MÜNCHEN. Ihre Romane sind Historienschrott, ihre Leser Affen, die sich von einer Textstelle zur nächsten schwingen. Iny und Elmar Lorentz sind Dilettanten. Sie können nichts, sie bemühen sich nur. So in etwa urteilt das Feuilleton, falls es überhaupt einmal über die Autoren aus München urteilt.Viele Leser scheinen das anders zu sehen: Mehr als fünf Millionen Mal haben sich die Mittelalter-Romane des Münchener Autorenpaares, das seine Bücher unter dem Pseudonym "Iny Lorentz" veröffentlicht, bislang verkauft. Die Romane tragen Titel wie "Die Goldhändlerin", "Die Feuerbraut", "Die Kastellanin". Sie sind dick wie Ziegelsteine und erscheinen in fast identischer Aufmachung. Auf nahezu jedem Cover ist ein halb entkleideter Frauenkörper zu sehen, selten ein Gesicht. Ihr Buch "Die Wanderhure" erreichte vor vier Jahren den zweiten Platz der Bestseller-Liste. Und weil es sich so schön fügte, kam bald danach "Das Vermächtnis der Wanderhure" auf den Markt. Innerhalb von fünf Jahren schrieben die Eheleute neun Bestseller, die in zehn Sprachen übersetzt wurden. Drei ihrer Bücher sollen demnächst für das Fernsehen verfilmt werden.Wenn am morgigen Donnerstag die Leipziger Buchmesse ihre Tore öffnet, werden auch Iny und Elmar Lorentz dort sein. Nicht als Autoren, sondern als Besucher. Sie werden Bekannte und Freunde treffen. Und sie werden sich an den Sachbuchständen informieren, wo Literatur über das Mittelalter ausgestellt ist. Sekundärliteratur bildet die Basis ihrer Recherchen.Bücher, wie sie sie schreiben, sind ein Phänomen im Literaturbetrieb. Sie kommen nicht in Talkshows vor, sie werden auch sonst kaum beworben, sie existieren im Schatten der Öffentlichkeit - und werden massenhaft gelesen.Es ist ein kalter, sonniger Winternachmittag. Iny und Elmar Lorentz sitzen nebeneinander am Küchentisch im Büro ihrer Literaturagentin Lianne Kolf im Münchner Stadtteil Schwabing. Sie sehen aus, als würden sie versuchen, auch optisch eine Person darzustellen: Beide tragen Batik-T-Shirts mit Tiermotiven zu grünen Outdoor-Hosen, beide haben kurze Haare. Sie kommen einmal in der Woche hier her, um die Romane zu planen, zu diskutieren oder einfach nur Kaffee zu trinken. Auf dem Tisch steht ein Tablett mit Zitronenkuchen und Pralinen.Bücher, wie Iny Lorentz sie schreibt, rangieren unterhalb jener Wahrnehmungsgrenze, die die Literaturkritik für sich gezogen hat. Ihre Romane werden von der Kritik so gut wie gar nicht erwähnt, höchstens in Kommentaren oder als abschreckendes Beispiel."Das tut uns leid für unsere Leser", sagt Iny Lorentz, die als weiblicher Teil des Duos dessen Pseudonym trägt, über die unfreundliche Presse. Ihre Stimme klingt belegt. "Uns ärgert, dass unsere Leser als grenzdebil dargestellt werden. Das ist ihnen nicht adäquat. Es ist nicht schön, wenn unsere Leser das Gefühl haben, sie müssen sich schämen, weil sie das lesen."Und tatsächlich: Der Buchdeckel mit der goldenen Schreibschrift und dem Werbeaufkleber "Inklusive Lesezeichen!" hat in der Straßenbahn einen seltsamen Effekt. Man möchte sich entschuldigen: Ich lese das nicht freiwillig, es ist beruflich.Was sind eigentlich die Kriterien für schlechte Literatur? "Offensichtlich lernen sie das irgendwo", sagt Iny Lorentz. "Sie", das sind die Kritiker. "Irgendwo müssen da... wie nennt man das..." Die 59-Jährige überlegt. "Irgendwo müssen da Grundlagen sein, dass das keine Literatur ist." Elmar Lorentz schaltet sich ein: "Das ist ein sehr deutsches Problem." Das rollende "r" verrät seine bayerische Herkunft. "Meiner Analyse nach ist das ein