Beim geplanten Sterbehilfe-Gesetz plädiert die Deutsche Stiftung Patientenschutz dafür, nur das Nötigste zu regeln. Sterbehilfevereine sollen verboten werden, aber Angehörige dürften nicht kriminalisiert werden, sagt Vorstand Eugen Brysch.

Herr Brysch, die Bundestagsabgeordneten ringen gerade kontrovers um eine gesetzliche Regelung der Sterbehilfe. Braucht es überhaupt ein Verbot der Beihilfe zum Suizid?

Der Suizid und die Beihilfe dazu sind in unserem Land straffrei. Das ist eine bewährte Regelung. Warum soll man das Strafgesetzbuch nach 140 Jahren in dieser Frage ändern? Es ist eine höchstpersönliche Entscheidung, sich selbst das Leben zu nehmen. Wer einen Suizid begleitet, muss das vor seinem Gewissen verantworten. Das geschieht nicht leichtfertig, schließlich ist mit der Tötung alles zu Ende. Ein natürlicher und sozialer Reflex lässt uns Tötung und Selbsttötung nicht als alltäglich ansehen. Das verändert sich grundsätzlich, wenn Vereine und Einzeltäter die Hilfe zur Selbsttötung organisiert anbieten.

Ein jüngster Vorschlag von mehreren Palliativmedizinern sieht vor, die Beihilfe zur Selbsttötung zu verbieten, für Angehörige und Ärzte sollen allerdings Ausnahmen gelten. Sie lehnen das ab, warum?

Der Gesetzentwurf sieht vor, dass die organisierte Suizidhilfe künftig von Ärzten übernommen werden soll. Aber was tun Ärzte anderes als Sterbehelfer von Vereinen, wenn sie einem Patienten den Giftbecher reichen? Sind ihre Motive lauterer? Laut dem Entwurf sollen sich die Ärzte an Sorgfaltskriterien orientieren, auch das tun die organisierten Sterbehelfer schon heute. Die vorgeschlagene Regelung wird in der Praxis verheerend wirken.

Warum verheerend?

Wenn einer der Autoren meint, dass Kranke, obwohl sie noch zwei bis drei Jahre leben könnten, ein Recht auf Suizidbeihilfe haben, werde ich hellhörig. Ab wann ist eine Erkrankung unheilbar und tödlich? Welcher Arzt kann objektiv feststellen, dass der Patient freiwillig und überlegt die Beihilfe zur Selbsttötung verlangt? Müsste dann nicht jeder das Recht auf Suizidbegleitung haben? Mit den im Gesetzentwurf entwickelten standardisierten Verfahren wird die Hilfe zur Selbsttötung organisiert.

Sie plädieren dafür, dass Suizidbeihilfe weiter unkontrolliert und ohne ärztliches Fachwissen stattfindet?

Wir brauchen keinen Facharzt für Hilfe zur Selbsttötung. Dass Menschen anderen Menschen beim Suizid beigestanden haben, gab es schon immer. Viel häufiger ist es aber umgekehrt: Menschen helfen anderen, vom Suizidgedanken wegzukommen. Wer einen Suizidversuch überlebt hat, ist in den allermeisten Fällen dankbar und froh, durch Beistand wieder ins Leben zurückgefunden zu haben. Wo trotzdem Suizidbeihilfe stattfand, ist mir nicht bekannt, dass in den letzten Jahrzehnten jemand dafür bestraft worden ist.

Die Mehrheit der Bevölkerung sieht das aber anders und befürwortet ärztliche Suizidbeihilfe.

Das sind Umfragen, ich beschreibe aber die Lebenswirklichkeit. Unsere Stiftung führt pro Jahr mehrere Tausend Beratungen durch, häufig für Sterbende und ihre Angehörigen. Das ist ein reicher Erfahrungsschatz. Die Sterbehilfe-Debatte wird heute zu abstrakt geführt. Begriffe wie aktive Sterbehilfe, assistierter Suizid, passive und indirekte Sterbehilfe – das alles sind Kategorien für ein Strafrechtsseminar. Klarer ist, von Töten oder Begleiten zu sprechen. Ich will weiterhin in einer Gesellschaft leben, die die Tötung nicht als Option begreift.

Es würde Ihnen also reichen, nur die Sterbehilfevereine zu verbieten?

Suizidhilfe für einen Angehörigen zu leisten ist das eine. Das darf nicht kriminalisiert werden. Dies jedoch organisiert und mit eigenen Interessen zu tun, ist etwas ganz anderes. Sterbehilfevereine schaffen ein immer größer werdendes Angebot und fördern so eine wachsende Nachfrage, längst auch in Deutschland. Haben wir vergessen, dass Suizide ansteckend sind? Wir haben einen Gesetzentwurf vorgelegt, der einzig und allein den Tod aus den Gelben Seiten verbieten will.

Das Gespräch führte Mira Gajevic.