Auf den ersten Blick sieht es auf dem Invalidenfriedhof an der Scharnhorststraße in Mitte aus wie auf einem ganz normalen Friedhof. Grabsteine verschiedener Epochen stehen verstreut unter alten Bäumen. Doch das Gelände wird zerschnitten von Überbleibseln der Berliner Mauer. Wie ein Fremdkörper taucht sie plötzlich auf, versperrt den Blick auf die Teile des Friedhofes, die im hinteren Teil liegen. Für einen 256 Jahre alten Friedhof ist es hier auch seltsam leer. Auf weiten Flächen wachsen kniehoch Gras und Wildblumen. Und obwohl der Friedhof seit 1951 geschlossen ist, gibt es rund 40 Grabsteine, die erst in den vergangenen 14 Jahren hier abgelegt wurden. Wie kein anderer Friedhof spiegelt der Invalidenfriedhof die wechselvolle Geschichte der Stadt - von den Preußen über die Nazis bis hin zur DDR und zur Nachwendezeit. Dank des Landesdenkmalamtes ist die wechselvolle Geschichte auch heute noch zu erkennen. Alle Epochen sollen sichtbar sein"Die Bundeswehr bot mir nach der Wende an, die Reste der Mauer in nur einer Nacht abzuräumen", erzählt Klaus von Krosigk, Chef der Gartendenkmalpflege. Doch Krosigk wollte die Mauer als Teil der Geschichte des Friedhofes stehen lassen. Aber auch was vor 1945 war, sollte wieder sichtbar gemacht werden, denn nach der Wende war der Friedhof weitgehend zerstört. Auf dem 1748 angelegten Friedhof fanden viele preußische Generäle aber auch bedeutende Zivilpersonen ihre letzte Ruhe. Die Nationalsozialisten bestatteten hier unter anderen den SS-Mann Reinhard Heydrich und Fritz Todt, Hitlers Autobahnbauer und Rüstungsminister. Um einen Nazifriedhof handelt es sich aber nicht. "Hochrangige Nazis liegen hier nur vier", sagt Laurenz Demps, Geschichtsprofessor an der Humboldt-Universität.Der Niedergang des Friedhofes begann kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges. Damals wurde er zum Kampfgebiet, teilweise wurden Gräber zerstört. 1946 befahlen die Alliierten, dass nationalsozialistische Symbole und Denkmäler auch auf Friedhöfen entfernt werden. "Gräber wurden aber nicht geschliffen", sagt Historiker Demps. Anders in der DDR. Schon in den 1950er-Jahren wurden viele Grabsteine, Kreuze und Eisengitter abgetragen. Der Mauerbau leitete dann die weitere Zerstörung ein: Bereiche des Friedhofes wurden Grenzgebiet, über die Gräber eine Betonstraße gelegt. 1962 räumte man dann die verfallenen Grabsteine hinter dem Stacheldrahtzaun vollständig ab, denn die SED-Führung wollte ein freies Sicht- und Schussfeld haben. Die Grabmale brachte man zur Steinmühle, wo sie zu Schotter zermahlen wurden, andere wurden zu Bürgersteigen zweckentfremdet. Der vollständigen Zerstörung entging der Friedhof wohl nur deshalb, weil auf ihm Persönlichkeiten wie Gerhard von Scharnhorst und Karl-Friedrich Friesen ruhten, die die DDR ideologisch für sich zu vereinnahmen suchte. Nach dem Mauerfall waren von früher 3 000 Gräbern nur noch 260 erhalten. Behutsam wurde der Friedhof nach der Wende wieder in Stand gesetzt: Grabsteine wurden aufgerichtet, Grabmäler restauriert und entlang den Wegen neue Bäume gepflanzt. Da die Spuren der DDR-Zeit nicht getilgt werden sollten, blieb die Mauer stehen. Familien, die nach der Wende auf geschändeten Gräbern einen neuen Grabstein nach altem Vorbild errichten wollten, wurde dies nicht erlaubt. Man einigte sich darauf, dass die Angehörigen an der Stelle, wo einst das Grab war, einen 60 mal 60 Zentimeter großen, so genannten Kissenstein, ablegen dürfen. NS-Größen sollten ausgenommen bleiben. Doch das Bezirksamt Mitte genehmigte nun einen Gedenkstein für Fritz Todt. Ilsebill Todt, die Tochter von Fritz Todt, kämpfte seit Jahren darum, einen Grabrestitutionsstein für