Lebensmittel aus dem Delikat, Klamotten aus dem Exquisit, Auslandsreisen - acht Jahre lang hatte es sich Peter Bachmann (Name geändert) gutgehen lassen. Eine Viertelmillion DDR-Mark hat er durchgebracht. Das Geld auszugeben, sei kein Problem gewesen, sagt er gegenüber dem Richter am Bezirksgericht in Karl-Marx-Stadt. Er habe mit seiner Familie einfach gut gelebt. Eine Viertelmillion, diese Summe an sich ist 1988 schon spektakulär. Spektakulärer ist, wie Bachmann an das viele Geld kam. Er hat nicht weniger als 25 Trabis gestohlen und auf dem Schwarzmarkt verkauft. Aber es sind keine normalen Autodiebstähle von der Straße weg gewesen. Bachmann hat sie dort mitgehen lassen, wo er seit 20 Jahren arbeitet: als Schlosser im VEB Sachsenring Automobilwerke Zwickau. Die geklauten Trabis waren Neuwagen.Der Trabidiebstahl von Zwickau ruft ein Schlagwort in Erinnerung. Dass aus den volkseigenen Betrieben "noch mehr herauszuholen" sei, wird gemeinhin Erich Honecker in den Mund gelegt. Gesagt auf einem Parteitag. Nachweisen lässt sich das nicht, wohl handelt es sich eher um einen DDR-typischen Wortwitz.Geklaut wird in jedem System, auch in den Betrieben. Doch entfaltete die Mangelwirtschaft in der DDR ihre ganz eigene Dynamik. Dass einige Werktätige in ihren Betrieben den Begriff des Volkseigentums auf ihre ganz eigene Weise interpretierten, war kein Geheimnis. Auch wenn nicht von einem Massenphänomen gesprochen werden kann, Mitarbeiterdiebstähle waren dennoch stets ein Problem in VEB. Das Strafgesetzbuch der DDR kannte den Tatbestand des "Diebstahls sozialistischen Eigentums". Die Sanktionierung reichte vom "öffentlichen Tadel" bis zu zehn Jahren Gefängnis in besonders schweren Fällen.Doch Gesetze sind das eine und die Realität das andere. Für die DDR bedeutete das: Die Mangelwirtschaft zerstörte Loyalitäten zum VEB oder gleich zum ganzen real existierenden Sozialismus und senkte damit natürliche Hemmschwellen. Mangel erzeugte aber auch Nachfrage, und die befriedigte mancher dann eben mit einem Griff ins betriebliche Inventar. Entweder dienten die mitgenommenen Waren und Materialien der Eigenversorgung, oder sie waren zur Veräußerung auf dem Schwarzmarkt bestimmt. Wenn jemand mit "Sprit von Honi" fuhr, dann war das Benzin nicht bezahlt, sondern kam aus der Betriebstankstelle.Ein Symbol der DDR-Mangelwirtschaft war natürlich der Trabi. Stets produzierte man in Zwickau dem Bedarf hinterher. Schon Anfang der 70er-Jahre belief sich der Bestellüberhang auf eine Million Fahrzeuge. "So kam es, dass selbst für beschädigte oder sehr alte Gebrauchtwagen auf dem Schwarzmarkt zum Teil höhere Preise erzielt wurden, als ein neuer Trabi ab Werk kostete", sagt Sönke Friedreich vom Sächsischen Institut für Geschichte und Volkskunde in Dresden. Intensiv wie kein anderer hat sich Friedreich mit dem VEB Sachsenring befasst. Neben Archivrecherchen bilden Dutzende Gespräche mit ehemaligen Mitarbeitern die Grundlage seines Buches "Autos bauen im Sozialismus", in dem Friedreich Arbeitswelt und Organisation des Großbetriebes mit zuletzt fast 12000 Beschäftigten untersucht.Sachsenring nahm wegen der allzeit hohen Nachfrage nach den Trabis in der Ökonomie der DDR eine besondere Stellung ein, nicht nur wegen der extremen Wartezeiten. Auch Ersatzteile waren rar, der Schwarzhandel blühte. Die Beschäftigten bei Sachsenring saßen deshalb an einer äußerst lukrativen Quelle, wobei die Endmontage als ein besonders diebstahlgefährdeter Punkt galt. Keinesfalls will Volkskundler Friedreich jedoch den Eindruck eines Generalverdachtes gegenüber den Mitarbeitern des VEB Sachsenring erwecken. "Der Großteil der Beschäftigten ließ sich nie etwas zu Schulden kommen."Weil Diebstähle aber vorkamen und teilweise erhebliche Ausmaße annahmen, rief der Betriebsdirektor 1986 eigens eine Konferenz ein, in der er die mangelnde "Sicherung unserer Fertigungserzeugnisse" kritisierte und auf die ungenügende Inventur hinwies, welche Diebstähle begünstigte. Dass selbst der Nachweis produzierter und eigentlich leicht zählbarer Trabis derart ungenügend war, und Peter Bachmann 25 davon über die Jahre klauen konnte, daran dachte der Direktor wohl nicht einmal im Traum.Auch wenn Peter Bachmann eine gehörige Portion krimineller Energie unterstellt werden muss, wurde es ihm in