In der Ruinenstadt Palmyra, um die antiken Stätten von Ebla, Apamea, Karkemisch oder Rakka reiht sich Erdloch an Erdloch. Dort sind seit Monaten Raubgräber am Werk, die den Boden nach antiken Objekten durchwühlen, zum Teil mit hochmodernem Gerät. In den Tempelanlagen und Resten assyrischer, babylonischer und byzantinischer Herrscher werden Stücke aus Wandfriesen herausgebrochen, Statuen die Köpfe abgeschlagen, Mosaiken großflächig aus dem Boden geschnitten.

Syrien wie der Irak gehören zum alten Kulturkreis Mesopotamien, die Anfänge dieser Kultur reichen tausende Jahre zurück. Und alle Völker, die dort herrschten, haben ihre Zeugnisse hinterlassen: Sumerer, Babylonier, Assyrer. Unter jedem Hügel in der flachen Landschaft befinde sich, so heißt es unter Archäologen, ein Tempel, ein Palast, die Grabstätte eines Königs.

Es gibt also reichlich Material zum Plündern, was denn auch in großem Maßstab und mit System stattfindet: In den Gebieten, die die Terrormiliz Islamischer Staat in Syrien und im Irak kontrolliert, wird das Kulturerbe systematisch geplündert. Offiziell propagiert die IS-Führung zwar die Rückkehr zum Ur-Islam und verdammt jegliche bildliche Darstellung als Götzendienst. Auf ihren eigenen Webseiten sind nur Islamisten zu sehen, die zum Beispiel assyrische Fabelwesen mit dem Hammer oder mit Granaten pulverisieren.

Seit Anfang 2011 einschlägig aktiv

Doch die meisten Objekte, die aus Museen, Tempeln und Raubgrabungen stammen, werden von IS-Milizionären aufgekauft und an global operierende Händler abgegeben, die sie auf dem internationalen Kunstmarkt anbieten. Abnehmer sind Sammler in Europa, inzwischen auch in China und seit einigen Jahren zunehmend in den Golfstaaten. Von den Einnahmen auf dem illegalen Kunstmarkt beanspruche die IS-Miliz 50 Prozent, berichtet die Süddeutsche Zeitung.

Mit dem Erlös aus dem illegalen Handel hat der Islamische Staat seinen Aufstieg finanziert, er ist nach Angaben von Geheimdiensten zur Haupteinnahmequelle der Terrormiliz geworden. Mit dem Geld werden die IS-Kämpfer bezahlt und Waffen gekauft.

Schon im Juni hatte der britische Guardian berichtet, dass irakischen Geheimdienstlern kurz vor der Einnahme der irakischen Stadt Mossul ein IS-Mitglied und hunderte Computersticks samt Informationen über den IS in die Hände gefallen waren. Daraus ging hervor, dass der IS (noch unter anderem Namen und eine von vielen Rebellengruppen) seit Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges im März 2011 im Antikenschmuggel tätig ist. Allein mit Objekten, die in den Qualamoun-Bergen westlich von Damaskus gefunden und vom IS verkauft worden waren, soll die Gruppe 36 Millionen Dollar eingenommen haben.

Mittlerweile kontrolliere der IS schon 2 400 archäologische Stätten – und anders als nach der US-Invasion im Irak 2003 und dem Anstieg der Raubgrabungen dort, beschäftigen sich derzeit Dutzende Geheimdienstler, Archäologen und Journalisten sowie Organisationen wie die Unesco und Interpol mit den Plünderungen in Syrien und im Irak sowie mit den Handelsnetzwerken der IS-Terrormiliz.

Straffristen für illegal gehandeltes Kulturgut

Die meisten Objekte werden über die türkische oder libanesische Grenze geschmuggelt. Von dort gelangen sie weiter per Schiff, im Flugzeug per Diplomatengepäck oder über Land. In Europa würde ein großer Teil, so vermuten Kunstexperten, in Lagerhäusern gehortet, bis dort Straffristen für illegal gehandeltes Kulturgut abgelaufen sind. In Auktionshäusern werden sie mit einem vagen oder falschen Herkunftsnachweis wie „aus Privatbesitz“ oder „Mesopotamien“ oder „Nahost“ versteigert.

Man solle nicht versuchen, den Handel per Gesetz zu reglementieren, so der Archäologe und Kunstraub-Experte, Michael Müller-Karpe. Der Handel müsse gänzlich verboten werden. Denn nur wenn es Abnehmer gebe, bestehe der Anreiz, nach Objekten zu graben.