Herr Rogge, eine ganz einfache Frage an den wichtigsten Mann im Weltsport: Was ist Macht?Wir können über vieles sprechen, ich kann Ihnen allerdings nicht beschreiben, was ich nicht habe. Ich habe keine Macht. Ich weiß gar nicht, was das ist.Wer soll Ihnen das glauben?Sie! In der Welt, in der ich mich bewege, bin ich nicht mächtig. Ich muss mich selbst den Beschlüssen des IOC-Exekutivkomitees beugen. Ich habe nur ein bisschen Einfluss.Sie haben so wenig Einfluss, dass Sie kürzlich finanzielle Angebote des Olympiabewerbers London als "nicht sehr klug" gerügt haben. Britannien war in Aufruhr und fürchtete um Londons Chancen für die Sommerspiele 2012. Sofort wurden die Offerten zurückgenommen.Das stimmt schon, aber auch das ist keine Frage von wirklicher Macht. Ich war Kraft meines Amtes befugt zu sagen, dass diese Angebote von der Ethik-Kommission überprüft werden sollten. Daraufhin hat London alles zurückgezogen. Als IOC-Präsident habe ich lediglich die Möglichkeiten, Entscheidungen mit gewissen Konsequenzen herbeizuführen. Ich will Ihnen das an zwei anderen Beispielen erläutern. Als ich im Sommer 2004 nach Athen kam und hörte, dass Kenteris und Thanou für Dopingtests nicht verfügbar gewesen waren, habe ich einen Test im Olympischen Dorf angeordnet. Dann sind sie abgehauen, den Rest der Geschichte kennen Sie. Oder zwei Jahre vorher in Salt Lake City. Da wurde ich von den Experten gefragt: Können wir auf das Dopingmittel Aranesp testen? Ich sagte: Klar, sofort, macht das! Dadurch haben sie den Olympiasieger Mühlegg erwischt. Ich treffe also hin und wieder Entscheidungen mit Folgen. Aber ich nenne das nicht Macht. Ich finde, wir führen hier eine semantische Diskussion.Theoretische Diskussionen mögen Sie nicht?Ich bin ein praktisch veranlagter Mensch.Sie haben mal gesagt, das IOC kranke an der Verführung durch Macht und Geld. Gilt diese Diagnose noch?So etwas habe ich gesagt?Auf dem Höhepunkt des IOC-Bestechungsskandals, im Winter 1999.Ich kann mich nicht mehr an den Zusammenhang erinnern. Einzelne Sätze lassen sich immer leicht isolieren. Egal, was ist die Macht des IOC? Die Macht besteht darin, die Olympiaausrichter zu benennen und die Sportarten des Olympischen Programms festzulegen. Mehr ist es nicht. Alles andere ist Einfluss und Kooperation - mit Sportverbänden und Regierungen.Apropos, Sie als absolut machtloser IOC-Präsident sind derzeit eine der gefragtesten Personen auf dem Planeten. Russland, Frankreich, England, Spanien und die Vereinigten Staaten wollen die Sommerspiele 2012 in ihre Metropolen holen. Hat heute schon jemand aus dem Weißen Haus angerufen, aus dem Kreml oder dem Elysee-Palast?Nein. Ich glaube auch, dass diese Herrschaften weise genug sind, eine Olympiabewerbung nicht mit Telefonanrufen klären zu wollen.Wie sonst?Ich kann vergleichsweise leicht darüber reden, denn Kandidatenstädte oder Staatschefs sind nie direkt an mich herangetreten, weil alle wissen, dass ich nicht beeinflussbar bin und selbst gar nicht mit abstimme. Ich habe ja auch nie die Bewerberstädte besucht, als das im IOC noch üblich war. Meine Kollegen allerdings sind jetzt wieder Objekte der Lobbyisten, die werden natürlich argumentativ bearbeitet.In derartigen Drucksituationen hatten Sie früher eine Rückzugsmöglichkeit ins Private. Sie waren bis zu Ihrer Wahl im Juli 2001 als Klinikchef und Chirurg in Gent tätig. Vermissen Sie den Operationssaal?Nicht mehr. Ich habe meinen Beruf geliebt. Ich war gern im OP. Ich habe noch immer einige Fachzeitschriften abonniert. Aber das war ein anderer Teil meines Lebens. Ich könnte jetzt nicht mehr zurück in den OP. Die Entwicklung verläuft auch hier rasend schnell: Wer zwei oder drei Monate nichts macht, der ist raus, der ist nicht mehr in der Lage, eine gute Arbeit zu verrichten.Als Chirurg haben Sie das Skalpell angesetzt und gewissermaßen