Seit fünf Tagen geht das nun so. Jeden Tag kommen bis zu 150 irakische Jesiden an, die es auf der Flucht vor den IS-Truppen bis nach Diyarbakir geschafft haben. Sie stammen aus dem Umkreis von Sindschar und konnten auch dorthin nicht flüchten, weil die Stadt bereits zerstört ist. Manche Flüchtlingsfamilien kommen in eigenen Autos, andere laufen über die Grenze und werden dort von Verwandten oder Bekannten abgeholt.

Eine ältere Frau aus dem Umland von Sindschar beschreibt ihren Fluchtweg: „Wir sind über den Berg auf der einen Seite herauf- und auf der anderen Seite wieder herunter gelaufen. Dort wurden wir von Verwandten an der nordsyrischen Grenze in Rojava abgeholt. Die YPG (nordsyrische Kurdenmiliz, d. Red.) hat dort einen geschützten Korridor geöffnet, durch den wir wieder in die Autonome Republik Kurdistan gelangten und von dort in die Türkei.“

Alle Flüchtlinge haben Pässe und gehören der Mittelschicht an. Ihre Kleidung ist sauber, sie verlangen von den Helfern Auskunft darüber, wie sie am schnellsten an Mobilfunktelefone gelangen beziehungsweise an SIM-Karten, denn sie wollen Kontakt aufnehmen zu den Daheimgebliebenen, die nicht fliehen konnten.

Die Stadtverwaltung von Diyarbakir hat die jesidischen Flüchtlinge in einem Kulturzentrum untergebracht, das vormals eine Teppichfabrik war und nun Museum, Volkshochschule und Produktionsstätten für ein Frauenprojekt beherbergt. Zuvor lief dort eine Ausstellung mit dem Titel „Vergangenheitsbewältigung und Vergebung“. Kurzerhand hat man jetzt die Kunstwerke aus dem Museum verbannt und weiße Leinentücher zwischen die Wände gespannt, so dass immer Familien, die sich kennen, nebeneinander nächtigen können. Jeder Flüchtling, der nach seiner langen Reise Schutz in dem Gebäude sucht, muss unter einem Schild durch, auf dem riesengroß steht: Bir daha asla! Never again! Also: Nie wieder!

Spiele für Kinder

Die kurdische Verwaltung von Diyarbakir hat alle verfügbaren Mitarbeiter dazu abgestellt, sich um die Flüchtlinge zu kümmern. Regelmäßig sind Ärzte anwesend und untersuchen Verletzte und Schwangere. Für die Kinder werden auf der Freifläche vor dem Museum Spiele veranstaltet, für die Behinderten wird ein eigenes Programm zusammengestellt. Sie dürfen in die Produktionsstätten mit den Frauen gehen und dort beispielsweise Perlenketten basteln und Tee trinken.

Da es sich bei den Flüchtlingen um kurdischsprachige Menschen handelt, gibt es keine Verständigungsschwierigkeiten, weshalb die Jesiden gerne nach Diyarbakir oder ins nahe gelegene Batman flüchten. Wie lange sie bleiben dürfen, können oder werden, ist unklar. Im Moment ist die Verwaltung damit beschäftigt, Gebäude und Flächen zu finden, damit diejenigen Flüchtlinge, die nicht weiterreisen wollen, unterkommen. Derzeit ist es in Diyarbakir um die 45 Grad heiß, so dass die Menschen zur Not auch draußen schlafen können. Viele Flüchtlinge haben aber auch Verwandte in der Türkei oder in Europa. Sie nennen Holland oder Frankreich als mögliche Ziele. Zurück in den Irak möchte niemand.