Mit einem Konzert im Schloss Bellevue feierte die Deutsche Stiftung Musikleben vor wenigen Tagen 40-jähriges Jubiläum. Die Stiftung fördert bundesweit den hochbegabten Nachwuchs in der klassischen Musik und finanziert sich ausschließlich durch Spenden. Die Vorsitzende des Vorstandes, Irene Schulte-Hillen, erklärt, wie das funktioniert. Wie bewegt man Menschen in diesen Zeiten für einen guten, aber elitären Zweck zu spenden?Indem man systematisch Briefe schreibt und Kontakte herstellt. Aber vieles ist oft einfach auch Intuition. Es ist wichtig, dass man bei Firmen auf der Vorstandsebene einen findet, der ein generelles Interesse an klassischer Musik hat. Ständig denke ich darüber nach: Wie erschließen wir uns neue Kreise und Spender. Merken Sie, dass die Leute ihr Geld mehr zusammenhalten?Ja, und deshalb machen wir mehr Veranstaltungen. Schöne Konzerte, wie das vergangene Woche beim Bundespräsidenten sind da immer ganz besonders förderlich. Im letzten Jahr haben wir zwischen 40 und 50 Veranstaltungen organisiert. In der letzten Woche etwa waren wir in Essen in der Villa Hügel bei der Krupp-Stiftung. Die verleiht einen sehr angesehenen Förderpreis für junge Wissenschaftler. Eine sehr junge Cellistin von uns hat gespielt. Kontakte sind sehr wichtig. Wir haben aber Gott sei Dank viele langjährige Spender, die uns so verbunden sind, dass sie uns sagen, wir haben alles zurückgeschraubt, aber euch helfen wir noch. Was sind das für Spender?Das ist ganz unterschiedlich. Wir haben Spenden ab 5 Euro aufwärts. Die größte kommt in der Tat von der Bertelsmann AG. Damit ist unsere Geschäftsstelle finanziert. Wir haben eine ganze Zahl von Unternehmen, die uns Spenden geben, die schön sind, aber nicht riesig. Viele Menschen spenden uns auch privat. Da gibt es zum Beispiel eine junge Frau, die ist Journalistin und gibt uns jedes Jahr 10 000 Euro. Aus einem Grund, den wir nicht genau kennen, geht das dann an einen ganz bestimmten Pianisten, den sie fördern möchte, ohne dass es jemand wissen soll. Wir bauen aber auch Kooperationen mit reichen fördernden Stiftungen auf. Wie sehen die aus?Es gibt einige Stiftungen, die viel Kapital und daher einen großen Förderetat haben, ein eigenes Programm aber nicht betreiben wollen. Um von dort Zuwendungen zu erhalten, müssen aber aufwändigste Anträge gestellt werden. So haben wir zum Beispiel ein sehr schönes Verhältnis zur Krupp-Stiftung entwickelt. Wir können von der Zeit-Stiftung im Rahmen einer Drei-Jahres-Zusage Mittel abrufen, um ganz besonders hochbegabte Stipendiaten ins Ausland zu schicken. So können wir uns besonders in Zeiten von Wirtschaftskrisen etwas unabhängiger von Unternehmensspenden machen. Wie wäre es mit einem Musikleben-Ball?Eigentlich eine ganz hübsche Idee, aber vielleicht nicht ganz das Richtige für uns. Bei einem Ball liefen wir Gefahr, die Seriosität zu verlieren. Das würde auch nicht gut zu den jungen Leuten passen, die wir fördern. Und unser Thema ist natürlich auch nicht so eingängig. Nicht jeder, den wir zu einem Konzert mit jungen Musikern einladen, kommt mit Begeisterung herbeigeeilt.Ach, da gibt es auch bei den Spendern Berührungsängste?Sehr viele sind sehr begeistert, wenn sie mal dabei waren. Erst kürzlich hatten wir wieder das Erlebnis. Unsere Freunde waren eigentlich nur gekommen, weil wir ihnen gesagt