S-s-s-s-s-vanez", summt Nikolai Cherkas. Mehr muss der weißrussische Biologe nicht sagen. Seine Kollegen aus Deutschland und Großbritannien glauben ihm sofort, dass sich der Name des Sumpfgebietes Svanez nur vom aggressiven Brummen der Pferdebremsen ableiten kann. Die Wissenschaftler stehen auf einem Deich mitten im weißrussischen Niedermoor und entwickeln sportlichen Ehrgeiz beim Bremsen-Erlegen.Dabei sind sie ganz froh, endlich den Konferenzräumen der Hauptstadt Minsk entronnen zu sein, in denen sie in den Tagen davor über ein internationales Projekt zum Schutz der Feuchtgebiete am Fluss Pripjat diskutiert haben. Schon seit 1995 engagieren sich deutsche Experten wie Martin Flade von der Landesanstalt für Großschutzgebiete in Brandenburg und der Greifswalder Ökologie-Professor Michael Succow gemeinsam mit der britischen "Royal Society for the Protection of Birds" (RSPB) in Weißrussland.Die Projektgebiete in der weiteren Umgebung des Pripjat bringen jeden Naturschützer ins Schwärmen. Svanez ist mit 25 000 Hektar das größte Niedermoor in Europa, auch die nahe gelegenen Schutzgebiete Dikoye und Sporovo (siehe Karte) bieten riesige Moorflächen mit Riedgras (Seggen), weißblühendem Wollgras und gelben Schwertlilien. Und dann ist da noch der Pripjat selbst, der ungezähmt durch dichte Auwälder und bunte Feuchtwiesen fließt. In der Luft liegt das Rufen von Kiebitzen und Rotschenkeln, Brachvögeln und Uferschnepfen - alles Vögel, die in Deutschland gefährdet sind. Und immer wieder reißen Ornithologen die Ferngläser an die Augen, wenn über den Uferbäumen ein Schwarzstorch auftaucht, den man anderenorts kaum je zu Gesicht bekommt."So wie hier muss es in Nord- und Ostdeutschland vor Jahrhunderten ausgesehen haben", sagt Martin Flade, der das Pripjat-Projekt ins Rollen gebracht hat. Nachdem der Ornithologe in den achtziger Jahren in Ostpolen über den Wachtelkönig geforscht hatte, interessierte ihn auch die Landschaft jenseits der Grenze. Doch erst 1995 kam die erste Exkursion in die weißrussischen Sümpfe zu Stande. "Die Kollegen vor Ort haben damals geschmunzelt, weil ich nach Seggenrohrsängern suchen wollte", erinnert sich Martin Flade. Die kleinen Vögel hatte in Weißrussland schon lange niemand mehr gesehen. Doch dann entdeckten die Forscher vom Hubschrauber aus typische Seggenmoore. Und als sie zu Fuß in das Gebiet vordrangen, hörten sie schließlich die schnarrenden Rufe des Seggenrohrsängers. Noch heute erzählt Martin Flade davon so begeistert wie von einer erfolgreichen Schatzsuche.Der unscheinbare braune Seggenrohrsänger ist für Naturschützer ein Symbol, weil er wie kaum eine andere Art seinen Lebensraum repräsentiert. Er ist auf größere Seggenmoore angewiesen, und gerade das ist ihm vielerorts zum Verhängnis geworden. Denn seine Lebensräume sind von der Landkarte Europas weitgehend verschwunden. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten in Nord- und Ostdeutschland so viele Seggenrohrsänger, dass man vom "Spatz der Moore" sprach. Allein in Brandenburg soll es noch vor achtzig Jahren mindestens zehntausend singende Männchen gegeben haben. Vogelkundler erfassen und identifizieren die Tiere anhand des Gesangs, denn zu sehen bekommt man die unscheinbaren Schilfbewohner kaum. In Deutschland, wo fast alle Niedermoore trockengelegt sind, gibt es vielleicht noch zwanzig Seggenrohrsänger-Männchen, in diesem Jahr haben Ornithologen sogar erst zwei nachgewiesen. Und das ist der gesamte EU-Bestand.Nach Flades Entdeckung haben weißrussische Wissenschaftler die braunen Vögel in der ehemaligen Sowjetrepublik erfasst. Demnach leben dort etwa 60 Prozent des Weltbestandes, den man auf etwa fünfzehntausend singende Männchen schätzt. Doch auch dieses vermeintliche Paradies war bedroht, denn die Regierung in Minsk hatte die Entwässerungspläne für die Niedermoorflächen schon in der Schublade. Das gemeinsame Engagement weißrussischer und ausländischer Naturschützer hat die Trockenlegung gerade noch verhindert. "Zum