Er wirkt lautlos und schnell. Innerhalb weniger Minuten verwandelt Infraschall den bedrohlichsten Gegner in ein von Schwindelanfällen, Krämpfen und Übelkeit geplagtes Nervenbündel. Berichte über eine angebliche neue Wunderwaffe tauchen seit einigen Jahren immer wieder in amerikanischen Militärzeitschriften auf. Sie preisen den niederfrequenten Schall von maximal zwanzig Hertz als "nicht-tödliches, aber leistungsfähiges Hilfsmittel" für Armee und Polizei, etwa um Geiselnehmer zu überwältigen oder Bankräuber außer Gefecht zu setzen. Auch deutsche Zeitungen veröffentlichten wiederholt Meldungen, wonach amerikanische Forscher geheimnisvolle Infraschall-Kanonen entwickelt haben sollen. Detailangaben zu Funktionsweise und Herstellung fehlten jedoch."Über akustische Waffen gab es viele Gerüchte und wenig verläßliche Fakten", sagt Jürgen Altmann, Wissenschaftler an der Ruhr-Universität Bochum. "Ich fand es gefährlich, daß niemand einschätzen konnte, was da auf die Menschheit zukommt." Also sammelte der Physiker im vergangenen Jahr mehrere Monate lang systematisch Informationen über den Schall als Kampfinstrument. Unterstützt von der amerikanischen MacArthur Stiftung und dem nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministerium wertete er Fachliteratur aus und stellte eigene Berechnungen an. Vor wenigen Tagen präsentierte er seine Studie auf dem Welt-Akustikkongreß in Berlin. Ihre Aussage ist eindeutig: Verbrecherjagd mit Infraschall, wie manche Militärjournale sie beschreiben, funktioniert allenfalls bei Science-fiction-Helden. "In Wirklichkeit können nur hörbare Töne den Menschen beeinträchtigen oder ernsthaft verletzen", lautet Altmanns Resümee. Amerikanische Untersuchungen stützen seine Aussage. Wissenschaftler der US-Air Force und der Weltraumbehörde Nasa starteten bereits in den sechziger Jahren entsprechende Versuchsreihen allerdings nicht, um neuartige Waffen zu testen. Sie wollten herausfinden, ob energiereicher Infraschall (siehe Grafik) aus Raketentriebwerken den Astronauten im Inneren einer Raumkapsel schadet. Mediziner hatten vermutet, daß die langwelligen Signale im Ohr bis zum Gleichgewichtsorgan vordringen und so Schwindel oder Erbrechen auslösen. In Druckkammern eingesperrt und intensivem Infraschall ausgesetzt, wurde es aber weder Meerschweinchen noch Hunden oder Menschen übel.Erst bei tiefen, hörbaren Tönen um hundert Hertz bekamen einige Probanden Atembeschwerden. "Man glaubte damals, daß Resonanzen der Schallwellen im Brustkorb das Erstikkungsgefühl verursachten", erzählt Richard McKinley, Mitarbeiter der Wright-Patterson Air Force Base in Ohio. "Heute haben wir eine ganz andere Erklärung dafür: Die Versuchspersonen hatten deshalb Schwierigkeiten beim Durchatmen, weil die defekte Pumpe des schallerzeugenden Kompressors ständig feine Öltröpfchen in die Druckkammer sprühte." In Experimenten mit ungefähr 500 Probanden, die McKinley und seine Kollegen kürzlich abschlossen die Pumpe war bei diesen Versuchen in Ordnung , ließen sich die früheren Ergebnisse jedenfalls nicht reproduzieren. "Alle Probanden waren während des Tests normal belastbar. Niemand drohte zu erstikken", sagt McKinley. Er hält Infra- oder Niederschallwaffen daher "für ziemlichen Unsinn". Auch Ultraschall stellt keine Gefahr für den Menschen dar. Darin sind sich McKinley und Altmann einig. "Früher nahm man an, daß die ultrahohen Frequenzen Kopfschmerzen auslösen", sagt Altmann. Bei genauerer Analyse habe sich jedoch herausgestellt, daß Nebengeräusche das Schädelbrummen verursachten. Bleibt nur Krach als wirksame akustische Waffe. Von 140 Dezibel an das entspricht etwa der Schallintensität eines in dreißig Meter Entfernung startenden Düsenflugzeugs empfindet der Mensch Schmerz und kann bleibende Hörschäden davontragen. Bei 150 Dezibel genügt eine halbe Sekunde, um taub zu werden. Steigt der Lärmpegel weiter an, reißt zunächst das Trommelfell, von 200 Dezibel an möglicherweise sogar das Lungengewebe. Einem Bericht des amerikanischen Journalisten und Abrüstungsexperten William Arkin zufolge fördert die US-Regierung seit 1991 die Forschung an solchen "Hochenergie-Akustik-Waffen". Die kalifornische Firma SARA soll bereits ein Gerät entwickelt haben, das durch eine schnelle Folge von Benzin-Luft-Explosionen Schallsignale von bis zu 180 Dezibel erzeugt. "Allerdings nimmt die Lärmintensität mit größerem Abstand rasch ab", gibt Altmann zu bedenken. Schon fünfzig Meter von der Quelle entfernt sei das Geräusch vielleicht noch "laut und nervig", aber "längst nicht mehr gesundheitsbedrohlich". Zudem wiegen diese Maschinen mehrere hundert Kilogramm. Von handlichen Schallschußgewehren könne man also kaum sprechen, so der Physiker. Nur auf Kleinlastwagen oder Hubschrauber montiert, lasse sich die schwere Apparatur zum Einsatzort transportieren. Dennoch plant die US-Regierung nach Arkins Bericht, die neuen Waffen so bald wie möglich anzuwenden gegen randalierende Demonstranten, um Botschaftsgebäude vor Terroristen abzuschotten oder um Grenzen zu sichern. Auch das deutsche Verteidigungsministerium läßt derzeit von Wissenschaftlern eines Fraunhofer-Instituts prüfen, ob Schall-Signale als Abschrekkungswaffen taugen. "Von einer tatsächlichen akustischen Kampfausrüstung sind wir aber noch meilenweit entfernt", teilte ein Sprecher des Ministeriums auf Anfrage mit."Trotzdem wird es Zeit, über die ethischen Konsequenzen solcher Waffen nachzudenken", sagt der Bochumer Physiker Jürgen Altmann. Seine Studie hat er deshalb dem Internationalen Komitee des Roten Kreuzes übergeben, das vor vier Jahren die weltweite Ächtung von blindmachenden Lasergeschützen durchsetzte. "Vielleicht werden akustische Waffen ja ebenfalls verboten", sagt Altmann. "Und zwar noch vor dem ersten Einsatz."

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