Brachiallösungen herbeigeführt. Inwiefern kann Ihnen diese Art der Kompromisslosigkeit in Ihrer Tätigkeit als IOC-Vorstand helfen?Eine Operation ist ja das letzte Mittel. Als Arzt aber habe ich vor allem gelernt, wie wichtig Prävention ist. Man darf einen Krisenherd gar nicht erst ausbrechen lassen. Das gilt auch für meine Arbeit als IOC-Präsident. Beispielsweise habe ich noch im Jahr 2001 prüfen lassen, ob wir den Ausfall von Olympischen Spielen überleben könnten. Sollten die Spiele wegen einer wie auch immer gearteten Katastrophe einmal nicht stattfinden, dann können wir einen solchen Zeitraum überstehen. Wir haben dafür 200 Millionen Dollar in der Kasse, weil wir gut gewirtschaftet haben. Im Übrigen ist auch die Frage der Neustrukturierung des Olympischen Programms nichts anderes als Prävention. Seit 1936 sind nur Sportarten hinzugekommen. Doch ist es normal, dass ein Programm über Dekaden eingefroren bleibt? Wir brauchen Feinjustierungen und das Werkzeug, um diese Veränderungen durchzuführen. Das ist Prävention, nicht für heute, sondern für morgen.Haben das in Ihrer Branche alle begriffen? Beim Versuch, das Programm zu reformieren, sind Sie bereits 2002 in Mexiko grandios gescheitert. Zweieinhalb Jahre später, kurz vor der IOC-Session in Singapur, wird dieselbe Debatte geführt. Wieder wehrt sich das Establishment gegen Veränderungen. Die 28 olympischen Sommersportverbände wollen, dass alles bleibt wie bisher.Das ist eine sehr emotionale Angelegenheit. Ich kann verstehen, wenn sich Leute zerreißen, um ihren Status zu erhalten. Als IOC-Präsident kann ich allerdings nicht in kleinen Korridoren denken und handeln. Mein Maßstab ist ein globaler. Das Programm besteht eben nicht aus 28 verschiedenen Hoheitsgebieten, sondern ist eine Synergie zwischen Einzel- und Mannschaftssportarten: Kampfsportlern; artistischen Sportarten; Sportarten, die auf einem Kontinent äußerst populär sind, aber die auf anderen Kontinenten kein Mensch kennt. Es ist eine großartige Mixtur. Nur wissen wir inzwischen, dass die jüngere Generation ein ganz anderes Sportverständnis hat, dass sie andere Sportarten liebt. Darauf müssen wir reagieren, um die Spiele auf Dauer attraktiv zu machen. Das ist keine Frage einer kurzfristigen brutalen Veränderung, das ist ein sehr langfristiger Prozess. Wir brauchen eine Evolution, keine Revolution.Die Asoif, die Vereinigung der Sommersportverbände, will verhindern, dass das IOC in Singapur über den Verbleib einzelner Sportarten abstimmt. Man will ein Reförmchen.Ich verstehe diese Haltung sogar. Das ist wie im richtigen Leben. Als Arzt sage ich zu einem Patienten: Hör zu, du solltest nicht mehr rauchen, du solltest weniger trinken und gesünder essen, du solltest trainieren und besser auf dich achten, sonst bekommst du irgendwann einen Herzinfarkt. Wenn der Patient sich nicht um diese Empfehlung schert, wenn er so weiter macht wie bisher, dann ist es sein gutes Recht. Aber dann muss er auch mit den Konsequenzen leben. Anders ausgedrückt: Ich glaube nicht, dass es in dieser Situation Sinn macht, seinen Kopf in den Sand zu stecken, seine Umwelt nicht mehr wahrzunehmen, aber zu behaupten, es sei schon alles okay, so wie es ist.Für Sportarten wie Gewichtheben, Ringen, Amateurboxen oder Modernen Fünfkampf macht eine solche Vogel-Strauß-Haltung Sinn. Denn sie kämpfen ums Überleben.Glauben Sie, das Interesse an den Spielen wäre so groß, wenn wir nur die unbekannteren Sportarten betreiben würden? Nur Segeln, Modernen Fünfkampf oder Gewichtheben? Glauben Sie, dann würden 25 000 Medienvertreter darüber berichten? Würden wir so hohe TV-Einnahmen erzielen nur mit anonymen Sportlern, wie einst der Segler Jacques Rogge einer war? Nein. Grundsätzlich gilt: Wir dürfen niemanden ausschließen, weil sein Sport kaum populär ist. Wir dürfen aber auch keinen ausschließen, nur