Frau Frieler, grundsätzlich herrscht Einigkeit, dass die Klimaerwärmung auf zwei Grad begrenzt werden soll, weil die Folgen einer solchen Erwärmung noch als beherrschbar gelten. Mit welchen Folgen ist bei zwei Grad Erderwärmung zu rechnen?

Bis heute hat sich das Klima global um 0,8 Grad erwärmt, und schon jetzt stellen wir fest, dass zum Beispiel extreme Wetterereignisse zugenommen haben: Hitzewellen, Überschwemmungen, Starkniederschläge. Der Taifun Haiyan etwa, der vor einem Jahr die Philippinen getroffen hat, war wahrscheinlich der stärkste Tropensturm, der seit Beginn der Aufzeichnungen je auf Land getroffen ist. Wenn jetzt noch gut ein Grad Erwärmung hinzukommt, ist damit zu rechnen, dass solche Wetterextreme noch häufiger werden und sich auch noch verstärken.

Was aber bedeutet die Einschätzung, dass diese Folgen bei zwei Grad Erderwärmung beherrschbar bleiben?

Jenseits von zwei Grad steigen die Risiken – etwa für das Schmelzen der Eisschilde und damit für den Anstieg des Meeresspiegels. Ganz genau lässt sich das allerdings nicht definieren. Wir können recht gut beschreiben, wie sich physikalische Prozesse unter dem Klimawandel entwickeln werden. Es lässt sich aber schwer voraussagen, wo genau die Grenze liegt, bei deren Überschreiten eine Gesellschaft überlastet ist. Sicher ist aber, dass wir mit der gegenwärtigen Erderwärmung die Bedingungen verlassen, unter denen unsere Gesellschaften gewachsen sind. Nie in der Geschichte der menschlichen Zivilisation hat sich das Klima so rasch so stark verändert. So dass wir in einen kritischen Bereich kommen und nicht genau sagen können, was passieren wird.

Was muss aus Ihrer Sicht geschehen?

Wir haben nur ein bestimmtes Emissionsbudget an CO2 zur Verfügung. Es gibt also eine Grenze für die Menge an Treibhausgasen, die wir noch in der Atmosphäre wie in eine Abfalldeponie packen dürfen, wenn wir mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit unter zwei Grad Erwärmung bleiben wollen. Schon heute haben wir zwei Drittel dieses Budgets verbraucht. Wenn wir auf dem heutigen Emissionsniveau verweilen, hätten wir in ungefähr 30 Jahren den Rest davon verbraucht. Wir müssen schnell zu null Emissionen kommen, wenn wir dieses Budget nicht überschreiten wollen. Den Weg dorthin müssen wir jetzt finden.

Die Klimakonferenz in Lima konnte da nur eine Etappe sein. Worauf kommt es in Klimaverhandlungen an?

In allen Klimaverhandlungen ist die Herausforderung immer, Ziele so zu formulieren, dass sie transparent sind und eine Abschätzung ermöglichen, inwieweit wir damit die Erderwärmung tatsächlich begrenzen können. Dafür ist es entscheidend, neben kurzfristigen Zielen bis 2020 auch langfristige Ziele zu definieren. Einige Staaten definieren Ziele bis 2050. China zum Beispiel hat angekündigt, dass seine Emissionen spätestens nach 2030 nicht mehr steigen sollen. Das macht es schwer zu sagen, ob das reichen wird. Denn wenn das globale Ziel null Emissionen heißt, müssen wir auch wissen, wie der Emissionspfad nach 2030 verlaufen wird. Wenn die Emissionen danach einfach konstant bleiben, werden wir das Zwei-Grad-Ziel nicht einhalten können.

Sie versuchen, mit Hilfe mathematischer Modelle Klimaveränderungen vorauszusagen. Mit welchem Ergebnis?

Im November vergangenen Jahres haben wir errechnet, dass das Klima sich um mehr als drei Grad erwärmen wird, wenn es bei den damals auf den Tisch liegenden Emissionsreduktionszielen bleibt. Wenn die neuen Ziele für die Zeit nach 2020, die die EU, China und die USA vor der Lima-Konferenz vorgelegt haben, umgesetzt werden, dann würde erstmals seit langer Zeit die projizierte Klimaerwärmung etwas geringer ausfallen – um 0,2 bis 0,4 Grad Celsius. Das genügt nicht. Aber es zeigt: Es ist weltweit etwas in Bewegung geraten. Der Klimawandel ist vom Menschen gemacht, also kann er ihn auch wieder stoppen.

Das Gespräch führte Christian Siepmann.