Herr Heisbourgh, nach den Anschlägen in Paris hat Präsident François Hollande dem IS den Krieg erklärt. Er will die Terrororganisation vernichten. Kann das mit militärischen Mitteln überhaupt gelingen?

Die Rede vom Krieg behagt mir nicht. Krieg wird traditionell zwischen Staaten ausgetragen. Dem IS den Krieg erklären, heißt, den IS als Staat anerkennen. Das sollten wir vermeiden. Die Angehörigen der IS-Milizen nennen sich Krieger des Dschihad. Dabei sind es schlicht Terroristen, Kriminelle. Die Ehre, sie Kriegsgegner zu nennen, sollten wir ihnen nicht erweisen. Allenfalls als Metapher in dem Sinne, dass Frankreich einem äußerst brutalen Angriff ausgesetzt war und es gilt, alle Kräfte zu mobilisieren, mag die Rede vom Krieg in Ordnung gehen.

Jenseits der Kriegsrhetorik: Versprechen militärische Mittel wie die Ausweitung der Luftangriffe Erfolg?

Soweit es um präzise Schläge geht – etwa darum, Verantwortliche des IS zu treffen, Versorgungswege oder Ölförderlagen des IS zu zerstören –, mag das durchaus hilfreich sein. Sich auf solche Ziele zu beschränken, hat obendrein den Vorteil, dass es unter humanitären Gesichtspunkten nicht zu beanstanden ist. Das heißt aber nicht, dass der IS auf diese Weise zu besiegen wäre. Durchschlagenden Erfolg brächten vermutlich massive Bombardements. Mit ihnen würde man nicht nur das Erdölgeschäft des IS treffen, sondern das Wirtschaftsleben schlechthin – Elektrizitätswerke, Wasserversorgung, Fabriken. Technisch wäre das machbar. Und ich glaube, die Versuchung, es zu tun, ist sehr groß. Denn wenn man es nicht tut, wird es sehr, sehr lange dauern, bis sich Syrien und der Irak aus dem Griff des IS befreien können. Um die Kriegsindustrie der Nazis zu vernichten, haben die Alliierten einst ganze Städte zerstört.

Hätten massive Bombardements nicht zur Folge, dass sich Heerscharen von Freiwilligen aus aller Welt dem IS anschließen würden und der Terrorismus sogar noch zunähme?

Damit kein Missverständnis aufkommt: Es ist nicht so, dass ich massive Bombardements empfehlen würde. Ich empfehle sie ausdrücklich nicht. Aber meine Aufgabe ist es, nüchtern zu analysieren. Und: Ja, natürlich würde man mit massiven Bombardements Massen neuer Terroristen und neuer Flüchtlinge produzieren.

Und wie steht es mit der Entsendung ausländischer Bodentruppen?

Diejenigen, die das empfehlen, hüten sich, die Nationalität der Soldaten zu benennen, die sie nach Syrien schicken wollen. Soweit man die Kurden in die Pflicht nehmen will, stellt sich das Problem, dass sie außerhalb von Kurdistan nicht willkommen sind, ja verabscheut werden. Was die Saudis betrifft, so zeigt sich im Jemen, dass sie nicht viel zuwege bringen. Die Schlagkraft der ägyptischen Infanterie halte ich ebenfalls für sehr begrenzt.

Und französische Truppen?

Angesichts dessen, was hier passiert ist, bin ich sicher, dass die Franzosen bereit wären, einen Blutzoll zu entrichten. Allerdings unter der Bedingung, dass die Entsendung von Truppen auch Wirkung zeitigt. Die Franzosen pflegen sich in bedrohlichen Situationen um ihre politische Führung zu scharen. So könnte man etwa den Aktionsradius der Franzosen erweitern, die bereits als Berater der kurdischen Peschmerga vor Ort sind. Dass das etwas bringt, hat man im Nordirak gesehen, wo ein US-Sondereinsatzkommando mehrere Dutzend Geiseln aus der Gewalt des IS befreit hat. Man könnte so auch Ziele ins Visier nehmen, die aus der Luft nicht zu zerstören sind. Der IS pflegt militärisch Sensibles an Orten zu installieren, wo viele Zivilisten und oft auch viele Gefangene sind, an Orten also, die man aus der Luft also schwerlich bombardieren kann.

Nach welchen Kriterien wählt der IS seine Anschlagsziele aus?

Als Hauptfeinde betrachtet der IS zurzeit Russland, Frankreich und die Hisbollah. Die jüngsten Anschläge auf ein russisches Flugzeug, in Beirut und in Paris sprechen für sich. Was die Hisbollah betrifft, so ist sie für den IS ein doppeltes Ärgernis, weil sie schiitisch ist und auf der Seite von Baschar al-Assad steht. Ansonsten geht es dem IS darum zu zeigen, dass er es mit den mächtigsten Staaten der Welt aufnehmen kann. Ich habe kürzlich ein Youtube-Video gesehen, in dem IS einen Anschlag in Washington ankündigt. Auch daraus klang die Botschaft: Wir können die mächtigsten Staaten der Welt herausfordern. Die Botschaft dient der Motivation der eigenen Milizen wie auch der Anwerbung von Nachwuchs. Wollt ihr mitmachen an der Seite des Kalifats, das den Luftangriffen der mächtigsten Staaten der Welt trotzt? Das ist die Frage, die junge Leute in Bann zieht. Der IS macht äußerst gute Öffentlichkeitsarbeit.

Was halten Sie von dem politischen Schwenk der französischen Regierung, für die der Sturz Assads jetzt nicht mehr oberste Priorität ist? Sie will ja nun offenbar gemeinsam mit den Russen, die an Assad festhalten, gegen den IS zu Felde ziehen.

Halt, halt, nicht so schnell. Paris hat bis heute nicht offiziell die Position aufgegeben, wonach Assad das Problem ist und nicht Teil der Lösung sein kann. Bisher gab es also noch keine Kehrtwende, was nicht heißt, dass sie nicht kommen wird. Ich kann nur hoffen, dass sich die Franzosen das gut überlegen. Mit Assad wird es in Syrien niemals Frieden geben, schon allein, weil die Assad feindlich gesonnenen Sunniten 75 Prozent der Bevölkerung stellen.

Ist denn auf russischer Seite ein Schwenk zu verzeichnen? Wird Moskau tatsächlich dem Kampf gegen den IS oberste Priorität einräumen?

Die Russen haben jetzt spektakuläre Angriffe auf IS-Stellungen geflogen. Das waren beeindruckende Bilder. Um freilich zu sagen, dass Moskau nun den Angriffen gegen den IS Priorität einräumt, ist es noch zu früh. Russlands Außenminister Sergej Lawrow beschwört weiterhin die Souveränität Syriens. Das stimmt mich eher skeptisch. Für den Kreml scheint noch immer zu gelten: Assad und sonst keiner. Insofern bezweifle ich, dass die Russen letztlich die Rolle spielen werden, welche die Franzosen ihnen zugedacht haben.