Wenn seine Kämpfer mit Damaskus und Bagdad fertig seien, sei Istanbul das nächste Ziel, sagte kürzlich ein Kommandeur der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Spätestens da musste die türkische Regierung erkennen, dass auch die Gefahr für die Türkei beträchtlich wächst. Viel zu lange hat Ankara die Augen vor der Bedrohung verschlossen, die von den Radikalislamisten für das Nato-Mitgliedsland ausgeht. Der neue Regierungschef Ahmet Davutoglu hat es daher als eine seiner dringlichsten Aufgaben bezeichnet, die 911 Kilometer lange Grenze zu Syrien so stark abzuriegeln, dass die IS-Miliz keine Kämpfer und keinen Nachschub mehr aus dieser Richtung beziehen kann.

Die Einsicht ist richtig, aber sie kommt zu spät. Allerdings fanden der seit 2012 anhaltende Vormarsch der Dschihadisten und ihre Gräueltaten in Syrien lange auch im Westen kein Echo. Der Blitzkrieg der Miliz im Irak Anfang Juni hat Europa und die USA plötzlich aufgeschreckt. Wie konnten die selbst ernannten Gotteskrieger so schnell so stark werden? Wer sind ihre Hintermänner, wer finanziert sie? Umgehend geriet die Türkei ins Visier. Ankara wurde vorgeworfen, durch eine Politik des Laissez-faire den Islamisten den Aufstieg erst ermöglicht zu haben. Die türkische Regierung erwiderte, dass London, Paris oder Berlin viel zu wenig Namen übermittelten, um effektiv handeln zu können; wie habe man feststellen sollen, wer mehr und wer weniger radikal sei?

Tatsächlich haben auch westliche Geheimdienste die Gefahr viel zu lange ignoriert. Eine Syrien-Strategie gab es nie. Ankara dagegen bezog schon 2011 Position, nachdem der syrische Diktator Baschar al-Assad auf Demonstranten schießen ließ. Die Regierung von Recep Tayyip Erdogan unterstützte die zivile syrische Exil-Opposition und half seit dem Beginn des Bürgerkriegs auch den bewaffneten Rebellen, indem sie ihnen Rückzugsräume öffnete. Solange sie nur dem Assad-Regime schadeten, wurden dabei keine Unterschiede gemacht. Deshalb ließ Ankara zu, dass Tausende Freiwillige über die Türkei nach Syrien reisten. Zudem glaubte die Regierung, sie könne diese Gruppen kontrollieren. So wurden Istanbul und Antalya zu den wichtigsten Relaisstationen auf der „Dschihadisten-Autobahn“ nach Syrien.

Mit den Kämpfern kamen die Waffen

Wie naiv diese Einschätzung war, bewies der verheerende Anschlag von Reyhanli im vergangenen Jahr. Zwei Autobomben, die vermutlich von Islamisten der Al-Kaida-nahen Al-Nusra-Front gezündet wurden, töteten 51 Menschen. In der Folge wurden zwar die Kontrollen verschärft. 2013 verweigerte die Türkei nach Regierungsangaben rund 4000 Verdächtigen die Einreise ins Land und wies etwa tausend einschlägig bekannte Personen aus. Doch mit den Kämpfern kamen auch die Waffen, die die türkische Regierung weiterhin passieren ließ.

Hätte die Türkei im Kampf gegen Assad ihre Grenzen nach Syrien nicht weit offen gehalten, wären nicht so viele Kämpfer zum IS gestoßen und nicht so viele Waffen in das Land gelangt. Ein IS-Kommandeur sagte kürzlich der Washington Post, dass selbst Anführer der Miliz in türkischen Krankenhäusern behandelt worden seien. Keine Frage: Der IS wäre ohne das türkische Hinterland vermutlich nie stark genug geworden, um die irakische Metropole Mossul zu erobern, um zahllose moderne Waffensysteme zu erbeuten und sich jetzt gegen den einstigen Wohltäter zu wenden.

Scharf weisen Sprecher der türkischen Regierung jedoch den Vorwurf zurück, es habe eine Zusammenarbeit mit IS gegeben. Schließlich betrachtete Ankara die Truppe – mit gewissem Recht – als einen Verbündeten des Assad-Regimes. Immerhin kämpfte IS gegen die moderaten Aufständischen in Syrien. Tatsächlich hatte die Türkei von Anfang an Probleme mit dem Erstarken des IS, denn diese Miliz ließ sich noch weniger kontrollieren als andere Gruppen. Trotzdem kam es zu einer fatalen Fehleinschätzung, als die Dschihadisten vor Mossul standen. Man hielt die Beschäftigten des türkischen Konsulats für sicher. Niemand ergriff die Flucht. Dadurch gerieten alle 49 Mitarbeiter und mit ihnen der türkische Staat in die Geiselhaft der Islamisten.

Damit verschärft sich das strategische Dilemma Ankaras zwischen Unterstützung der moderaten syrischen Rebellen und der Abwehr von IS. Um das Leben der Geiseln nicht zu gefährden, ist die Türkei im Konflikt mit den IS-Milizen derzeit nicht mehr handlungsfähig. Der Nato-Partner und wichtigste Puffer des Westens gegen die Miliz ist erpressbar. Es wird Zeit, dass der Westen sich der Gefahr bewusst wird und enger mit der Türkei zusammenrückt.