Relikt des 13-jährigen Reichs." "Zwölf", sagt Iny Lorentz und sprüht einen hohen Kringel Schlagsahne auf ihren Kaffee. "Na ja, des sogenannten 1 000-jährigen Reichs", fährt er fort.Damals sei sehr viel an Literatur als schlecht bezeichnet und vernichtet worden. Nach dem Krieg sei wiederum sehr viel von dem, was in jener Zeit geschrieben wurde, als schlecht empfunden worden.Irgendwie sei seiner Auffassung nach dadurch der Wertmaßstab des Literaturbetriebs völlig durcheinander gekommen.Im Grunde ist es jedoch simpler. Das Feuilleton findet ihre Geschichten zu nationalistisch gefärbt, sie sind zu langatmig, die Charaktere sind zu platt, das Geschlechterbild ist veraltet. Im jüngsten Werk "Die Feuerbraut" steht geschrieben: "In dem Moment wünschte der junge Mann sich an jeden anderen Ort der Welt, selbst in die wüsteste Schlacht, denn die verstörten Blicke der Frau und ihrer beiden Töchter taten ihm körperlich weh... Irmela, die direkt zu seinen Füßen kauerte, hatte den Kopf zur Seite gedreht, als lausche sie. Ihr spitzes, von dunklen Locken umrahmtes Gesicht mit den haselnussbraunen Augen, erinnerte ihn an eine Maus."Ebenfalls in Schwabing liegt die Buchhandlung von Ruth Cyranka. Sie sucht im Regal nach Iny Lorentz und findet nur ein Exemplar der "Wanderhure". Diese Romane seien nicht so ihr Ding, entschuldigt sich die Buchhändlerin. Wenn die Kunden noch unentschieden seien, versuche sie immer, diese "etwas mehr in Richtung Literatur zu schieben".Viele Menschen fasziniere das Mittelalter, nicht nur, um ihrer heutigen Welt zu entfliehen. Religionskriege, Kirchenskandale und die Konflikte mit Autoritäten hätten die Leser von jeher sehr interessiert. Es gäbe ja auch niveauvolle Mittelalter-Romane, wie Umberto Ecos Klassiker "Der Name der Rose".Aber wer liest Iny Lorentz?"Das sind Frauen, die in ihrer Rolle noch nicht ganz gestärkt sind", sagt Ruth Cyranka. So erlebt sie es jedenfalls in ihrem Laden. Es sind eher ältere, aber auch ganz junge Leserinnen mit einem gewissen Bildungsbedürfnis. Wenn sie einen historischen Roman kaufen, hätten sie das Gefühl, etwas richtig zu machen. Die Frauen seien eher nicht akademisch geprägt, andererseits gebe es durchaus Akademikerinnen, "die solche Bücher zur Entspannung lesen". Wenn sie die Romane Männern empfehle, würden diese sie auslachen: "Da haben die nichts zum Spiegeln."Das sieht Iny Lorentz anders: Zwar würden achtzig Prozent aller historischen Romane von Frauen gekauft. "Ich habe aber sehr oft gehört: Mein Mann hat es zuerst gelesen." Die Männer würden sich nur nicht trauen, das zuzugeben.Im Lebensplan von Iny und Elmar Lorentz war das Bücherschreiben eigentlich nicht vorgesehen.Iny Lorentz kommt in Köln zur Welt. Sie wird Arzthelferin, holt ihr Abitur auf dem Abendgymnasium nach und bekommt eine Stelle als Programmiererin bei einer Münchner Versicherung. Elmar Lorentz wird in Franken geboren. Bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr arbeitet er als Landwirt auf dem Hof seiner Eltern. Während der Traktorfahrten denkt er sich Geschichten aus. In einem Fantasy-Club lernt er seine spätere Frau Iny kennen, die beiden werden Brieffreunde. Sie ziehen nach München und heiraten. Nach einer Ausbildung arbeitet Elmar Lorentz als Drucker in derselben Versicherung wie seine Frau. Auch als sie längst Bestseller-Autoren sind, hören sie nicht auf zu arbeiten. Sie trauen sich nicht, in ihrem Alter den Beruf aufzugeben. Sie verdienen 25 Cent pro Taschenbuch, sagen sie. Erst 2006 habe das Geld zum Leben gereicht.So schreiben sie früh morgens oder