Die Freude war groß, aber von kurzer Dauer. Am späten Montagabend berichteten iranische Internetnutzer überrascht und begeistert, sie könnten Facebook und Twitter uneingeschränkt nutzen. Anscheinend seien die Netzblockaden iranischer Provider aufgehoben worden. Man könne denken, die Iraner hätten den Weltcup gewonnen, so groß sei der Jubel im Lande, postete ein iranischer Journalist. „Gott hat Facebook befreit“, schrieben andere Nutzer.

Ein paar Stunden später allerdings beendeten iranische Beamte die göttliche Befreiungsaktion genauso unvermittelt, die Filter taten wieder ihren Dienst. Es habe sich um ein technisches Problem gehandelt, erklärte ein Beamter der zuständigen Behörde. Es könnte ein Versehen, aber auch ein Versuch der neuen politischen Führung um Präsident Hassan Ruhani gewesen sein, um die Reaktionen zu testen.

Die Kommunikations-Quarantäne war nach Ausbruch der Demonstrationen 2009 gegen den angeblichen Präsidentschaftswahlsieg von Mahmud Ahmadinedschad verhängt worden. Iranische Provider verhindern seither mit Filtern den Zugang zu den sozialen Netzwerken, um die Organisation der Proteste zu erschweren. Satellitenschüsseln waren schon vorher verboten, inzwischen sind aus politischen oder moralischen Gründen mehr als fünf Millionen Internet-Seiten gesperrt. Die Nutzung von Twitter und Facebook ist als Sünde abgestempelt, eine Art Cyber-Polizei soll solch sittliche Vergehen verhindern.

Aber Verbote wie auch Moral-Appelle funktionieren nicht so ganz: Fast jeder hat, meist hübsch getarnt, eine Satellitenschüssel auf oder unter dem Dach. Und rund 20 Millionen Iraner sollen Mitglieder sozialer Netzwerke sein. Zu diesen gehören übrigens Mitglieder der obersten Führung. So verschickt Präsident Ruhani über Twitter Grüße an Beamte und, wie Anfang September, Glückwünsche zum jüdischen Neujahrsfest. Sein Außenminister Sarif veröffentlicht Kurzanalysen zu politischen Ereignissen.

Das ist skurril, und die meisten Iraner erwarten, dass das Verbot bald fällt. Schließlich hat Ruhani schon einiges in der Islamischen Republik geändert, was als unvorstellbar oder unantastbar galt: Es gibt eine Außenamtssprecherin; er will Botschafterin- nen ernennen; er schreibt sich mit US-Präsident Obama Briefe; er hält Syriens Staatschef Assad für verzichtbar; er machte einen Dissidenten zum Außenminister. Und zu den Verboten befand der Geistliche einsichtig: „Man sollte nicht länger engstirnig mit der Gesellschaft umgehen, da die ganze Welt jetzt sowieso übers Internet oder Satellitenfernsehen miteinander verbunden ist.“