ZOSSEN. Die Wahrheit kann teuer sein. 7000 Euro musste Jörg Wanke nach eigenen Angaben bezahlen - für Gerichtskosten. Aber er darf auch weiterhin öffentlich über Filz in Zossen (Teltow-Fläming) reden. So hat es das Oberlandesgericht (OLG) entschieden. Das OLG hat damit die Unterlassungsklage eines Autohausbesitzers in großen Teilen abgeweisen, der Wanke zum Schweigen bringen wollte. Wanke ist Mitinitiator der Initiative "Gegen Korruption und Filz für Demokratie und Pressefreiheit", die sich heute Nachmittag in Zossen gründen will."Bürger in Zossen sind empört über den Filz, über den ,Polit-Sumpf', der sich in unserer Heimatstadt ausgebreitet hat", steht in dem Gründungsaufruf. Gegen die Stadt Zossen seien 84 Verfahren anhängig, gegen die Bürgermeisterin Michaela Schreiber (Wählerinitiative Plan B) persönlich zwei Verfahren bei der Kommunalaufsicht. Und gegen den Geschäftsführer des größten Autohauses werde wegen des Verdachts der Korruption ermittelt.Auch gegen Schreiber laufen die Ermittlungen, die die Staatsanwaltschaft "weder dementieren noch bestätigen" will. "Es ist so, dass die wirtschaftlichen Interessen des Autohausbesitzers ganz klar im Vordergrund der Politik stehen", behauptet Wanke. "Die Menschen hier werden nicht informiert, weil die Lokalpresse das Sprachrohr der Bürgermeisterin ist."Wanke ist vom Verein Haus der Demokratie. Das linke Kulturzentrum war Anfang 2010 von rechten Tätern in Brand gesetzt worden. Der Fall beherrschte lange die Medien. Der Betreiberverein hält der Bürgermeisterin bis heute vor, danach nicht angemessen reagiert zu haben, weil sie das Anliegen des Hauses nicht unterstützte.Nach Angaben von Jörg Wanke hat Schreiber in Zossen ein System von "Eine Hand wäscht die andere" etabliert. Es geht auch um Grundstückskäufe, von dem Plan B-Stadtverordnete profitiert haben sollen. Etwa um das Weideland eines Abgeordneten, das plötzlich zu Bauland wurde. "Obwohl es in Zossen 15 Bebauungsgebiete gibt", sagt Wanke. Oder aber um den Bau eines großen Einkaufszentrums auf einem Grundstück, das dem Besitzer des Autohauses gehört, erzählt Wanke.Die Bürgermeisterin weist solcherart Vorwürfe zurück und sieht sich als Opfer einer Kampagne im Wahlkampf. "Seit Wochen wird mit Dreck auf mich geschmissen", sagt Schreiber. "Dabei setzte ich nur Mehrheitsentscheidungen um, und da habe ich immer Streit mit der Opposition." Sie sagt auch, dass der Landrat Peer Giesecke (SPD) sie seit sechs Jahren aus dem Rathaus vertreiben wolle.Tatsache ist, dass seit 2007 gegen Michaela Schreiber ein Disziplinarverfahren läuft. Noch ist es nicht abgeschlossen. Es geht um Dienstvergehen in etwa 40 Fällen, wie ein Insider berichtet. So soll Schreiber unter anderem gegen das Gemeindehaushaltsrecht verstoßen und den Abgeordneten Akteineinsicht verweigert haben. Immer wieder soll sie Grundstücke erworben, ohne das Stadtparlament informiert zu haben. "Sie verstößt gegen jegliche demokratischen Grundrechte", so der Insider. Schreiber sei eine Alleinherrscherin, sie sei als einzige in der Verwaltung unterschriftsberechtigt. "Die Abgeordneten sind nur ein Zustimmungsorgan." Schreiber spricht von "Halbwahrheiten und Lügen", die über sie verbreitet werden. Verantwortlich dafür sei