Einen Tag vor dem Gespräch ruft ihre Assistentin Juliette an und sagt, dass Isabel Allende krank sei. "Sie ist total erkältet, hat eine rote Nase und denkt, dass sie schrecklich aussieht. Sie wird mit Ihnen sprechen, aber kommen Sie bitte nicht mit einem Fotografen." Super Auftakt, denke ich, fühle mich schuldig, einen leidenden Menschen vors Aufnahmegerät zu zerren, überlege, das Interview von mir aus abzusagen, fahre am nächsten Tag doch zum verabredeten Termin und beginne zu suchen.Die angegebene Hausnummer gibt es nicht, Nummern an anderen Türen sind auch rar. Schließlich rufe ich Juliette an, die dann vor genau dem Haus steht, an dem ich schon dreimal vorbeigelaufen bin. Es ist ein warmer Mittag, die Sonne scheint, und die ersten Frühlingstouristen schlendern durch Sausalito, einen idyllischen Ort an der Bucht mit Sicht auf San Francisco. In dem großzügigen, mit Holz verkleideten Bau an einer der Hauptstraßen ist die Isabel-Allende-Stiftung untergebracht, außerdem residiert William Gordon hier mit seiner Anwaltskanzlei, Allendes Ehemann, den alle nur als Willie kennen. Doch auch sein Praxisschild sieht man erst, wenn man bereits auf der seitlichen Veranda vor der Eingangstür steht. Später wird mir bewusst, dass sowohl die Warnung vor ihrem Aussehen wie auch das Verstecken zu einer Art Allende-Schutz-Programm gehören.Ein paar Minuten dauert es noch, sagt Juliette. Kein Problem. Wer wartet nicht gern in Gegenwart von Antonio Banderas, der auf einem Plakat in der Eingangshalle in heldenhafter Pose Jennifer Connelly im Arm hält? "Sie haben bestimmt noch nichts im Magen, wir sind gerade fertig, bitte essen Sie auch was", sagt Allende, die plötzlich dasteht, fabelhaft aussieht und mir so herzlich die Hand schüttelt, dass ich tatsächlich einen Moment überlege, ob ich in Gegenwart einer weltbekannten Autorin selbstgekochte Linsensuppe essen darf. Verworfen. Stattdessen gibt es grünen Tee mit Plätzchen. In dem großen dunklen Regal in dem Wohn-Ess-Zimmer stehen Dutzende Ausgaben ihrer Bücher, die meisten von ihnen internationale Bestseller. Gerade ist ihr neues Buch in den Vereinigten Staaten erschienen, "The sum of our days", die Summe unserer Tage, ihre Lebenserinnerungen aus der Zeit, nachdem ihre Tochter Paula gestorben ist. "Schon wieder", hat ihre Mutter kommentiert. "Tochter, warum musst du allen erzählen, was privat ist? Was ist dein Problem?"Schon in "Paula", dem Buch, in dem sie sich mit dem Sterben ihrer 28-jährigen Tochter auseinander setzt, die aus einem Koma nicht mehr erwacht, erzählt Allende mit einer verblüffenden Offenheit aus ihrem Leben. Vom neuen Buch hat sie ihrer Mutter lange nichts berichtet. "Doch was soll ich machen?", fragt sie, "ich bin Geschichtenerzählerin, Erzählerinnen schreiben Geschichten, und unsere Familie ist voller Geschichten."Mit dieser Faszination für ihre eigene Dynastie, ihren Menschen und Geheimnissen hat Isabel Allendes Karriere begonnen. Und mit der Liebe zu ihrem Großvater. Nach dem Sturz ihres Onkels, des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende, geht sie ins Exil nach Venezuela und hört dort nach Jahren, dass ihr Großvater in Chile im Sterben liegt. In ihrem Schmerz, nicht bei ihm sein zu können, beginnt sie, Briefe an ihn zu schreiben, in denen sie das Leben ihrer Vorfahren, besonders das ihrer Großeltern, reflektiert. "Das Geisterhaus", 1982 veröffentlicht, wurde ein Welterfolg. Als es erschien, war Isabel Allende fast vierzig und hatte bis dahin als Lehrerin, Moderatorin und Journalistin gearbeitet. "Es ist weitaus angenehmer, Schriftstellerin zu sein", hat sie später in einer Lesung gesagt, "als Journalistin ist man der Wahrheit verpflichtet und dokumentiert, als Schriftstellerin ist man frei zu schreiben, was man will."Solche Sätze wirft sie oft flapsig dahin, sie vermitteln ein Bild der Leichtigkeit, vielleicht sogar Unsolidität. Ein Eindruck, der auf merkwürdige Weise kontrastiert mit dem Bild, das sich in diesem Gespräch formt. Sie erzählt, wie strikt sie als Schreiberin mit sich