haben, kommt doch wenigstens einmal. Und hinterher waren sie sehr angetan. Haben Sie mit Vorurteilen zu kämpfen?Es ist jetzt sieben Jahre her, da hatten wir mit der Stiftung eine Veranstaltung in einem Hamburger Theater. Gezeigt wurden auch einige Sketche. Ich saß im Publikum und sah, wie ein großes Schild mit der Aufschrift "Deutsche Stiftung Musikleben" über die Bühne getragen wurde und aus dem Off kam eine Stimme und sagte, "Achtung, jetzt kommt wieder Frau Schulte-Hillen mit ihrem dreijährigen Wundergeiger aus Winsen an der Luhe." Und alle lachten sich kaputt.Unangenehm .Ein wenig, denn bestätigt wurde natürlich genau das Vorurteil: Langeweile mit Klassik und von ihren Eltern und Lehrern gequälte Kinder, die schrecklich viel üben müssen und ein freudloses Dasein haben, indem sie anstrengende Stücke spielen und auf altersgemäße Freuden verzichten müssen.Ärgern Sie sich über solche Scherze?Na ja, ich versuche, mir das nicht anmerken zu lassen. Wir versuchen dem Image entgegenzuwirken mit unseren Veranstaltungen, indem wir zeigen, dass das nicht nur unglaublich begabte, sondern auch lebensfrohe junge Menschen sind, die meistens ein ziemlich ausgeprägtes Selbstbewusstsein haben. Da sind die meisten dann sehr überrascht. Über den Deutschen Instrumentenfonds stellen Sie den Jugendlichen wertvolle Streichinstrumente zur Verfügung, die Ihre Stiftung treuhänderisch verwaltet. Funktioniert das - eine Stradivari in der Hand eines Jugendlichen? Sogar sehr gut. Wir haben einen Wettbewerb mit unabhängigen und hochkarätigen Juroren. Ich wundere mich selbst immer wieder, dass die das alles ehrenamtlich machen. Einmal im Jahr gibt es den Wettbewerb, den wir dann immer auch ein bisschen als Familienfest der Stiftung zelebrieren. Und wer dann so ein kostbares Instrument zur Verfügung gestellt bekommt, der hütet das wie seinen Augapfel. Wir hatten nur ein einziges Mal eine sehr gute Geigerin, die etwas rumgeschlampt hat, aber da ist kein Schaden am Instrument entstanden. Die Allermeisten behandeln das Instrument wie ein rohes Ei.Sie selbst sind Sängerin. Was haben Sie für eine Ausbildung?Eine abgebrochene. Ich habe erst mal ein Brotstudium gemacht und Wirtschaftswissenschaften studiert. Aber Anfang der 70er-Jahre lebten wir in Spanien und da wurde eine Frau nicht eingestellt. Da habe ich mir dann gesagt, jetzt erfülle ich mir einen Lebenstraum, das Gesangsstudium aufgenommen und später in Hamburg fortgesetzt, bis schließlich das dritte Kind kam. Meine älteste Tochter habe ich früher immer zum Unterricht mitgenommen, das ging ganz gut, weil man viel Einzelunterricht hat. Da saß sie dann unter dem Flügel und spielte mit ihrem Puzzle.Und hat diese frühkindliche Förderung Folgen gehabt?In der Tat. Sie ist heute Volljuristin - und studiert nebenbei Musik. Mein älterer Sohn spielt in einer Grunge Rock Band, die bei uns im Keller haust. Meine andere Tochter spielt Klarinette und mein Jüngster arbeitet manchmal backstage im Bundesjugendorchester.Haben Sie eigentlich noch Genuss an banaler Ballmusik?Natürlich. Alles, wo es hingehört. Es kommt immer auf die Qualität an. Ein schöner Wiener Walzer ist doch etwas Herrliches. Vielleicht überlegen wir das noch mal: das Bundesjugendorchester auf dem Bundespresseball - das wäre vielleicht wirklich eine reizvolle Idee!Das Gespräch führte C. Dankbar.