POTSDAM. Die Deutsche Bahn will künftig ihre Mitarbeiter per Unterschrift verpflichten, Minderjährige unter keinen Umständen aus Zügen zu verweisen. Damit reagierte die Bahn auf drei Fälle innerhalb weniger Wochen, bei denen Kinder von Schaffnern aus dem Zug gewiesen wurden, weil sie keinen gültigen Fahrausweis mit sich führten. Über den jüngsten Fall, bei dem eine 14-Jährige den Zug verlassen musste, hatte die Berliner Zeitung gestern berichtet. Das Mädchen befand sich auf dem Schulweg und hatte am Morgen nur ein Freizeitticket bei sich, das erst ab 14 Uhr gilt. Die Schaffnerin ist inzwischen vom Dienst suspendiert. Zuvor waren bereits ähnliche Fälle aus Neuruppin sowie Mecklenburg-Vorpommern bekannt geworden. Betroffen waren jeweils minderjährige Mädchen.Die Bahn zog gestern Konsequenzen. Zugbegleiter aus ganz Deutschland erhielten die strikte Anweisung per SMS, dass Minderjährige in keinem Fall des Zuges verwiesen werden dürfen. "Jedes Fehlverhalten wird arbeitsrechtliche Folgen haben", hieß es. Zudem soll es neue Schulungen für Schaffner geben. Die schriftlichen Weisungen müssen von den Zugbegleitern persönlich quittiert werden.Unterdessen werden weitere Fälle bekannt. Gestern berichtete der vierfache Vater Thomas F. der Berliner Zeitung, dass er sich bei der Bahn schon mehrfach über das harsche Vorgehen von Zugschaffnern beschwert habe. Seine drei minderjährigen Töchter hätten ihm mehrfach über Gängelungen durch Schaffner berichtet. Ein Beschwerdebrief, der an die Bahn ging, liegt der Berliner Zeitung vor.Der Vater schildert den Fall seiner 16-jährigen Tochter Lotta S. Diese nutzte am 30. April die Regionalbahn aus Paulinenaue (Havelland) nach Berlin, mit einer Monatskarte für Mai. Der Schaffner akzeptierte die Mai-Monatskarte nicht, obwohl es die Regelung bei der Bahn gibt, dass man am letzten Tag des alten Monats bereits die neue Monatsmarke nutzen darf.Der Schaffner aber forderte Lotta S. auf, dass sie entweder einen weiteren Fahrschein erwerben oder an der nächsten Station aussteigen müsse. Lotta S. erklärte daraufhin, dass sie ein gültiges Ticket besitze. Der Schaffner warf dem Mädchen Dummheit vor. In ihrer Verzweiflung rief Lotta S. mit dem Handy ihren Vater an. Dieser riet ihr, ein weiteres Ticket zu lösen. Seinen Namen wollte der Schaffner nicht nennen.Der Vater Thomas F. beschwerte sich später bei der Bahn. Er erhielt eine Entschuldigung und einen Reisegutschein. Den Schaffner wolle man über die Regelung belehren und zurechtweisen, hieß es in der Antwort. "Ich will trotzdem wissen, dass meine Kinder nicht auf halber Strecke ausgesetzt werden", so Thomas E.Fahrgastverbände üben indessen scharfe Kritik. "Ich finde das Verhalten der Schaffner unverantwortlich", sagte Frank Böhnke vom Bahnkundenverband. Noch deutlicher äußerte sich Karl-Peter Naumann, Bundesvorsitzender vom Fahrgastverband Pro Bahn: "Die Bahn verprellt damit die Kunden von morgen, Kulanz zahlt sich langfristig mehr aus." Er vermutet, dass Schaffner stark unter Druck stehen, Schwarzfahrer zu entlarven und ihnen die Konsequenzen aufzuzeigen. "Das ist aber kein Grund, Minderjährige auszusetzen."Die Bahn bemüht sich jetzt um Schadensbegrenzung. Man sei "sehr betroffen" über die jüngsten Fälle und habe sich bei den Töchtern und ihren Familien entschuldigt, hieß es gestern.------------------------------"Die Bahn verprellt damit die Kunden von morgen." Karl-Peter Naumann, Pro Bahn