selbst ist. Jeden Morgen steht sie um sechs Uhr auf - "wenn ich länger liegen bleibe, flüstert eine innere Stimme mir zu, was für ein Faulpelz ich bin" - trinkt ihren Tee und geht die paar Schritte zu ihrem kleinen Gartenhaus, in dem sie seit Jahren arbeitet. Ohne Telefon, ohne Fax, ohne Email. Mindestens zehn Stunden am Tag. Zum Glück, sagt sie, habe sie Disziplin von ihrem Großvater gelernt. Dazu gehört auch, dass sie jeden Morgen Make-Up auflegt und sich anzieht, als gehe sie ins Büro. "Ich will nicht als Frau enden, die ihre Tage im Morgenmantel verbringt, mit Lockenwicklern in den Haaren." Auf diese Weise hat sie sechzehn Bücher in die Welt gesetzt, jedes am 8. Januar begonnen, weil sie ihr erstes an diesem Datum angefangen und ihr das Glück gebracht hat. Und offensichtlich weiterhin bringt.In vielen Ländern, auch in Deutschland, gehört Isabel Allende zu den beliebtesten Schriftstellerinnen. Täglich erreichen sie zwischen zehn bis fünfzehn Briefe ihrer Fans, die sie alle beantwortet. Abends nach dem Essen, wenn Willie die Aktienkurse in den Nachrichten verfolgt, setzt sie sich hin und legt die zweite Schicht ein. "Durch die Briefe weiß ich am besten, wer meine Leser sind", sagt sie, "hauptsächlich junge Frauen, zunehmend auch junge Männer und ältere Frauen." Merkwürdigerweise, sagt sie, würden ihre Leser immer jünger, je älter sie werde. Offensichtlich reagierten Menschen auf Old-Fashioned-Geschichten heute besser als früher.Man kann als Schriftstellerin nicht soviel falsch gemacht haben, wenn man in zwanzig Jahren vierzig Millionen Bücher verkauft. Doch von der Kritik ist ein späteres Werk nie wieder so enthusiastisch aufgenommen worden wie das "Geisterhaus". Ausgerechnet in ihrer Heimat Chile haben Kritiker noch nie ein einziges gutes Haar an ihr gelassen. "Sie hassen mich", sagt sie, "genau wie die anderen chilenischen Schriftsteller - ich nenne sie die heiligen Kühe - mich hassen, weil ich Erfolg habe." Sie sagt, das störe sie nicht weiter. Das sagen alle Autoren, die nicht gut besprochen werden, sich aber verkaufen. Und man fragt sich, wie sehr es sie in Wirklichkeit schmerzt. Auf den Bestsellerlisten zu stehen, aber von Kollegen nicht anerkannt zu sein in dem Land, für dessen Demokratie sie zu manchen Zeiten das Risiko zu sterben eingegangen ist. 1994 hat zumindest der Staat sie mit der bedeutendsten kulturellen Auszeichnung, dem Gabriela-Mistral-Preis geehrt. Und die chilenische Bevölkerung liebt sie zum Ausgleich so sehr, dass sie, wenn sie ihre Mutter und ihren Stiefvater in Santiago besucht, spätestens nach zwei Wochen zurück nach Kalifornien will. "Ich habe dort in der Öffentlichkeit keine Sekunde Privatheit." Wenn sie Restaurants betritt, erheben sich die Gäste und applaudieren, kommen an ihren Tisch, umarmen sie, Taxifahrer befördern sie kostenlos und ist ein neues Buch erschienen, tauchen einige Tage später erste Raubkopien auf den chilenischen Märkten auf. Sie lacht, während sie das erzählt. "Ich sollte wütend sein, schließlich mindert das mein Einkommen, doch ich freue mich einfach, dass die Menschen es sich auf diese Weise leisten können."Chile ist ihre Heimat geblieben, ihre innerste, private Heimat, und Spanisch ihre Sprache, die Sprache, in der sie ihre Bücher schreibt, in der sie denkt, träumt und liebt. In den Vereinigten Staaten fühlt sie sich immer noch wie eine Fremde, "auch wenn ich das Land liebe und mich sehr wohl fühle, doch ich habe keine Wurzeln hier". Immerhin hat sie mittlerweile ihren gesamten Stamm, wie sie ihre geborene und gewählte Familie nennt, nach Kalifornien geholt. Und sie ist amerikanische Staatsbürgerin geworden, eine engagierte, wie man es sich bei ihrem Sprachtalent vorstellt. Die Bush-Regierung hält sie für die "mieseste Regierung, die dieses Land je hatte", und natürlich wird sie einen Demokraten wählen, egal, wer der Kandidat oder die Kandidatin sein wird, "solange es nur keinen anderen Republikaner im Weißen Haus gibt, wird es besser werden". Ja, es gehe ihr um den Irak. Doch ihr machen