Glück", sagt der Greifswalder Moorexperte Michael Succow. Denn mit der Zerstörung der Niedermoore könnten nicht nur einmalige Lebensräume, sondern auch wichtige Landschaftsfunktionen verloren gehen. Intakte Moore nämlich speichern in ihrem Torf große Mengen Nährstoffe und Kohlenstoff. Legt man das Gebiet trocken, zersetzt sich der Torf, gibt die Nährstoffe frei und belastet die Atmosphäre mit Treibhausgasen.Die direkte Zerstörung haben die Naturschützer abgewendet, die wichtigsten Flächen in Dikoye, Svanez und Sporovo stehen unter Schutz. Doch damit ist die Arbeit nicht getan. "Wir müssen nicht nur künftige Entwässerungen verhindern, sondern auch die Fehler der Vergangenheit wieder ausbügeln", erläutert der Deutsche Norbert Schäffer, der beim RSPB für die Europa-Projekte zuständig ist. Denn auch die scheinbar so urwüchsigen Moorlandschaften sind nicht mehr völlig intakt. Entwässerungskanäle auf benachbarten Flächen stören ihren Wasserhaushalt. Der Grundwasserspiegel ist gesunken, auf dem nun trockeneren Boden keimen Büsche. Wenn aber die weite Moorlandschaft zuwächst, verschwinden viele ihrer typischen Arten. "Wir wollen daher den ursprünglichen Wasserhaushalt wiederherstellen", sagt Schäffer.Dazu haben die Wissenschaftler Managementpläne ausgearbeitet, in denen genau steht, welcher Graben geschlossen und welcher Deich dem Verfall überlassen werden soll. Die Regierung hat diese Pläne schon abgesegnet. Darüber hinaus wollen die Forscher etwa fünfzehntausend Hektar schon trocken gelegter Flächen wieder in Moore verwandeln. "Wir haben die führenden Moorexperten Europas ins Team geholt", sagt Norbert Schäffer. Schließlich kann bei einer solchen Aktion einiges schief gehen. Wenn man den Wasserstand nicht vorsichtig anhebt, entsteht statt des erhofften Moors ein See.Bis alle Vorhaben umgesetzt sind, werden noch Jahre vergehen. Doch die Geldgeber wollen sich ohnehin nicht so bald aus dem Pripjat-Gebiet zurückziehen. Zu positiv sind die Erfahrungen, zu groß ist der Stolz auf das schon Erreichte. "In Weißrussland kann man mit begrenzten Mitteln viel bewirken", freut sich etwa der Unternehmer Michael Otto, der die Gelder seiner Umweltstiftung in der ehemaligen Sowjetrepublik gut investiert sieht. Es gebe nur wenige Länder, in denen man innerhalb von fünf Jahren ein Schutzgebietssystem mit detaillierten Managementplänen etablieren könne. "Außerdem kenne ich kein Land, in dem sich die private Naturschutzszene so rasch entwickelt hat", fügt Norbert Schäffer hinzu. 1998 entstand die erste weißrussische Naturschutzorganisation "Akhova Ptuschak Belarusi" (APB), die inzwischen im In- und Ausland Gehör findet. Schäffer und seine Kollegen wollen diesen Verband auch weiterhin stärken - etwa indem sie Büros bezahlen und Mitarbeiter schulen. Bis sich der APB endgültig als schlagkräftige Organisation etabliert hat, wird es Schäffers Meinung nach wohl noch zwanzig oder fünfundzwanzig Jahre Unterstützung brauchen. Die will ihm der britische RSPB auch über so lange Zeit gewähren. Schließlich wissen die Briten, dass sie auf das Engagement der weißrussischen Kollegen zählen können. Begeistert werben Nikolai Cherkas und seine Mitstreiter für die Naturschätze ihrer Heimat. Und sie hoffen, dass ihr Land eines Tages nicht mehr nur mit Diktatur, Wodka und den Folgen von Tschernobyl in Verbindung gebracht wird.Foto: KERSTIN VIERING Eine Auenlandschaft in Weißrussland: Am Ufer des Flusses Pripjat sind zahlreiche Feuchtwiesen gelegen, ebenso gibt es dort die größten Niedermoore Europas. Die Region bietet zahlreichen seltenen Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum. Der Seggenrohrsänger beispielsweise ist in weiten Teilen des europäischen Kontinents ausgestorben. In den weißrussischen Moorgebieten leben sechzig Prozent des Weltbestandes dieser Vögel.Foto: BERLINER ZEITUNG/LUKAS PUSCH In den Flussgebieten im Süden Weißrusslands gibt es ausgedehnte Moore. Experten aus Westeuropa helfen den Naturschützern dort bei ihrer Arbeit.