TEHERAN/BERLIN, 9. August. Irans Präsident Mohammed Chatami hat nach seiner Vereidigung am Mittwoch in einer Rede die Fortsetzung des Reformkurses angekündigt. Am gleichen Tag jedoch ließ die von seinen konservativen Gegnern beherrschte Justiz erneut eine Zeitung verbieten, die dem Reformlager nahe steht. Die Konservativen haben damit signalisiert, dass sie gegen die geplanten Reformen Widerstand leisten werden. Einer der intellektuellen Köpfe im Lager der Chatami-Gegner ist Amir Mohebian, Kolumnist der einflussreichen Zeitung "Resalat". Im Interview mit der "Berliner Zeitung" wirft er den Reformern und Chatami vor, dass sie den wirtschaftlichen und sozialen Problemen im Land zu wenig Aufmerksamkeit schenken. "Vor allem aber zollen sie den Fundamenten unserer Kultur und unserer Religion zu wenig Respekt. Sie wollen einfach ein westliches Modell kopieren und hoffen, dass das die Lösung ist. Westliche Konzepte aber basieren auf der Trennung von Staat und Religion", sagt Mohebian. "Grundlage unserer Gesellschaft und unseres Staates aber ist die Religion." Wer diese Grundlage antaste, provoziere Probleme und beschwöre gar eine Revolution herauf. Rund zwei Drittel der Iraner jedoch unterstützen die von Mohebian abgelehnten Reformen. Vor allem junge Leute sind nicht mehr bereit, sich an die rigiden Vorschriften zu halten, die ihnen das religiöse Establishment im Namen des Islam auferlegt. Sie bekennen sich zwar zum Islam, fordern jedoch mehr persönliche Freiheiten und eine Liberalisierung der Gesellschaft. Das haben die Ergebnisse bei allen Wahlen in den letzten Jahren gezeigt. Eine große Mehrheit hat für die Reformer und Chatami gestimmt. "Die jungen Leute bewundern die westliche Zivilisation. Aber dabei denken sie nur an die modernen Industrien und Technologien oder die gute Bezahlung der Arbeiter. Das halten wir nicht für schlecht. Auch in Iran müssen wir dafür sorgen, dass die Menschen Arbeit bekommen, die Löhne steigen und sich die Gesellschaft entwickelt." Doch Mohebian kritisiert, dass die junge Generation den theoretischen Grundlagen der westlichen Gesellschaft überhaupt keine Beachtung schenkt - und die Vorzüge des religiösen Systems in Iran missachtet. "Wir glauben, dass die Menschen nicht nur materielle, sondern auch spirituelle Bedürfnisse haben. Ein säkulares System kann dem Einzelnen nur zu einem Leben in Wohlstand verhelfen. Aber der Mensch braucht mehr." Amir Mohebian gibt jedoch zu, dass man die Leute nicht mit Repressionen von den Vorzügen eines Systems überzeugen könne. Bestimmte "Einschränkungen" jedoch seien unumgänglich. So rechtfertigt er die Verbote von Zeitungen und die Verfolgung von Kollegen: "Wenn Zeitungen gegen Gesetze verstoßen, müssen sie geschlossen werden. Die Justiz erfüllt damit nur ihre Pflicht." Bei diesen Verstößen handele es sich meist um Angriffe auf die Religion. "Überall auf der Welt gibt es Grenzen der Meinungsfreiheit." Als Beispiel nennt Mohebian, dass im Westen rechtsradikale Propaganda und die Leugnung des Holocaust bestraft würden. Alles, was die Konservativen unternehmen würden, geschähe nur zum Wohle des Staates und zum Schutz der Religion. "Was wir tun, richtet sich nicht gegen Chatami." Man werde all jene Reformen unterstützen, die sich in Übereinstimmung mit dem islamischen Glauben befinden. "Aber die Vorhaben einiger Extremisten unter den Anhängern von Chatami führen zu einer Säkularisierung. Präsident Chatami selbst strebt das nicht an", sagt Mohebian. "Aber der Weg, den er eingeschlagen hat, führt dorthin.""Chatami strebt keine Säkularisierung an. Aber der Weg, den er eingeschlagen hat, führt dorthin. " Amir Mohebian, Theoretiker der Konservativen

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