spät abends, Ferien gibt es für sie nicht. Im Januar 2007 müssen sie ihre Stellen aufgeben. Sie leiden am Burn-Out-Syndrom. Beide bekommen eine Abfindung. "Das war nett von der Firma", sagt Iny Lorentz.Iny und Elmar Lorentz benutzen Worte, die ebenso altertümlich klingen wie die in ihren Büchern. Wenn Elmar Lorentz etwas erklärt, macht er lange Pausen, um die treffenden Formulierungen zu finden. Wenn seine Frau etwas sagt, wendet er den Kopf ab, als habe er das schon sehr oft gehört. Redet er, guckt sie weg. Betritt die Literaturagentin im Tweedkostüm die Küche, verstummen beide. "Sie ist eine der wirklich großen alten Damen der Literatur", sagt Iny Lorentz später.Bei der Arbeit am Text teilen sie sich die Aufgaben: Elmar Lorentz recherchiert und schreibt die Rohfassung, Iny Lorentz überprüft die Richtigkeit und glättet die Sprache: "Wie eine gute Ehefrau". Wenn sie über den Verlauf der Geschichte uneins sind, würfeln sie. Zeigt der Würfel eine Wahrscheinlichkeit von achtzig Prozent, entscheiden sie sich für die entsprechende Version.In den Ferien laden sie ihre altertümlichen Notebooks in den Wohnwagen und fahren zu Orten, an denen ihr nächster Roman spielen soll. Die notwendige Fachliteratur nehmen sie mit. Für jeden Roman liest Elmar Lorentz mehr als zwanzig Sachbücher. Weil allerdings jedes Sachbuch ein Ergebnis der persönlichen Meinung des Verfassers sei, "brauchen wir für jeden Fakt drei Bücher. Oder zwei Bücher und das Internet". Und wie entscheiden sie sich dann zwischen den Meinungen? "Logik", sagt Iny Lorentz.Ein einziges Mal haben sie sich gegen die Wahrheit entschieden. Es ging um die Mutter von Maria Theresia, die zum Katholizismus konvertierte, um Karl VI. zu heiraten. Elmar Lorentz hat sich ein eigenes Bild von der Frau gemacht, sagt er, das der Literaturagentin nicht gefiel. "Elmar, so geht's nicht", habe sie gesagt. "Die Frau wird durch die katholische Kirche verherrlicht. Deine Analyse ist zutreffend, aber man kann sie dem Volk nicht verkaufen." Elmar Lorentz hat die Mutter aus dem Roman gestrichen.Und das Volk ist ihnen wichtig. Dass die Literaturkritik ihre Romane ignoriert, macht dem Paar wenig aus. "Das Feuilleton bringt uns überhaupt nichts", sagt Elmar Lorentz. "Kommt auf die Zeitung an", sagt seine Frau. "Mir ist eine Besprechung im Schwarzwälder Boten lieber als in einer der großen überregionalen Zeitungen."Um Leser zu gewinnen, seien Foren im Internet viel wichtiger. So loggen sich die beiden regelmäßig ein, um über ihre Bücher mitzudiskutieren. Eine Teilnehmerin namens "Antiope" fragt: "Das Hurengelb denkt ihr euch schon als blassgelb, oder? Weil die kräftigen Gelbs (Safran!) ja teuer waren und damit Adligen und Reichen vorbehalten. Grüßlis!" Elmar Lorentz antwortet umgehend, dass die Farben im Mittelalter nicht so blass waren, wie man sich das immer vorstelle.Wenn der Brite Ken Follett, der Star des Historienromans, auf der Buchmesse in Leipzig aus seinem neuen Werk "Die Tore der Welt" liest, werden Iny und Elmar Lorentz mit einem Fan einen Kaffee trinken gehen. Anders als sie wird dieser Autor vom Feuilleton hofiert und in die Literaturhäuser eingeladen."Ken Follett liest nicht in Hintertupfingen wie wir", sagt Iny Lorentz. Es klingt kein bisschen bedauernd.------------------------------"Es ist nicht schön, wenn unsere Leser das Gefühl haben, sie müssen sich schämen, weil sie das lesen." Iny Lorentz------------------------------Foto: Das Münchner Autorenpaar Iny und Elmar Lorentz: Mit ihren Mittelalter-Romanen erreichen sie ein Millionenpublikum.