LEIPZIG, 5. Oktober. Helmut Digel, Vizepräsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, war irritiert. "Wenn das der Generalsekretär allein entscheidet, sind wir weit gekommen", sagt er. Gegenstand seines Ärgers ist die Reaktion des Deutschen Leichtathletik-Verbandes auf eine versuchte Rekordrückgabe, die Digel, der DLV-Ehrenpräsident, nur durch Zeitungslektüre erfuhr: Ines Geipel, einstige Weltklassesprinterin, in Berlin lebende Schriftstellerin und Professorin, hatte DLV-Generalsekretär Frank Hensel Ende Juli gebeten, ihren Namen aus der Rekordliste zu löschen. Mit Bärbel Wöckel, Ingrid Auerswald und Marlies Göhr hält sie noch immer den deutschen Rekord der Klubstaffeln über 4x100 Meter, 42,20 Sekunden, aufgestellt 1984 in Erfurt. Geipel verwies auf die "hinlänglich geklärte" Doping-Geschichte des DDR-Sports und ihre Aussagen im Prozess gegen DDR-Sportchef Manfred Ewald und Sportmediziner Manfred Höppner, den sie mit dem Buch "Verlorene Spiele" nachzeichnete. Mit der Bitte, "mir die Streichung meines Namens kurz zu bestätigen", endet der Brief an Hensel.Die Taktiker des DLVFür Digel ist die Botschaft an den DLV eindeutig: "Erstmals sagt ein Athlet: Ich möchte, dass wieder faire Bedingungen herrschen und dass ein solcher Rekord heute nicht mehr als Maßstab gilt." Zudem verweist er auf die internationale Relevanz des Falls, denn die 42,20 Sekunden des Jenaer Quartetts stehen als Weltrekord der Klubstaffeln auch in den IAAF-Listen. "Damit haben wir die alte Diskussion auf einer völlig neuen Ebene, angestoßen von einer Athletin. Ich habe eine riesige Achtung vor diesem Schritt." Digels Beifall kommt nicht überraschend, denn der DLV versuchte zur Jahrhundertwende eine symbolische Zäsur zu setzen, um mit den ewigen Rekorden der 80-er und 90-er Jahre, Höhepunkt des Anabolika-Dopings in Ost wie West, zu brechen. Die Trennung in alte und neue Rekorde scheiterte kläglich in der IAAF.Umso mehr erstaunt Digel nun die Reaktion seiner DLV-Kollegen, denn Geipel blieb mit ihrem Ansinnen vorerst in einem zähen Gemisch aus sportpolitischer Ohnmacht und erinnerungstaktischer Trägheit stecken. Aus der Süddeutschen Zeitung erfuhr sie, dass Generalsekretär Hensel eine Art Selbstbezichtigung verlangt. Digel hingegen ist "eher gegen einen solchen Zweizeiler, mit dem sie noch einmal sagen muss, ich war bei diesem Wettkampf gedopt. Wir wissen doch heute alles über den Systemzwang". Stattdessen wird er dem DLV-Präsidenten Clemens Prokop empfehlen, "die Streichung dieses Rekords selbst voranzutreiben", also Einsicht zu nehmen in seit Jahren zugängliche gerichtsfeste Dokumente. Dass dabei auch verwertbare Erkenntnisse über andere Rekorde zu gewinnen wären, deutet der IAAF-Vizepräsident nur an.Käme es dazu, dürfte man das als Revolution bezeichnen, wenngleich eine überfällige. Denn der DLV würde nur einem eigenen Präsidiumsbeschluss zum Verfahren bei der Aberkennung von Rekorden folgen: "Während bislang ein Geständnis des Athleten über die Einnahme unerlaubter Substanzen vorliegen musste, sollen künftig alle rechtsstaatlich üblichen Nachweismethoden berücksichtigt werden." Etwa Zeugenaussagen oder Gutachten von Sachverständigen. Der ehrenwerte Beschluss stammt von 2000. Damals wollte der DLV "im Kampf gegen Doping ein Zeichen setzen". Das kann er nun nachholen.------------------------------Foto: Ines Geipel