Auf dem Weg zum Interview in einem Café in Berlin-Mitte wird Kurt Beck aufgehalten: Eine Gruppe von Hauptstadtbesuchern aus Rheinland-Pfalz hat den ehemaligen Ministerpräsidenten entdeckt und in ein Gespräch verwickelt. Als SPD-Chef hat er von 2006 bis 2008 die letzte große Koalition maßgeblich beeinflusst. Für eine Neuauflage nennt er klare Bedingungen.

Herr Beck, die Grünen und die FDP tauschen nach der Wahl ihre Führungsmannschaften aus. Die SPD macht nach dem zweitschlechtesten Ergebnis ihrer Geschichte mit demselben Personal weiter. Haben Sie also alles richtig gemacht?

Ich sehe nicht, dass sich jemand vorwerfbar falsch verhalten hat. Die große öffentliche Sympathie für Merkel und die äußeren Bedingungen hätte niemand durchbrechen können. Insofern sehe ich keine Notwendigkeit zu personellen Konsequenzen.

Es gab Zeiten, da ging Ihre Partei deutlich ruppiger mit dem Spitzenpersonal um.

Das ist wahr. Ich weiß, wovon ich rede. Aber nach meinem Eindruck hat man aus den abrupten Wechseln an der Spitze und dem Blick in den Abgrund gelernt. Ich kann meine Partei nur dafür loben, dass sie auch in den schwierigen Phasen zu Peer Steinbrück gestanden hat.

Eine rot-grüne Mehrheit scheint in weiter Ferne. Muss die SPD für die Zukunft die rot-rot-grüne Machtoption enttabuisieren?

Ich habe mich schon in meiner Zeit als Vorsitzender gegen eine prinzipielle Ausschließerei gewandt. Grundsätzlich plädiere ich für mehr Offenheit. Wir sollten einen bewussten kritischen Dialog suchen – auch um manches zu enttarnen. Auf der Bundesebene gibt es allerdings eine Unverträglichkeit: Solange die Linke in außen- und sicherheitspolitischen Fragen so aufgestellt bleibt, wie sie es ist, kann das zu nichts führen.

Damit bleiben für die aktuelle Regierungsbildung die Alternativen: Minderheitsregierung, Schwarz-Grün oder Schwarz-Rot. Was wäre Ihnen am liebsten?

Ich halte immer viel davon, wenn man mitregieren und mitgestalten kann. Das ist das Ziel jeder Politik. Aber dafür müssen die Inhalte stimmen.

Ihre Wähler haben große Sympathien für eine große Koalition. Die Parteibasis schüttelt sich bei dem Gedanken. Wie passt das zusammen?

Die Mitglieder erleben auf kommunaler Ebene härteste Auseinandersetzungen mit Vertretern der Union. Außerdem möchten sie nicht erneut so etwas erleben wie bei der letzten großen Koalition, als die einen die Lorbeeren ernteten und die anderen mit einem schlechten Wahlergebnis bestraft wurden. Das muss aber nicht zwangsläufig so sein. Das können wir unseren Leuten auch erklären – aber nur, wenn wir so viel durchsetzen können, dass das Risiko tragbar erscheint. Das wird sich am Ende von möglichen Verhandlungen mit der Union zeigen.

Welche Forderungen sind für die SPD unverzichtbar?

Ich halte nichts davon, jetzt aus allen möglichen Richtungen Forderungen zu formulieren. Es gibt einige Essentials: Natürlich gehören ein gesetzlicher Mindestlohn sowie eine ausreichende Finanzierung von Infrastruktur und Bildung dazu. Auch müssten wir uns auf eine aktive Politik für die europäischen Krisenstaaten einigen. Aber wir sollten die Liste nicht unendlich erweitern. Jetzt muss getestet werden, ob man sich in diesen Feldern aufeinander zubewegen kann und es sich lohnt, konkret darüber zu verhandeln.

Bei den Finanzen wird es offenbar schwierig. CSU-Chef Horst Seehofer hat schon versichert, es werde keine Steuererhöhungen geben.

Ich kann nur davor warnen, jetzt irgendwelche Ausschließ-Spielchen zu machen. Sonst macht Horst Seehofer eine Regierungsbildung für die Union unmöglich. Frau Merkel muss eine Mehrheit zusammenbekommen, nicht wir.

Am Ende sollen die SPD-Mitglieder über den Koalitionsvertrag entscheiden. Birgt das Verfahren nicht große Risiken?

Das kann man so interpretieren. Ich sehe es eher als Chance für mehr Demokratie: Eine größere Zahl von Menschen wird an einer elementar wichtigen Frage beteiligt. Die SPD-Spitze arbeitet im Wissen um die kritische Haltung der Basis und sagt: Wir werden Euch zeigen, was geht, und Ihr entscheidet, ob Ihr das wollt oder nicht. So ein Verfahren könnte uns in Deutschland voranbringen.

Sie hatten meist ein gutes Gespür für die Befindlichkeit der Basis. Kann man deren Skepsis innerhalb weniger Wochen ausräumen?

Die kritische Haltung zur großen Koalition hat nichts Fundamentales, sondern gründet auf Erfahrung. Unsere Leute werden ihre Haltung neu wägen, wenn man bei entsprechenden Verhandlungsergebnissen argumentieren kann: Wenn das und das erreicht werden kann, lohnt es dann nicht im Interesse der Arbeitnehmer, einer umweltverträglichen Zukunft oder eines gerechteren Steuersystems den Weg doch zu gehen? Ich bin überzeugt: Wenn man Betriebsräten und anderen Multiplikatoren konkrete Verbesserungen präsentiert, dann kann man diese Leute auch gewinnen. Die werden nicht begeistert sein – das bin ich auch nicht. Aber sie könnten dann sagen: Ja, das lohnt.

Wie hoch schätzen Sie die Chance ein, dass es zu einer großen Koalition kommt?

Ich glaube, es steht auf Messers Schneide. Auf unserer Seite haben wir eine sehr kritische Stimmung an der Basis. Auf der Unions-Seite kann die CSU vor Kraft kaum laufen. Jetzt ist Frau Merkel gefordert, daraus was zu machen. Sie braucht eine Mehrheit und hat nur zwei Kugeln im Lauf. Entweder sie redet mit uns und bewegt sich. Oder sie redet mit den Grünen und bewegt sich. In beiden Fällen muss sie abwägen, wie tragfähig ein Bündnis hinsichtlich der Mehrheiten im Bundesrat und möglicher Absplitterungen konservativer Teile der Union wäre.

Das klingt wie eine Warnung vor Schwarz-Grün?

Ich habe Frau Merkel keine Ratschläge zu geben. Aber an ihrer Stelle würde ich mir das sehr gut überlegen.

Das Interview führte Karl Doemens.