Zwickau doch leichtgemacht. Das betraf zunächst einmal die besondere bauliche Situation des VEB Sachsenring, der aus drei Werken bestand. Nachdem im Werk I die Karosserie gefertigt wurde, folgten im Werk III das Tauchbad und die Beplankung mit den Duroplastteilen sowie die Lackierung. Im Werk II erfolgte die Endmontage. Die fertigen Fahrzeuge wurden dann von Mitarbeitern ganz normal auf der Straße in das WerkI gefahren, wo sich der Verladebahnhof befand. Für diese Strecke wurden den Trabis Nummernschilder anmontiert.Peter Bachmann war als Schlosser damit befasst, die fertigen Trabis auf ihre Qualität zu untersuchen und gegebenenfalls vorhandene Lackschäden auszubessern. Die von Sönke Friedreich eingesehenen Gerichtsakten schildern ausführlich, wie es Bachmann überhaupt gelingen konnte, solange unbemerkt fertig montierte Trabis zu stehlen. Wie auf der zwei Jahre zuvor stattgefundenen Sicherheitskonferenz bereits bemängelt wurde, lag es daran, dass offenbar niemand so genau wusste, wie viele Trabis eigentlich produziert wurden. Bachmann nutzte aus, dass die fahrbereiten Trabis erst registriert wurden, als sie im Verladebahnhof von Werk I eintrafen.Als Peter Bachmann 1980 den ersten Trabi klaut, arbeitet er bereits seit zwölf Jahren an seinem Arbeitsplatz. Mit der Zeit hat er so die Sicherheitslücken erkannt. Bachmann schlägt immer dann zu, wenn auf dem Hof von Werk II gerade besonders viele Trabis stehen, weil einer weniger dann kaum auffällt. In der Pause der Spätschicht, zwischen 21.30 und 21.45 Uhr, wählt er einen Trabi aus und klemmt ein privates Kennzeichen an das Fahrzeug. Da in den fertigen Trabis die Zündschlüssel hängen, startet er ohne Probleme und fährt einfach zum Werkstor heraus.Obwohl der Werksschutz am Eingang kontrolliert, fällt Bachmann dabei nie auf. Die Wachen lassen ihn in dem Glauben passieren, er gehöre zu den Mitarbeitern, die mit der Überführung der Trabis in das Werk I befasst sind. Doch Peter Bachmann stellt den Trabi dann in einer Seitenstraße ab. Nach Schichtende fährt er zunächst mir seinem privaten Auto die Strecke zu seiner Wohnung ab, um sicherzugehen, dass keine Polizeikontrollen stattfinden. Dann kehrt er zum Werk zurück und fährt den gestohlenen Trabi nach Hause.So einfach wie der Diebstahl gestaltet sich auch der Verkauf. Bachmann sucht sich seine Abnehmer unter Besitzern älterer Trabis. Dann trennt er die Fahrgestellnummer des gestohlenen Trabis heraus und ersetzt sie durch jene des bereits seit Jahren zugelassenen Fahrzeuges. Die Abnehmer fahren nun einen neuen Trabi mit alten Papieren. Bei abweichender Farbe wird einfach eine Legende für die neue Lackierung erfunden.Dass Peter Bachmann so innerhalb von acht Jahren 25Trabis klauen und verkaufen konnte, hängt für Sönke Friedreich nicht nur, aber eben auch mit den Besonderheiten eines sozialistischen Großbetriebes zusammen. "Laxe Arbeitsmoral und Kontrollen gibt es auch in vielen kapitalistischen Betrieben, ebenso wie die Möglichkeit zum Dieb-stahl, schließlich gibt es das Motiv der Bereicherung in jedem System. Aber die meisten kapitalistischen Betriebe haben doch Möglichkeiten und Willen, Diebstähle in Grenzen zu halten." So wäre eine räumlich derart zerstückelte Produktion im Kapitalismus kaum vorstellbar, zudem würden Inventuren und Revisionen meist von außerbetrieblichen Beauftragten durchgeführt. Diese hätten kaum ein Inter-esse daran, Fehler zu übersehen oder gar zu verschleiern.Peter Bachmann wird 1988 zu neun Jahren Gefängnis verurteilt. Außerdem muss er Schadensersatz in Höhe von genau 258668,35 Mark leisten. Das entspricht dem von ihm erzielten Verkaufserlös. Soweit noch vorhanden, wurden die gestohlenen Trabis beschlagnahmt und dem VEB Sachsenring zurückgegeben. Wie einfach es Bachmann gemacht wurde, hat ihn selbst am meisten gewundert. "Wenn ich das Risiko bei einem Autodiebstahl im VEB Sachsenring und bei einem Diebstahl in irgendeiner Kaufhalle vergleiche, so muss ich sagen, dass die Gefahr des Erwischtwerdens bei einem Kaufhallendiebstahl bedeutend größer ist. Ich kann ehrlich sagen, dass ich nie den Mut gefunden hätte irgendeinen Kaufhallendiebstahl auszuführen. Davor hätte ich zu viel Angst gehabt."------------------------------Foto: Trabant-Montage im VEB Sachsenring Automobilwerke Zwickau, 1988