BERLIN. Dienstagnachmittag im Landtag von Hannover: Aygül Özkan, 38, CDU-Politikerin, hebt den rechten Arm. Sie schwört auf das Grundgesetz und bittet den Höchsten um Beistand: "So wahr mir Gott helfe." Dann ist die Anwältin aus Hamburg Ministerin für Soziales in Niedersachsen, die erste türkischstämmige Politikerin und Muslimin in einem derartigen Spitzenamt. "Dankeschön Frau Merkel", hatte das türkische Massenblatt Hürriyet in seiner Deutschlandausgabe getitelt und von einer "historischen Entscheidung" geschrieben. "Unsere erste Ministerin", stand dort."Unsere" - was dieser Schritt für die türkische Gemeinde in Deutschland bedeutet, kann man als Nichttürke gar nicht richtig einschätzen. Es geht um Anerkennung, um Respekt, um Wertschätzung, um Gefühle und Bedürfnisse, die von der deutschen Politik offensichtlich zu lange unterschätzt wurden. "Wenn sie klug agiert, kann sie eine bedeutende Identifikationsfigur werden", sagt Bülent Arslan. Der Unternehmensberater aus Nordrhein-Westfalen leitet das Deutsch-Türkische Forum in der CDU. Kenan Kolat, Leiter der Türkischen Gemeinde in Deutschland, sieht es ähnlich. "Ihre Ernennung wird eine neue Qualität in die ganze Debatte um Integration bringen."Vor fünfzig Jahren kamen die ersten Gastarbeiter nach Deutschland. Gäste sollten sie sein, arbeiten und wenn die Arbeit getan ist, wieder gehen. Soweit der deutsche Irrtum. Sie kamen, gründeten Familien, sie bekamen Kinder, sie blieben. Es gibt 15,6 Millionen Zuwanderer und ihre Kinder in Deutschland, davon knapp drei Millionen Türken und Deutsch-Türken.Strauß nannte sie Kanaken"Man muss durch die kulturelle Brille auf Aygül Özkan und ihre Ernennung sehen", beschreibt Bülent Arslan, was geschieht. Eine türkischstämmige Politikerin, konservativ und religiös, eine, die zu ihren Wurzeln steht, übernimmt ein Staatsamt in Deutschland. Das sei etwas besonderes, etwas ganz anderes als die Brüder Altintop in der Bundesliga oder der Bremer Fußballer Mezut Özil in der deutschen Nationalmannschaft. Aufstieg in der Politik, die Übernahme von Verantwortung im Staat - das sei die neue Qualität. Er freue sich über die "erste türkischstämmige deutsche Ministerin", sagt Kenan Kolat.In der türkischen Politik, beschreibt es Bülent Arslan, gehe es traditionell sehr staatstragend und auch obrigkeitshörig zu. Ein Minister sei eine große Autoritätsfigur, türkische Politik sei emotionaler, nicht so rational wie die deutsche. Türkische Politik sei auch oft symbolhafter, Gefühl spiele eine weitaus größere Rolle. Arslan: "Dass Aygul Özkan Ministerin ist, wird als Zeichen großer Anerkennung gewertet." Kenan Kolat spricht sogar von Anerkennung, die " fast zu spät" kommt: "Diskussionen über Integration wurde bislang immer negativ geführt", sagt der Leiter der Türkischen Gemeinde in Deutschland. "Wir müssen den Diskurs umkehren: Lasst uns von Erfolgen reden."Deutsche Politik und Migration - das war ja auch lange Zeit mehr als schwierig. Bis die Union begriffen hat, dass Einwandererkinder irgendwann wählen und auch Politik machen dürfen und wollen, vergingen Jahrzehnte. Es war Franz Josef Strauß, der von "Kanaken" sprach, es war CDU-Innenminister Manfred Kanther, der Kindern von Zuwanderern zwei Pässe bis zu deren Volljährigkeit verweigerte.Vorbei - oder zumindest fast. Roland Koch gewann 1999 noch einmal die Landtagswahl in Hessen mit einer Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft. Aber als er bei der Hessenwahl 2009 über junge kriminelle Ausländer herzog, konnte er nicht mehr punkten.Die Union und die anderen Parteien haben die Einwandererkinder entdeckt. "Integration ist ein Thema für alle", sagt Bülent Arslan. Die neue Ministerin in Hannover könnte seiner Ansicht nach Lücken schließen: Mit ihrer konservativ-religiösen Herkunft als Tochter einfacher türkischer Leute könnte sie in der türkisch-deutschen Gemeinde Gruppen erreichen, die sich bislang nicht vertreten sahen.Özkans GottvertrauenDie Union - das zeigt Christian Wulffs schlaue Wahl - hat das erkannt und will die Aufsteiger einsammeln. Die SPD wird in der türkisch-deutschen Gemeinde momentan eher haftbar gemacht für die Tiraden Thilo Sarrazins, des ehemaligen Berliner Finanzsenators."So wahr mir Gott helfe" - überraschend hängte Özkan bei ihrer Vereidigung diese Formel an, schließlich hatte sie jüngst eine Debatte darum angestoßen, ob Kreuze in Klassenzimmern noch zeitgemäß sind. Özkan berufe sich als gläubige Muslimin "ausdrücklich auf den einen und einzigen Gott", der dem Judentum, dem Christentum und dem Islam gemeinsam sei, erläutert ihr Ministerium. Sie habe sich bewusst für die CDU als politische Heimat entschieden, deren Werten sie sich verpflichtet fühle. Ob das reicht, den Zorn innerhalb der CDU und CSU zu dämpfen? Aus der CSU wurde munter weiter gestänkert: "Das wird Ministerpräsident Christian Wulff intensiv in den eigenen Reihen aufarbeiten müssen", prophezeite Bayerns früherer Wissenschaftsminister Thomas Goppel.------------------------------Jeder Fünfte mit Vorfahren in der Fremde15,6 Millionen Menschen in Deutschland sind entweder nach 1950 zugewandert oder Nachkommen von Zugewanderten. Damit haben 19 Prozent der deutschen Bevölkerung Migrationshintergrund. Diese Daten publizierte das Statistische Bundesamt im Januar.Zwei Drittel der Menschen mit nichtdeutschen Vorfahren sind hierher ausgewandert, beispielsweise als Gastarbeiter. Unter den 10,6 Millionen Zugewanderten sind 3,1 Millionen Spätaussiedler, deren Ehepartner und Kinder.Einen deutschen Pass in der Brieftasche haben hierzulande etwa 8,3 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, also gut die Hälfte. Sei es, weil sie die deutsche Staatsangehörigkeit annahmen (94 500 Einbürgerungen in 2008) oder weil sie Spätaussiedler sind.Europäische Vorfahren haben vier von fünf Menschen mit Migrationshintergrund, die hier leben. Auf Platz 2 der Herkunftsregionen: Asien/Ozeanien.Die Türkei führt mit etwas mehr als 2,9 Millionen die Liste der wichtigsten europäischen Heimatländer an, dicht gefolgt von den Staaten der früheren Sowjetunion (knapp 2,9 Millionen), Polen (1,4 Millionen) und den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens (1,3 Millionen). (ost.)------------------------------Grafik: Alterspyramide nach MigrationshintergrundFoto: "So wahr mir Gott helfe" - Aygül Özkan (CDU) gestern bei ihrer Vereidigung.

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