weil er Geld verdient. Wir wollen die Besten. Sonst hätten wir bald ein Niveau des Anonymen erreicht. Anonyme Spiele mit Sportlern, die keiner kennt? Das kann es nicht sein, denn die Spiele müssen überleben. Ich bekenne mich dazu, dass Sportarten ausgetauscht werden sollten.Was passiert, wenn Sie in Singapur ein zweites Mal scheitern?Wenn nach einer Abstimmung unter den IOC-Mitgliedern alle 28 Sportarten im Programm bleiben, würde ich es nicht als Niederlage auffassen. In solchen Kategorien denke ich nicht. Es würde nur heißen: Diese Sportarten sind im Moment die beste Lösung. Viel wichtiger als dieses eine Wahlergebnis ist jedoch der Mechanismus, den wir herbeigeführt haben: Wir werden künftig alle vier Jahre die Sportarten kritisch überprüfen, innerhalb und außerhalb des Programms. Es wird also Veränderungen geben, jetzt oder später.War es ein taktischer Fehler von Ihnen, sich etwa für die Teilnahme des Golfers Tiger Woods auszusprechen?Sollen Profis, die die besten ihres Fachs sind, den Spielen fernbleiben, weil sie reich sind? Kein Woods, kein Ullrich, kein Bettini, keine Williams, kein Agassi? Ich sehe das ganz entspannt. Diese Diskussion hat man vor 25 Jahren erbittert geführt, als es um die Abschaffung des Amateurparagrafen ging. Heute sollte man ein bisschen weiter sein.Können Sie so mit den Präsidenten der kleinen Verbände diskutieren?Genau so rede ich mit ihnen. Ich kann es, weil ich dieselben Wurzeln habe. Das sind zu großen Teilen noch totale Amateursportarten, wie früher. Als Segler hatte ich selbst keine Zuschauer und habe nicht eine einzige Mark verdient. Das ist heute anders. Jochen Schümann zum Beispiel, gegen den ich damals noch selbst gesegelt bin, verdient jetzt eine Menge Geld. Aber wo ist das Problem? Ich habe sämtliche private Einnahmen in mein Hobby gesteckt. Erinnern Sie sich, was ich im Juli 2001 in Moskau nach meiner Wahl zum IOC-Präsidenten gesagt habe? Ich habe meiner Frau Anne gedankt, weil wir früher oft vor der Alternative standen, ein neues Kleid für sie zu kaufen oder ein Segel. Sie hat sich meistens für das Segel entschieden. Also, noch einmal, ich war immer ein reiner Amateur.Jetzt auch noch?Ich bekomme kein Gehalt. Ich arbeite unentgeltlich.Andere Präsidenten wie Joseph Blatter, Chef des Fußball-Weltverbandes, lassen sich fürstlich entlohnen.Der IOC-Präsident nicht. Das wird sich auch nicht ändern. Nur meine Reisekosten und die Unterkunft in Lausanne werden vom IOC beglichen, sonst nichts.Warum leben Sie eigentlich im Palace Hotel, wie einst Juan Antonio Samaranch? Warum leisten Sie sich keine Villa am Genfer See?Kennen Sie die Immobilienpreise in dieser Gegend? Es hat viele Vorteile, im Hotel zu leben, nicht nur finanzielle. Die Sicherheit ist dort ohne zusätzlichen Aufwand gewährleistet. Die Küche ist sehr gut, ich muss mich nicht an den Herd stellen, wenn ich nachts nach Hause komme. Das lernt man zu schätzen. Und, glauben Sie mir, denn ich habe alles ausrechnen und vergleichen lassen: Einen sehr guten Preis macht uns das Palace auch!Noch eine einfache Frage: Was ist eigentlich Sportpolitik?Es ist die Kunst, mit den vielen Aktionären der Olympischen Bewegung zu verhandeln. Ich muss die individuellen Interessen zusammenbringen von 202 Nationalen Olympischen Komitees, 35 Weltverbänden, sechs oder sieben großen TV-Konzernen, vier Olympia-Organisationskomitees, den IOC-Mitgliedern und 15 Sponsoren, die allesamt Global Player sind. Ich muss eine perfekte Balance schaffen. Niemand hat je gesagt, dass das ein leichter Job sei. Aber sonst würde ich es ja auch nicht machen.Und im Zentrum steht ein IOC-Präsident, der keinerlei Macht ausübt?Jetzt haben Sie mich erwischt. Okay, vielleicht können wir uns darauf einigen: Ein IOC-Präsident hat keine Macht, er hat nur Einfluss. Erinnern Sie sich, was Stalin einmal gefragt