so alt, dass niemand ihm eine genaue Diagnose geben konnte. Ein Privatkrankenhaus hätte der Oberst a.D. nie bezahlen können. Er wandte sich an einen wohlhabenden Landsmann, der notdürftigen Äthiopiern Behandlungen finanziert. So kam Ali nach Bangkok.Hier wurde er von einem Chauffeur mit einer Limousine abgeholt. Im Krankenhaus erwartete ihn ein Einzelzimmer mit Küche und Sitzecke. Eine Hostess steht während seines gesamten Aufenthaltes an seiner Seite. Ein Einzelzimmer? In Äthiopien liegen nicht selten bis zu 20 Patienten in einem Raum. Ali war irritiert.Abgesehen davon, dass er seinen Aufenthalt im Bangkok-Hospital nicht selbst bezahlt, ist der frühere Offizier ein durchaus typischer Fall. Immer mehr globale Patienten wie er fliegen zum Augenlasern in die Türkei oder zum Fettabsaugen nach Tunesien. In Thailand steigt der Umsatz des Medizintourismus Jahr für Jahr um zwischen zehn und 20 Prozent. Gehälter, die beim Pflegepersonal bei 200 Euro monatlich anfangen, machen den Boom möglich. 2010 reisten schon mehr als eine Millionen Ausländer wegen ihrer Gesundheit nach Thailand.Auf der Jagd nach neuen Patienten ist Marketing-Chef Krewer unaufhörlich unterwegs. Gerade war er in Berlin, anschließend in London, jetzt ist er für einen Tag in Bangkok, um dann auf die Malediven zu fliegen. Er hat Verträge mit 1200 internationalen Krankenversicherungen unter Dach und Fach gebracht.Krewer erzählt gern, wie er Ali nach Bangkok brachte. Auf der Suche nach neuen Märkten war er 2007 auf Äthiopien aufmerksam geworden. Eines der ärmsten Länder der Welt mit einem der miesesten Gesundheitssysteme sollte ein perfekter Ort für seine Art von Geschäften sein, meinte er. Seine Vorgesetzten konnte er nicht überzeugen. Äthiopien? Zu korrupt, zu instabil, kein Öl. Doch Krewer gab nicht nach. Um ihren PR-Manager ruhigzustellen, bewilligten seine Chefs ihm tausend Dollar für eine landesweite Kampagne. Krewer warb in Zeitungen, gab eine Pressekonferenz - und der Erfolg war durchschlagend: Bis heute hat das Krankenhaus 24 Millionen Dollar mit den Äthiopiern verdient.Man gönnt sich ja sonst nichtsAhmed Ali wurde erstmal gründlich durchgecheckt und dann an der Wirbelsäule operiert. "Mir geht es super", strahlt er. Jeden Tag kommen mehrere Ärzte in sein Zimmer und schauen nach ihm. In Äthiopien wäre so etwas undenkbar. Dort ist ist ein Mediziner statistisch für 32500 Menschen zuständig.Gäbe es im Bangkok-Hospital nur Patienten wie Ali, müsste man Krewer vorwerfen, er nutze die Verzweiflung in Krisenländern aus. Aber die meisten Patienten hier sind nicht lebensbedrohlich krank und kommen auch nicht aus einem instabilen Land. Die Freundinnen Mai Thu Trangh und Nguyen Hong Hahn aus Hanoi etwa: Beide sind nur wegen eines Check-ups angereist. Wie andere Freundinnen sich einen Mittag beim Frisör gönnen, lassen sie sich mal eben untersuchen.Oder der Deutsche Olaf Bruns. Der 45-jährige Frührentner war in Chang-Mai mit dem Motorrad gestürzt, und weil er mit der Behandlung im dortigen Krankenhaus nicht zufrieden war, holten ihn zwei Ärzte aus dem Bangkok-Hospital ab. Jetzt sitzt er auf seinem Bett in der 16. Etage, erholt sich von seiner Schulter-Operation und will am liebsten gar nicht mehr weg. Superaussicht, Superzimmer, Superservice - und alles wird von seiner Auslandsversicherung bezahlt. "Den Luxus, den ich hier habe, habe ich in Deutschland nicht", sagt er. Ob er denn etwas kritisieren würde in dem Krankenhaus? "Na ja, dass Essen wiederholt sich alle fünf Tage", antwortet Bruns. Mehr Auswahl als orientalisches, westliches, vegetarisches, arabisches und japanisches Menü hat die Küche dann eben doch nicht zu bieten.Patienten wie er sind für Marketing-Chef Krewer Gold wert. Das Bangkok-Hospital braucht Menschen wie Bruns, wie die Vietnamesinnen Mai Thu Trangh und Nguyen Hong Hahn und wie den Äthiopier Ahmed Ali, um endlich die Nummer eins zu werden in Thailand: noch größer, wirtschaftlich noch erfolgreicher als das Burumgrad-Hospital in nur 15 Autominuten Entfernung. Nichts bringt mehr neue Patienten als zufriedene Patienten, die weitererzählen, wie gut es ihnen ergangen ist. Höchstens noch der Rückzug der öffentlichen Hand aus den Gesundheitssystemen in den Industrieländern, die Reduzierung von Kassenleistungen, der Zwang zu immer mehr privat finanzierten Behandlungen. Aber darum braucht sich Krewer nicht zu kümmern. Das erledigen andere für ihn.------------------------------Foto: Das Bangkok-Hospital ist die Nummer zwei im thailändischen Medizintourismus. Von jeweils zehn Patienten fliegen vier zur Behandlung aus dem Ausland ein.

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