POTSDAM. Brandenburgs Innenminister und CDU-Chef Jörg Schönbohm bekommt immer mehr Ärger mit seiner Kommunalreform - auch in seiner eigenen Partei. Nach dem Teupitzer Bürgermeister Karsten Kuhl, der mit seinem neu gegründeten Gemeindebund grundsätzlich gegen die verordneten Zusammenschlüsse kleinerer Gemeinden Front macht, wird der Innenminister jetzt auch von Befürwortern der Reform aus den eigenen Reihen angegriffen. Jüngster Anlass für das Aufbegehren in der CDU ist das Zögern von Schönbohm, einen Bürgerentscheid in Golm (Potsdam-Mittelmark) zu bestätigen und damit den Weg frei zu machen für die Eingemeindung der kleinen Gemeinde in die Havelstadt Werder. Seit Schönbohm vor Weihnachten die Entscheidung über die Eingemeindung vertagt hat, rumort es in der mitgliederstarken Kreispartei Potsdam-Mittelmark. In einer Sondersitzung forderte der Vorstand der Kreis-CDU Schönbohm daraufhin auf, den Bürgerwillen der Golmer zu akzeptieren. Kreischef in dem mitgliederstarken Verband ist Ex-Kulturminister Wolfgang Hackel, der mit seinem Landesvorsitzenden schon seit langem über Kreuz liegt.Der Werderaner CDU-Stadtverordnete Christian Große, Sohn des populären Bürgermeisters Werner Große, hat einen Tag später sogar seinen Parteiaustritt angedroht, sollte Schönbohm "sich gegen den Bürgerwillen stellen". Bürgermeister Große, der sich im Februar seiner Wiederwahl stellt, sagte, er habe sich bemüht, seinem Sohn die Austrittsdrohung auszureden. In der Sache gebe es aber keine Meinungsunterschiede mit dem Junior und der örtlichen Jungen Union, die CDU-Chef Schönbohm in einem offenen Brief einen "Zickzackkurs" vorwerfen. Auch er sei "maßlos enttäuscht" und habe sich "nicht vorstellen können, dass das Innenministerium so verfährt", sagte Werner Große. Große ist auch Vorsitzender der kommunalpolitischen Vereinigung in der CDU.Geplant war, dass alle sieben Gemeinden, die bisher zum Amt Werder gehörten und nun zur Eingemeindung in die Stadt bereit sind, auch an der Bürgermeister-Wahl im Februar teilnehmen. Bei den meisten stimmte das Schönbohm-Ministerium den Eingliederungsverträgen auch sehr schnell zu. Nur nicht bei Golm und Töplitz. Denn Golm, das über keine direkte Straßenanbindung nach Werder verfügt, würde sich auch gern die direkt angrenzende Landeshauptstadt Potsdam einverleiben. Schließlich befinden sich in der potenten 2000-Einwohner-Gemeinde auch wesentliche Einrichtungen der Potsdamer Universität wie der Campus und das Max-Planck-Institut. Im Innenministerium wird von einem "Zielkonflikt" gesprochen, da bei den Leitlinien zur Gemeindeneugliederung einerseits der Bürgerwille berücksichtigt werden soll, auf der anderen Seite aber auch die örtliche Anbindung und die Stärkung der "Oberzentren" - wie die hoch verschuldete Landeshauptstadt Potsdam."Im Augenblick ist nichts passiert, als die Entscheidung aufzuschieben", sagte der Innenminister. Alle problematischen Gemeindezusammenschlüsse würden erst nach dem 31. März - wenn die Zeit der freiwilligen Fusionen vorüber ist - entschieden. Entweder vom Innenminister entsprechend dem Bürgerentscheid, ansonsten vom Landtag. Dieses Verfahren, sagte Schönbohm, müssten auch seine Parteifreunde akzeptieren - "sonst ist das Gruppenegoismus".In der Union wird allerdings geargwohnt, auch Schönbohm gehe es nicht allein um die Grundsätze der Reform. "Er agiert ja nicht im luftleeren Raum", sagte der Werderaner Bürgermeister. Für ihn sei es natürlich auch "politisch brisant", eine Entscheidung gegen den Potsdamer Oberbürgermeister und SPD-Landeschef Matthias Platzeck zu treffen. Platzeck hatte den Golmern bereits mit einer Zwangseingemeindung gedroht.Mit großer Mühe habe er die umliegenden Gemeinden überzeugt, sich Werder anzuschließen, sagte Große. Nun stehe auch seine politische Glaubwürdigkeit infrage. In der Bevölkerung herrsche große Verärgerung. "Die Bürger fühlen sich veralbert: Erst sollen sie wählen und dann wird doch von oben entschieden." Große ist sich sicher: Sollte Golm tatsächlich Potsdam zugeschlagen werden, werde "es mehr Parteiaustritte geben. Und ich weiß nicht, wie viele zur Schill-Partei überlaufen würden."Zwangsfusionen ab April 2002 // Kommunalreform: Ziel der Reform ist die Schaffung größerer Verwaltungseinheiten.Gemeinden: Vor der Kommunalreform gab es 1 479 Gemeinden. 1 413 von ihnen sind in 152 Ämtern zusammengefasst. Am Ende sollen 50 Ämter und rund 700 Gemeinden mit je mindestens 500 Einwohnern übrig bleiben.Fusionen: Bis 31. März 2002 können die Gemeinden über Zusammenschlüsse selbst bestimmen. Dafür stehen Landesprämien bereit. Ab April 2002 entscheidet der Landtag über Zwangsfusionen. Die Fusionen sollen im Frühjahr 2003 beendet sein.Proteste: Kritiker sehen die Identifikation der Bürger mit ihren Heimatorten gefährdet. Das Innenministerium glaubt, dass sich nur 70 Prozent der Gemeinden freiwillig zusammenschließen. Der Protest ist zum Teil sehr heftig.BLZ/KATRIN BORN Golm sprach sich für eine Fusion mit Werder aus. Über die Entscheidung ist Potsdam nicht glücklich.