Als Stewardess begrüßt Iris Hanika ihre Leser. Noch vor dem Titelblatt des neuen Buches "Musik für Flughäfen" lächelt sie uns auf einem ganzseitigen Foto an, unter einer Kappe mit geflügeltem Wappen, mit Halstuch, in gestreifter Bluse und dunklem Kostüm. Ihre Bücher - vor zwei Jahren erschien "Das Loch im Brot", gleichfalls mit einem Portraitfoto - haben das Persönliche, das uns glauben macht, die Autorin spreche aus ihrem Innersten, da will man sie auch sehen. Aber jetzt als Stewardess? Stewardess, das war der Traumberuf der fünfziger, sechziger Jahre (Iris Hanika wurde 1961 geboren). Damals gehörte der "Lufthansa-Cocktail" zu den Spirituosen, die auch die Dorfdrogerie am Niederrhein oder in Franken anbot. Flugreisen waren ein Versprechen und Stewardessen erst recht: schön, elegant und dazu fürsorglich. Stewardessen, so hieß es, heirateten rasch, natürlich nur wohlhabende Männer.Es war eine geheimnisvolle Welt, die des Luftverkehr. Dass hinter den Bergen sich etwas Anderes, Großes zeige, galt als ausgemacht. Die Allgemeine Reiserei hat uns ernüchtert, auch Hanika weiß das. Hat der Reisende sich erst einmal eingewöhnt, wird er "feststellen, daß er ebendasselbe Leben führt wie einst, zwar mit einigen kleinen Abweichungen, aber im großen und ganzen ist es doch dasselbe Leben." Aber was heißt das? "Es könnte sein, daß der Reisende, wenn er bei diesen Fragen angekommen ist, zu seiner nächsten Reise aufbricht."Gerade hat die Autorin diesen Widersinn beschrieben, da beginnt sie das neue, titelgebende Kapitel mit dem Satz: "Da kommt die Sehnsucht mit ihren riesenroten Boxhandschuhen und schlägt mich nieder mit zwei oder drei Geraden direkt ins aufgequollene Herz". Diesmal ist es die Sehnsucht nach dem Geliebten. Auch im Geschlechterverhältnis kann man viel Ernüchterndes wissen, ohne deswegen klug zu werden. Mann oder Frau zu sein, das ist für Hanika das "erste, was den Menschen ausmacht, ... auf jeden Fall ist es fatal". Wir, das großstädtische, leidlich ausgebildete, nicht so recht im Leben arretierte Volk, wir können der Liebe nicht entgehen und wollen es auch nicht. Formen dafür aber stehen nicht mehr zur Verfügung. Das ist ein Unglück, das wir durchschauen. "Praktisch kam mir die Verzweiflung irgendwann blöd vor und dann gleich abhanden." Und trotzdem kann die Berichterstatterin im Bett liegen, mit einem Herzen wie "zertreten", hechelnd, schluchzend, und sagen: "Meine Seele flog davon", wie bei Eichendorff und Schumann. Spannt nicht auch das Wappen auf dem Stewardessen-Hütchen weit seine Flügel aus?Musik für Flughäfen ist ein romantisches Buch. Die Stewardess, ganz wie der Ritter auf den Zinnen, wird beschworen aus der Sehnsucht, die prosaische Gegenwart zu überwinden. Und romantisch ist Hanikas ironisches Bewusstsein der Lage. Die Liebe und der Wunsch nach ihr entzünden sich nicht einfach im Leben. Sie sind Projekte, bedacht (wenn auch nicht gut durchgeführt) und aufmerksam beobachtet. "Ich wollte Liebe in meinem Leben, und weil ich keinen Mann fand, den ich hätte lieben können, gleichzeitig aber glaubte, ohne Liebe nicht sein zu können, habe ich mir immer welche gesucht, mit denen ich Liebe spielte."Das führt nicht zu einem Roman mit seiner gesellschaftlichen Reichhaltigkeit, die erst in der Beharrlichkeit sich entwickeln kann. Es führt auch nicht zu Erzählungen, deren Fluss auf Kontur oder Pointe hinausginge. Es rettet sich in "Kurze Texte", essayistische Berichten von Großstadtbewohnern, die gerade aus der Jugend herausgewachsen sind, und feststellen, dass sie der Experimentalphase ihres Lebens keine Ergebnisse abgewinnen konnten.Nicht alles in der "Musik für Flughäfen" ist gelungen. Gerade zu Anfang gibt es Abschnitte, in denen die Autorin die wirklich schönen Möglichkeiten ihrer Prosa durch einen allgemeinen Weltschmerz spazierenführt. Dabei ist die ihre Stärke die Genauigkeit, mit der sie die habituelle Disproportion zwischen ihren Figuren und dem Leben beobachtet. Ihre Paare bleiben nicht zusammen, oft kommen sie nicht einmal zueinander. Dann tauschen sie gerade mal Visitenkarten. Das ist nicht viel, aber ihnen schon ein Trost, denn "in beider Herzen war ein Butterflöckchen gefallen." So mild und klar schreibt Iris Hanika.------------------------------Foto: Iris Hanika:Musik für Flughäfen. Kurze Texte. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005. (es 2404) 124 S., 8,50 Euro.