BERLIN. Unruhen in Haiti, Aufrufe zum Generalstreik in Senegal und Burkina Faso, Todesopfer bei Auseinandersetzungen in Kamerun - in vielen wirtschaftlich schwachen und ärmeren Ländern sind die steigenden Preise für Nahrungsmitteln zum sozialen und politischen Sprengsatz geworden. In Tunesien protestierten am Donnerstag Demonstranten gegen die hohe Teuerungsrate bei Lebensmitteln - im Februar lag sie bei fast neun Prozent. Wie die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) gestern in Rom mitteilte, gibt es mittlerweile in 37 Ländern eine Nahrungsmittelkrise, in zehn Ländern seien wegen der drastisch gestiegenen Preise Unruhen ausgebrochen. Der Preisanstieg treffe die Armen am stärksten, weil bei ihnen der Anteil für Nahrungsmittel an den Gesamtausgaben am höchsten sei, betonte die FAO. In Industrieländern würden die Nahrungsmittelkosten zehn bis 20 Prozent der Gesamtausgaben betragen. In Entwicklungsländern, die häufig von Getreideimporten abhingen, steige der Anteil auf bis zu 80 Prozent.Lagerbestände sinkenDie ärmsten Länder der Welt müssen 2007/2008 rund 56 Prozent mehr für Getreideimporte bezahlen, in manchen afrikanischen Ländern seien es sogar 74 Prozent mehr, schätzt die UN-Organisation. Der dramatische Anstieg folge auf die bereits erhebliche Erhöhung um etwa 37 Prozent 2006/2007. Nicht nur die reinen Getreidepreise seien massiv gestiegen, auch höhere Frachtkosten sowie der Ölpreis wirkten sich aus. Nach einer FAO-Schätzung werden die weltweiten Lagerbestände an Getreide in diesem Jahr auf ein 25-Jahres-Tief von nur 405 Millionen Tonnen sinken.Das Hamburger Wirtschaftsforschungsinstitut HWWI führt neben Wetter- und Klimafolgen weitere Gründe für den dramatischen Anstieg der Preise an. So habe der steigende Wohlstand in asiatischen Ländern zu einer größeren Nachfrage der dortigen Bevölkerung nach höherwertigen Lebensmitteln geführt, sagte Rohstoff-Experte Klaus Matthies der Berliner Zeitung. Auch sei die Agrarfläche, auf denen Getreide, Reis und andere Sorten angebaut werden könne, begrenzt. Zudem wollten die "Industriestaaten aus der Treibstoff-Falle heraus", sagte er, indem sie zur Verringerung des Ölbedarfs auf Bio-Treibstoffe setzten.Nach Angaben der Weltbank haben sich in den vergangenen drei Jahren die Preise ifür Nahrungsmittel weltweit verdoppelt. Das könnte 100 Millionen Menschen in den Entwicklungsländern in noch größere Armut treiben. Die weltweite Armut könnte dabei um drei bis fünf Prozent zunehmen.Der Internationale Währungsfonds betrachtet den weltweiten Anstieg der Lebensmittelpreise inzwischen als ebenso großes Problem für die Weltwirtschaft wie die globale Finanzkrise. "Es gibt heute nicht nur eine reine Wachstumskrise, sondern eine mindestens ebenso wichtige Krise entwickelt sich gerade durch das Anziehen der Inflation sowie der Preise von Rohstoffen und besonders Lebensmitteln", sagte IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn dem französischen Fernsehsender France 24. "In einer Anzahl von Ländern, namentlich in Afrika, wird dies zu wirtschaftlichen Turbulenzen führen, aber auch zu beträchtlichem individuellen Leid, weil es eine der Ernährungsgrundlagen destabilisieren wird." (mit Agenturen)------------------------------Teures GetreideGrafik (2) :Die Preise vieler Agrarrohstoffe notieren nahe ihren langjährigen Höchstkursen. Während Weizen sich in den vergangenen Tagen wieder verbilligt hat, hat sich die Lage bei Mais und Sojabohnen noch nicht wieder entspannt.------------------------------Foto : Unter staatlicher Kontrolle: Soldaten verkaufen subventionierten Reis in Dhaka, der Hauptstadt Bangladeshs.