So richtig kann Irmgard von Stephani den Wirbel um ihre Person nicht verstehen. Die kleine Dame in schicker, türkisfarbener Bluse und schwarzem Rock feierte gestern im Park-Café in Lichterfelde ihren 111. Geburtstag. Doch auf die Frage, ob sie stolz darauf sei, dass sie so alt geworden ist, sagte sie nur trocken: "Ich kann es nicht ändern."Dabei ist nicht nur die Schnapszahl bemerkenswert, Irmgard von Stephani gilt seit Juli 2005 auch als ältester Mensch, der in Deutschland lebt. Und sie ist noch so fit, dass sie alleine in ihrer Wohnung in Lankwitz wohnt. Dort kümmern sich Diakonie-Schwestern viermal täglich um sie. Die alte Dame hat auch noch nie einen Gehstock benutzt, wie ihr Arzt Friedrich-Adolf Hemmerling verrät, lieber nimmt sie einen Regenschirm oder lässt sich wie gestern von ihren Bekannten stützen. Die Stufen zum Park-Café, wo sie seit elf Jahren ihren Geburtstag feiert, meisterte sie ohne große Schwierigkeiten. Die Jubilarin klagte nur darüber, dass ihre Augen und Ohren nachlassen.Nach ihrem Erfolgsrezept befragt, antwortete die alte Frau: "Ein solides Leben." Von übermäßigem Zigaretten- und Alkoholkonsum halte sie nichts, sagte ihre Pflegerin, dafür genehmige sie sich jeden zweiten Tag ein Stück Torte, ab und zu ein Stück Wurst, ohne Brot. Ihr Arzt berichtete, Irmgard von Stephani habe eine bewundernswerte Disziplin, achte sehr auf sich und ihr Äußeres und sei so lange sie konnte viel gereist. Noch mit 100 Jahren habe sie eine Kur gemacht. Sie habe Glück gehabt und musste nach dem Krieg nicht als Trümmerfrau arbeiten. Stattdessen war die adelige Dame lange Zeit als Gesellschafterin in einem Lankwitzer Arzthaushalt tätig.Irmgard von Stephani, die 1895 als Tochter eines Beamten in Kassel geboren wurde und 1915 nach Berlin kam, hat drei Jahrhunderte erlebt. Wann war in ihrem langen Leben die schönste Zeit? "Darüber habe ich noch nicht nachgedacht", sagte sie gestern und wunderte sich darüber, dass Reporter so etwas wissen wollen.Die 111-Jährige hat kaum noch Verwandtschaft. Ihre Mutter starb schon sehr früh, der Vater als sie elf Jahre alt war. Auch ihre Schwester und ihr Bruder sind schon lange tot. Da sie nie verheiratet war und keine Kinder hat, gibt es nur noch zwei Verwandte: einen Neffen sowie ihren Großneffen Wolf von Stephani. Letzterer ist 71 Jahre alt und hat seine Großtante erst vor 20 Jahren kennengelernt. Er weiß einiges aus ihrem Leben. Dass sie nicht heiratete, erklärte er gestern damit, dass es nach dem Ersten Weltkrieg kaum mehr Männer gegeben habe. Er beschrieb die alte Dame mit den strahlend blauen Augen als "preußisch". Sie lege Wert auf Etikette und das "von" in ihrem Namen. Das stamme nämlich von einem Herrn, der Erzieher des ersten preußischen Königs gewesen sei.Eine Bekannte von Irmgard von Stephani erzählte, die alte Dame sei manchmal ein bisschen traurig, dass sie als einzige übrig geblieben sei. Neben ihrem Großneffen begrüßte die Jubilarin an ihrem Geburtstag Rolf Tischer, den Pfarrer, der sie seit sechs Jahren betreut, ihren Arzt, Nachbarinnen und Bekannte. Auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit kam zur Feier. Er überreichte ihr "was für die Schönheit", worauf Irmgard von Stephani entgegnete, das mache sie dann lieber nicht in der Öffentlichkeit auf. Pfarrer Tischer ist eigentlich gar nicht für die Gegend zuständig, in der die alte Dame lebt, aber sie habe sich einen Mann als Betreuer gewünscht, erzählte er. "Frauen als Pfarrer passen nicht in ihr Weltbild."Mit dem Inhaber des Park-Cafés, wo sie so gerne feiert, hat Irmgard von Stephani übrigens eine Gemeinsamkeit: Fred Leistner feiert seinen Geburtstag am selben Tag. Der Gastronom wurde allerdings erst 59.------------------------------Foto: Eine Rose für die Jubilarin: Pfarrer Rolf Tischer gratulierte Irmgard von Stephani gestern zu ihrem 111. Geburtstag.