DELHI. Für den 25-jährigen Abdul Majeed sieht die Zukunft düster aus. Er hockt in dem kleinen Häuschen seiner Familie in einem Mohalla, einem Stadtteil der indischen Stadt Hyderabad, und traut sich nicht mehr auf die Straße. "Selbst die Kinder beschimpfen mich als pakistanischen Agenten", klagt der junge Mann, der bis zum 1. September des Jahres 2007 in einem Laden auf dem Jagdish Markt Mobiltelefone verkaufte. Er kann sich nicht daran erinnern, wann zum letzten Mal ein Nachbar an die Tür geklopft hat."Wir leben in völliger Isolation", sagt der junge Mann mit dem kurzen Kinnbart und melancholischen dunklen Augen. Manchmal reibt seine Hand über die linke Leiste. Die Polizisten haben bei den Vernehmungen seine Beine so weit gespreizt, dass die Verletzung auch nach neunmonatiger Haft und dreimonatiger Behandlung im örtlichen Krankenhaus nicht verheilt ist.Der Moslem gehört zu einer Gruppe von Männern in der Stadt Hyderabad im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh, die im September 2007 bei einer Razzia von der Polizei aufgegriffen wurde. Zwei Bombenanschläge hatten Panik unter der Bevölkerung ausgelöst. Die Polizei stand unter massivem Druck, schnell Ermittlungsergebnisse vorzuweisen und griff ziemlich wahllos zu. Inzwischen befindet sich Abdul Majeed wieder auf freiem Fuß. Er wurde freigelassen, weil ein Gericht in Hyderabad zu dem Ergebnis kam, dass der junge Mann unschuldig war.Doch die Leiden des Telefonverkäufers sind längst nicht vorüber. Er findet keine Arbeit, weil niemand ihn einstellen will. Er geht am Krückstock, weil die bei der Folter verletzte Leiste nicht heilen will und schmerzt. Elektroschocks haben Nervenschäden verursacht. Jedes Mal, wenn ein Motorengeräusch von der Straße in das Wohnzimmer des bescheidenen Drei-Zimmer-Häuschen dringt, in dem seine Eltern und vier Geschwister wohnen, greift Majeed nach dem Krückstock, als wolle er fliehen. Der junge Moslem fürchtet, die indische Polizei könnte ihm noch einmal einen Besuch abstatten.Der 23 Jahre alte Uhrmacher Mohammed Kareem Quadri, der ein paar Straßenzüge weiter wohnt, ist noch stärker eingeschüchtert. Er schämt sich fast, von der Folter zu erzählen, die er erleiden musste. Die Polizisten, die sich den jungen Mann vorknöpften, wussten, was besonders schmerzhaft war. Sie ließen ihn in einer Zelle in Hyderabad stundenlang an Händen und Füßen hängen. Zweimal, so hält ein Mediziner in einem vom zuständigen Gericht in Auftrag gegebenen Gutachten fest, banden die Polizisten dem Mann eine gefüllte, zwei Liter Flüssigkeit fassende Flasche an den Penis. Als Kareem Quadri vor Schmerzen schrie, sagten seine Folterer nur: "Wenn du nicht gestehst, verhaften wir den Rest deiner Familie und machen mit denen das Gleiche."Auch Mohammed Kareem Quadri wurde verhaftet, weil die Polizei nach den Hintermännern eines Bombenattentats suchte. Nach monatelanger Untersuchungshaft und Folter befindet er sich wieder in Freiheit. Quadri kann nun sogar einen genauen Preis für die brutale Folter in der größten Demokratie der Welt nennen. 30 000 Rupien, rund 480 Euro, schüttete die Bundesstaatsregierung von Andhra Pradesh an jeden der insgesamt 22 Männer als "Versuch der Heilung" aus. Die Moslems erhielten eine Entschädigung, weil sie laut den Behörden unschuldig gefoltert wurden.Einige der Männer mussten nach ihrer Freilassung wochenlang medizinisch betreut werden. Nicht nur die Leistenverletzungen waren problematisch. Ärzte fanden Einstiche von Injektionen rund um die Brustwarzen. Sie entdeckten Spuren von Elektroschocks. Die Polizisten, die für die Misshandlungen verantwortlich sind, sind weiter im Dienst, sie können sogar auf das Verständnis der Politiker hoffen. "Die Polizei handelt auf der Grundlage ihrer eigenen Informationen", sagt Andhra Pradeshs Minderheitsminister Mohammed Shabbir Ali, "dabei kann sie sich auch schon mal irren." Die falsche Verhaftung, nicht die Folter, stellt offenkundig für den Minister das Problem dar. Er ist damit keine Ausnahme in Indien.Die Regierung in Neu Delhi unterschrieb bislang weder die internationale Konvention gegen Folter noch verbieten Gesetze deren Anwendung. Laut einer Statistik der indischen Menschenrechtskommission ACHR (Kasten) starben von 2002 bis 2007 mindestens 7 468 Inder unter ungeklärten Umständen im Polizeigewahrsam und in den Gefängnissen des Landes - vier Menschen pro Tag. "Es gibt keinen Zweifel, Polizeifolter existiert in Indien", sagt Rene Klaff, Leiter der deutschen Friedrich-Naumann-Stiftung in der indischen Hauptstadt Delhi. Gemeinsam mit der Europäischen Union finanzierte die FDP-nahe Institution die bislang einzige umfassende Untersuchung von Folter in Indien. 