hat? Wie viele Divisionen hat der Papst? Er hat nicht begriffen, dass für den Papst nicht die Anzahl der Divisionen entscheidend ist, sondern der Einfluss, den er auf Menschen ausüben kann. Beim IOC-Präsidenten ist das ähnlich.Sie sind jetzt vier Jahre im Amt, die Hälfte Ihrer Wahlperiode. Es scheint, als hätten Sie in dieser Zeit viel Kraft und Spontaneität verloren. Sind Sie auch misstrauischer geworden?Ich bin nicht misstrauisch, aber ich bin auch nicht naiv. Habe ich Kraft verloren? Ich trainiere jeden Tag, ich lasse mich regelmäßig untersuchen. Ich bin ein Workaholic, ich glaube schon, dass noch genügend Dynamik vorhanden ist. So schnell kriegt man mich nicht klein. Wenn ich einen Verlust spüre in diesem Amt, dann ist es die Einschränkung meiner Bewegungs- und Redefreiheit. Ich bin jetzt eine öffentliche Person. Aber das lässt sich ertragen. Früher war ich nur für mich, heute bin ich für das IOC verantwortlich. Also muss ich vorsichtiger sein, so wie jeder Politiker oder jeder Vorstandschef eines Konzerns.Wie viele IOC-Mitglieder gibt es eigentlich noch? Man verliert ja angesichts der Abgänge leicht die Übersicht. Nach Korruptionsfällen haben sich zuletzt der Indonesier Mohamad Bob Hasan, der Japaner Yoshiaki Tsutsumi und gerade der Südkoreaner Kim Un Yong verabschiedet.Kim war jetzt der letzte Rücktritt. Nun müssten es exakt 116 Mitglieder sein. Da zähle ich allerdings noch den Bulgaren Iwan Slawkow mit, über dessen Verbleib wir ja erst in Singapur entscheiden werden.Es deutet sich neues Ungemach an im Zusammenhang mit den Prozessen gegen Manager des langjährigen IOC-Marketingpartners ISL. Es geht um Schwarzgeld, geheime Konten, dubiose Stiftungen und Bestechungsgelder in Millionenhöhe; mutmaßlich auch an Funktionäre aus dem Umfeld des IOC. Wie genau sind Sie darüber informiert?Wie jeder in dieser Branche habe ich die ISL-Krise aufmerksam verfolgt. Ich weiß, dass der Untersuchungsrichter seine Arbeit abgeschlossen hat und in einigen Monaten Prozesse beginnen sollen. Sie kennen mich gut genug, um meine Haltung einschätzen zu können. Ich sage: Wenn da schmutzige Wäsche zu waschen ist, soll es passieren. Dann soll die Wahrheit ans Licht gelangen, dann sollen die Richter ihr Urteil sprechen. Ich habe damit kein Problem. Ich würde das begrüßen. Das würde uns allen helfen.Erinnern Sie sich an den drastischen Vergleich, den Sie für derartige Aufklärungsarbeit mal gewählt haben?Klar, diese Aussage gilt noch immer. Insofern habe ich als Chirurg für die Sportpolitik gelernt, denn beim Kampf gegen die Korruption geht man nicht anders vor, als wenn man versucht, einen Abzess abzutöten: Man muss die Beule aufschneiden, den Eiter ausfließen und dann die Wunde austrocknen lassen.Das Gespräch führte Jens Weinreich.------------------------------Ritter SportJacques Rogge: Der 63 Jahre alte Belgier nahm als Finn-Dinghy-Segler dreimal an Olympischen Spielen teil (1968/72/76). Rogge, vom König zum Ritter geschlagen, war auch Landesmeister und Auswahlspieler im Rugby. IOC-Mitglied ist er seit 1991. Im Juli 2001 wurde er in Moskau zum achten Präsidenten in der Geschichte des IOC gewählt. Seine Amtszeit endet 2009, ein Wiederwahl für vier Jahre ist möglich.Sommerspiele 2012: Über den Ausrichter entscheidet die 117. IOC-Vollversammlung am 6. Juli 2005 in Singapur. Kandidaten: Paris, London, Madrid, New York und Moskau.Olympisches Programm: Am 8. Juli soll das IOC über den Verbleib der 28 Sportarten abstimmen. Als Nachrücker stehen bereit: Golf, Rugby, Squash, Karate, Inline-Skating.------------------------------"Ein IOC-Präsident hat keine Macht, er hat nur Einfluss." Jacques Rogge------------------------------Foto: Olympias Chirurg: "Beule aufschneiden, Eiter ausfließen und die Wunde austrocknen lassen", sagt Jacques Rogge.

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