Berlin - Michael Blumenthal drückt noch schnell seine Zigarre aus, bevor das Gespräch beginnt, legt sie in den Aschenbecher und sagt, dass er jetzt mal lieber nicht rauchen werde, weil es so stinkt. Dann setzt er sich an einen Konferenztisch in der Mitte des Raumes, auf dem Akten, Bücher und Stifte liegen sowie Zigarrennachschub in Plastiktüten. Alles schön zusammen, alles griffbereit. Blumenthal wohnt in Princeton, USA, und wenn er in Berlin ist, ist er immer nur kurz hier in seinem Direktoren-Büro im Jüdischen Museum, weil er meist im ganzen Land unterwegs ist, um Vorstandsvorsitzende und Politiker zu treffen, für sein Museum zu trommeln und Spenden zu sammeln. In wenigen Tagen wird das Jüdische Museum Berlin mit einer Gala sein zehnjähriges Bestehen feiern. Draußen, vor den schmalen langen Fenstern des Libeskind-Baus, leuchten Buchenblätter in der Herbstsonne.

Möchten Sie deutsch oder lieber englisch sprechen, Herr Blumenthal?

Deutsch, ich kann ja noch gebrochen deutsch.

Sie sprechen fast akzentfrei.

Hoffentlich, hoffentlich. Wäre ja eine Schande, wenn ich das nicht täte.

Sie waren 13, als Sie Deutschland verlassen mussten und mit Ihren Eltern nach Schanghai geflohen sind. Wie lange war Deutsch noch Ihre erste Sprache?

In China bin ich auf eine englische Schule gegangen, aber ich habe mit anderen deutschen Flüchtlingen zusammengelebt, sodass ich bis 21, als ich nach Amerika ausgewandert bin, viel deutsch gehört und gesprochen habe. Mit meinen Eltern – mein Vater ist 101 geworden – habe ich auch immer weiter deutsch gesprochen. Und dann bin ich natürlich in den letzten zehn Jahren oft hier in Berlin gewesen, wegen dem Museum. Ich nehme an, dass mein deutscher Wortschatz ungefähr 75 Prozent meines englischen entspricht. Im Englischen kann ich besser schreiben und mich eleganter ausdrücken, obwohl manche sagen, Sie sprechen so ein schönes Deutsch, so klar, so direkt, aber das hängt damit zusammen, dass ich manche Dinge nur so einfach wie ein Kind sagen kann.

Sie haben Lesen und Schreiben hier in Berlin, in einer Schule in der Pfalzburger Straße, gelernt.

Ja, in einer Volksschule, so ein rotes Gebäude war das. Ich erinnere mich an den Schulhof und dass die Jungs schon in HJ-Uniform rumgelaufen sind.

Und Sie hätten auch gerne so eine Uniform gehabt, schreiben Sie in Ihrer Autobiografie.

Naja, ich war ein Kind. Ich wusste, dass das nichts für mich ist und diese Leute mit dem Hakenkreuz gefährlich sind, dass sie uns hassen. Ich habe die Stürmerkästen am Olivaer Platz, gegenüber dem Geschäft unserer Eltern, gesehen. Aber das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, als etwas Minderwertiges betrachtet zu werden, das hat mich als Kind natürlich gewurmt, ohne es richtig zu verstehen. Die hatten so schöne kleine Uniformen an, die sind mit Wimpeln und Dolchen am Gürtel auf Fahrten gegangen. Die sind marschiert und haben gesungen. Ich fand das fantastisch.

Waren Sie der Einzige in der Klasse, der nicht mitmarschieren durfte?

Nein, es gab noch mehr jüdische Kinder, sechs oder sieben. Das war ja eine Gegend, in der relativ viele Juden gewohnt haben. An die Jüdische Schule in Dahlem, die Kaliski-Schule, auf die ich danach gegangen bin, erinnere ich mich besser. Die wurde dann 1939 zugemacht. Jüdische Kinder durften dann bald gar nicht mehr in die Schule gehen, brauchten sie ja nicht mehr, die Nazis wollten ja alle Juden ermorden, da mussten sie nicht mehr ausgebildet und erzogen werden.

Wenn Sie heute durch eine Straße in Berlin laufen, die Sie aus Ihrer Kindheit kennen, tauchen dann konkrete Erinnerungen auf? Oder haben Sie nur diese Schwarz-Weiß-Aufnahmen vor Augen, die es aus dieser Zeit gibt?

Für mich gibt’s kein Schwarz-Weiß. Im Leben ist alles mehr oder weniger grau, verschiedene Schattierungen von Grau. Es gibt auch selten rein Gut und Böse, Richtig oder Falsch. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie es damals war. Überall hingen Hakenkreuzfahnen, liefen Leute mit Nazi-Abzeichen rum, dann das Brüllen der Nazis im Radio, die antisemitischen Bemerkungen, die Reglementierungen, das: Psst, das darfst du nicht sagen. Natürlich erinnere ich mich daran, aber ich frage mich auch oft, was, wenn ich kein Jude gewesen wäre? Wäre ich auch ein Nazi geworden? Hätte ich auch mit geschrien? Oder hätte ich weggeguckt wie die meisten anderen? Oder wäre ich einer von den wenigen gewesen, die aktiv Widerstand geleistet haben. Dazu gehört schon eine ganze Menge Selbstbewusstsein und Mut. Und Mut ist Mangelware, in Amerika auch.

Wann haben Sie das letzte Mal einem Menschen gegenübergestanden und sich gefragt: War das auch einer von denen?

Jemand, der ein aktiver Nazi war, muss heute 85 sein, so alt wie ich. Und so viele Leute in diesem Alter kenne ich hier nicht mehr. In den Fünfziger-, Sechzigerjahren stand ich solchen Menschen öfters gegenüber und natürlich haben alle ihre Unschuld beteuert. Die Unterhaltung fing dann so an: „Ach, war ja alles so schrecklich!“ Oder so: „Kennen Sie Herbert Levy, der jetzt in New York lebt? Nein? Ach, war ein guter Freund von mir.“ Auf diese Art und Weise wollten sie sagen: Ich habe nichts gegen Juden.

Und wie haben Sie reagiert?

Ich habe innerlich gelächelt.

Gibt es heute manchmal noch Momente, bei denen Sie zusammenzucken?

Es gibt hier in Deutschland nicht viel Antisemitismus, aber das Antiisraelische mit dem Antijüdischen zusammenzuwerfen, das finde ich problematisch, und das gibt es hier.