6 000 Mal zogen in neun Bundesstaaten Indiens Teams los, sie deckten 10 000 Fälle von Quälerei auf und übergaben 2 300 an die indischen Gerichte.Misshandlungen und Folter, das zeigten die Untersuchungen der Naumann-Stiftung, werden nicht nur bei Verdächtigen in hochbrisanten Terrorfällen systematisch eingesetzt. In dem Dokumentarfilm Godless Justice (Gottlose Gerechtigkeit) lässt die Regisseurin Sunita Thakur einen Polizisten in einem Dorf im Bundesstaat Tamil Nadu mit deutlichen Sätzen zu Wort kommen. "Wir erfahren von unseren Informanten und den Leuten, wer sich nicht benimmt", sagt der Beamte, "bei diesen Leuten müssen wir dann harte Mittel anwenden, damit sie nicht rückfällig werden."Nackt durch die DorfgasseDas Beispiel des jungen K. Malaisami aus Chinna Karattupatti, einem Dorf im Bundesstaat Tamil Nadu, zeigt, dass solche Argumente häufig nur vorgeschoben sind. Seine Eltern wurden festgenommen, nachdem sie eine Beschwerde eingereicht hatten. Der Grund dafür war eine Forderung von Polizisten, die Schmiergeld wollten. Die Eltern verweigerten das und mussten nackt durch die Dorfgassen laufen. Malaisamis Mutter wurde vergewaltigt, und der Vater musste niederknien und zuschauen."Sie haben meinen Vater an den Beinen aufgehängt", erzählt Malaisami, "und ihn geschlagen." Nach wochenlanger Folter ließ die Polizei den Mann und seine misshandelte Ehefrau vor einem kleinen Krankenhaus liegen. Malaisamis Vater starb, der Mutter treten heute noch die Tränen in die Augen, wenn sie von ihren furchtbaren Erlebnissen erzählt. Der Sohn Malaisami konnte mittlerweile dank der Unterstützung der indischen Hilfsorganisation Peoples Watch studieren und ein Examen als Jurist ablegen. Bald wird er für die Organisation Folteropfer vertreten.Der Staat Indien versucht übrigens nicht einmal, Berichte über die alltägliche Folter in der größten Demokratie der Welt zu unterdrücken. Sunita Thakur musste ihren Dokumentarfilm Godless Justice der Zensurbehörde vorlegen, so wie das mit allen Streifen geschieht, die in Indien produziert werden. Die Zensoren bemängelten nur eine Aufnahme. Ein Folteropfer zeigte seine Narben auf dem nackten Gesäß. Diesen Körperteil wollten die Zensoren nicht unbedeckt durchgehen lassen.------------------------------Massive MenschenrechtsverletzungZur Lage: Den ersten gesamtindischen Report über Folter in Gefängnissen legte 2008 das in Neu Delhi ansässige Asiatische Zentrum für Menschenrechte (Asian Center for Human Rights - ACHR) vor.Tausende Tote: In dieser Studie wird festgestellt, dass im Zeitraum 2002 bis 2007 insgesamt 7 468 Menschen in indischen Haftanstalten starben beziehungsweise getötet wurden - durchschnittlich 1 494 pro Jahr. Noch einmal so viele Menschen starben im Gewahrsam der Armee oder paramilitärischer Einheiten in Gebieten, wo Aufständische bekämpft werden. Todesfälle zeigen aber nur die extreme Auswirkung einer alltäglich Praxis.Gründe: Als wichtigste Erklärung für die massenweise Misshandlung von Menschen in staatlicher Obhut wird in der Studie angeführt, dass folternde Polizisten, selbst wenn ihre Quälereien bekannt werden, nicht bestraft werden. Prügel und Misshandlung werden als Gewohnheitsrecht verstanden. Im Jahr 2004 wurden nur vier Polizisten oder Wächter verurteilt, weil unter ihrer Verantwortung Menschen umkamen, 2005 nur drei.Forderung: Das Zentrum für Menschenrechte drängt auf eine klare gesetzliche Regelung, die Folter - auch wenn sie nicht zum Tode führt - zum Straftatbestand macht. Opfer sollen Anspruch auf Entschädigung haben. Des Weiteren sollen auch bewaffnete Streitkräfte künftig unter das Gesetz zum Schutz der Menschenrechte von 1993 fallen und die UN-Konvention gegen Folter soll endlich auch von Indien unterzeichnet werden.------------------------------"Die Regierung leugnet. Sie spricht von Suiziden und behauptet, Gefangene brächten sich gegenseitig um." Menschenrechts-Report------------------------------Foto: Suresh Jaitpura Varanasi wurde bis aufs Blut verprügelt.