das Lager ihres Gegenkandidaten, Carsten Preuß."So verfahren die Situation ist, wir müssen zu einem anderen Miteinander kommen", sagt Preuß. Der Parteilose führt die gemeinsamen Fraktion von SPD, Linke und der Bürgervereinigung VUB im Stadtparlament. Unterstützung als Bürgermeisterkandidat erhält er auch von den Grünen und der FDP. Als Pulverfass bezeichnet Preuß die Situation in Zossen. Korruptionsvorwürfe gegen die Bürgermeisterin müssten Staatsanwaltschaft und Gerichte klären, sagt er.Aber seine Erfahrungen mit der Amtsinhaberin sind nicht die besten. Es geht um typisch kommunale Angelegenheiten. "Was die Bürgermeisterin will, versucht sie mit Brachialgewalt durchzupauken", so Preuß. "Sie will nicht versöhnen." So sei das auch bei ihrer Idee eines 7,5Millionen Euro teuren Sportforums im Ortsteil Dabendorf gewesen. Angesichts des Zustandes der Schulsporteinrichtungen in der Stadt, in die investiert werden müsste, lehnte eine Mehrheit der Stadtverordneten das Projekt drei Mal ab - im vierten Anlauf setzte sich Schreiber durch. Auch als es um den Standort einer Kita im Ortsteil Wünsdorf ging, habe die Bürgermeisterin 1600 Unterschriften ignoriert und ihren Willen durchgesetzt. "Wir müssen zu einem anderen Miteinander kommen, bei dem nicht mehr sofort übereinander hergefallen wird", sagt Preuß.Manuela Schreiber sagt, im Falle ihrer Wahl werde sie weiter gegen Filz und Korruption von SPD und Linken im Landkreis kämpfen.------------------------------37 Städte, 110 KandidatenIn Brandenburg werden am 11. September in 37 Städten und Gemeinden hauptamtliche Bürgermeister gewählt. Die Amtszeit beträgt acht Jahre. Die Direktwahl erfolgt unabhängig von der Wahl der Kommunalparlamente mit einer Legislaturperiode von fünf Jahren.Gewählt wird auch in Brandenburg/Havel, eine der vier kreisfreien Städte Brandenburgs. Oberbürgermeisterin Dietlind Tiemann (CDU) tritt gegen vier weitere Bewerber an.Mit sechs Bewerbern steht Jüterbog (Teltow-Fläming) an der Spitze. In Schorfheide (Barnim), Röderland (Elbe-Elster), Ketzin (Havelland) und Fehrbellin (Ostprignitz-Ruppin) gibt es jeweils nur einen Bewerber. Drei Kandidaten bewerben sich um das Amt in der Flughafen-Großgemeinde Schönefeld (Dahme-Spreewald). In Zossen stehen sich zwei Kandidaten gegenüber.110 Kandidaten bewerben sich insgesamt um die Rathaussessel. Nur gut die Hälfte von ihnen (57) wurden von Parteien nominiert. Die anderen Kandidaten kommen von Wählergruppen (17) und Listenvereinigungen (6) oder treten als Einzelbewerber an (30).------------------------------Karte: Brandenburg zwischen Berlin und Zossen: In Zossen leben 18 000 Menschen. Zu der Stadt gehören zehn Ortsteile.Foto: 2010 steckten Rechte das Haus der Demokratie an. Kritiker bemängeln, dass die Bürgermeisterin sich kaum mit dem Anti-Neonazi-Projekt solidarisierte.Foto: Gegen Bürgermeisterin Michaela Schreiber läuft ein Disziplinarverfahren.------------------------------KORREKTUR- Im Artikel "Mit Brachialgewalt durchgepaukt", Mittwochausgabe, Seite 22, heißt es, auch die FDP unterstütze den gemeinsamen Bürgermeisterkandidaten von SPD und Linken in Zossen. Die FDP legt Wert auf die Feststellung, dass es dazu keinen Beschluss des Ortsverbandes gibt. - 03.09.2011