ihren Vater aufstellen zu dürfen. Das Bezirksamt lehnte das Vorhaben ab. Ilsebill Todts Anwalt Thor von Waldstein, ehemals Vorsitzender des Nationaldemokratischen Hochschulbundes und Verteidiger des Holocaust-Leugners Fred Leuchter, strengte gegen das Bezirksamt eine Untätigkeitsklage beim Verwaltungsgericht an. Sie ist noch nicht entschieden. Trotzdem genehmigte das Bezirksamt vor kurzem den Stein mit der Begründung, Todt sei von den Alliierten posthum entnazifiziert worden und es gebe deshalb keine Möglichkeit, den zunächst eingelegten Widerspruch aufrechtzuerhalten. Bleibt zu hoffen, dass der Stein im hohen Gras nicht zu sehr auffällt.------------------------------Bereits 1951 offiziell geschlossen // Angelegt wurde der Friedhof bereits im Jahr 1748 auf Befehl von König Friedrich II. im Zuge der Einrichtung eines Invalidenhauses. Dort wurden verwundete Soldaten versorgt. Am Anfang wurden dort vor allem Bewohner des Invalidenhauses bestattet. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts galt es als eine Ehre, auf dem Invalidenfriedhof beigesetzt zu werden. Im späten 19. Jahrhundert wurden hier bedeutende Zivilpersonen beerdigt. Neben preußischen Generälen wie Gerhard von Scharnhorst, der 1813 in den Befreiungskriegen gefallen war und nach dem die höchste militärische Auszeichnung der DDR benannt war, liegen hier auch der Mitbegründer der deutschen Turnbewegung Karl-Friedrich Friesen, der Maschinenfabrikant Friedrich Wöhlert, der Philosoph Ernst Troeltsch und der Kampfflieger Manfred von Richthofen. Auch zwei Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 wurden auf dem Invalidenfriedhof begraben: Wilhelm Staehle und Fritz von der Lancken. Der Friedhof wurde 1951 geschlossen, trotzdem gelang es dem Berliner Walter Stoeckel, einem der berühmtesten Gynäkologen seiner Zeit, 1961 als Letzter auf dem Invalidenfriedhof begraben zu werden. Er hatte das Grab schon lange vorher gekauft. Trotz Verwüstungen bietet der Invalidenfriedhof immer noch ein nahezu geschlossenes Bild der Berliner Begräbniskultur der letzten 250 Jahre. Neben frühen klassizistischen Zeugnissen gibt es auch Beispiele des Barocks, des Jugendstils und der Neuen Sachlichkeit. Deshalb steht der Friedhof seit 1990 unter Denkmalschutz. Das bedeutendste Grabmal ist das für Gerhard von Scharnhorst. Es wurde von Karl Friedrich Schinkel und den Bildhauern Christian Daniel Rauch und Friedrich Tieck geschaffen und gilt als Meilenstein in der Entwicklung des klassizistischen Grabdenkmals. Auf dem Sarkophag thront ein schlafender Löwe aus Bronze.Der überzeugte Nazi Fritz Todt (1891-1942) trat schon 1922 in die NSDAP ein. Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler wird Todt 1933 Generalinspektor für das deutsche Straßenwesen. Er ist für den Bau der Reichsautobahnen verantwortlich und Hitler direkt unterstellt. Spätestens ab 1938 war Todt führend in die Kriegsvorbereitungen eingebunden. Er schuf die Organisation Todt, die den Westwall als Befestigung der Westgrenze des Reichs aufbaute und dazu Zwangsar- beiter heranzog. 1940 wurde er zum Reichsminister für Bewaffnung und Munition ernannt. Todt kam 1942 bei einem Flugzeugabsturz bei Rastenburg (Ostpreußen) ums Leben und wurde auf dem Invalidenfriedhof beigesetzt. Sein Nachfolger Albert Speer wurde vom Kriegsverbrechertribunal zu 20 Jahren Haft verurteilt, vor allem wegen der Beschäftigung von Zwangsarbeitern. Ein Urteil, mit dem wohl auch Todt hätte rechnen müssen, hätte er den Krieg überlebt.------------------------------Karte: Der Invalidenfriedhof in Mitte ist rund 2,5 Hektar groß.------------------------------Foto: Einige bedeutende Grabsteine wurden behutsam restauriert.