auch die evangelikalen Fundamentalisten Angst, die unter einer weiteren Legislaturperiode das Land verändern könnten. Jeden Monat steigt die Zahl der Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichten, weil die nichts über Darwin lernen sollen, sagt sie. Wohin soll so etwas eine Gesellschaft führen?Sie hat Angst vor jeder Art von Fundamentalismus, auch vor dem islamischen, und doch weiß sie, dass Demokratie und Freiheit und Sicherheit sich nicht importieren lassen. Tibet nennt sie das spirituelle Zentrum der Welt, und dass nun der Rest davon zerstört und von den westlichen Mächten der olympischen Idee geopfert werde, macht sie krank.Ähnliche Äußerungen hört man ständig hier. Neben New York ist die Bay Area der liberalste Flecken des Landes. Mehr als drei Viertel der Bürger haben bei der letzten Wahl gegen Bush gestimmt, sogar Hillary Clinton gilt vielen als rechts. Statements für Menschenrechte, die Gleichheit homosexueller Lebensbeziehungen und die Umwelt machen sich selbst auf Dinnerpartys von Konservativen gut. Vielleicht hören sich die Worte bei Isabel Allende anders an, weil man daran denkt, dass sie Menschen, die für die Freiheit gekämpft haben und dafür von Pinochets Schergen verfolgt wurden, Schutz geboten hat. Ohne zu überlegen und ohne Rücksicht auf eigene Interessen. Oder weil einem ein weit zurückliegendes Ereignis einfällt. Damals bemühte sich die kleine Amnesty International Gruppe in Bremen um Sachspenden für eine Auktion. Jemand kam auf die Idee, die berühmte Isabel Allende um signierte Bücher zu bitten, die man für den guten Zweck versteigern könnte. Es erstaunte die Gruppe zutiefst, dass kurze Zeit später das erbetene Bücherpaket eintraf. "Wir hatten nicht damit gerechnet, wir waren Absagen selbst von Leuten gewohnt, die in Talkshows für Menschenrechte predigten", erinnert sich der damalige Bezirkssprecher. "Für Allende schien es selbstverständlich."In ihren jungen Jahren gehörte sie zu den führenden Feministinnen in Chile, immer noch, sagt sie, sei ihr nichts so wichtig wie der Kampf für die Gleichheit der Geschlechter. In ihren Romanen sind die Protagonistinnen häufig starke Frauen. Zuletzt hat sie in "Ines meine Seele" der historischen Figur der Chile-Eroberin Ines Suarez ein Denkmal gesetzt. Sie bewundert Frauen wie Ines, die sich gegen den ihnen zugeordneten Platz in der Gesellschaft stellen, sich wehren. Sie selbst rebellierte als Kind diskret, offene Gefühlsausbrüche wurden in der großbürgerlichen Familie als indiskutabel angesehen. Schlechter Stil. "Doch noch bevor ich es einordnen konnte, wusste ich, dass ich weniger Rechte als meine Brüder hatte, und ich fand das nicht fair." Die Kirche hat sie als 15-Jährige verlassen. "Das hätte ich einfach nicht mehr ausgehalten", sagt sie, "weiterhin einer Organisation anzugehören, die von Männern für Männer gemacht ist." Das Buch, an dem sie gerade schreibt, beschäftigt sich mit Sklaverei. "Wussten Sie, dass es immer noch siebenundzwanzig Millionen Sklaven auf der Welt gibt?", fragt sie, "die meisten von ihnen sind Frauen und Mädchen, die für Zwangsarbeit, Prostitution und Zwangsehen verkauft werden. Wie kann ich davon nicht berührt sein? Jede Frau mit Bildung ist verpflichtet, ihren Schwestern zu helfen, mehr Macht über ihr eigenes Leben zu bekommen." Sie nennt diese Hilfe "die Mission meines Lebens". Mit ihrer Stiftung unterstützt sie Organisationen, die sich um eine bessere Bildung, soziale Stellung und Gesundheit von Frauen in der Bay Area und Chile bemühen. Sie hat die Stiftung ihrer Tochter gewidmet und mit einem ordentlichen Betrag das finanzielle Fundament geschaffen. "Ich wollte keinen Cent mit dem Buch 'Paula' verdienen und habe alles hier reingesteckt. Niemand sollte sagen können, ich hätte aus dem Sterben meines Kindes Profit gemacht."Oben im zweiten Stock sitzt Allendes Schwiegertochter Lori, die Verwaltungschefin der Stiftung, in einem hellen Büro, umringt von Bergen von Papieren und mit einem herrlichen Blick auf die Bucht. Allende umarmt sie, fragt, wie es geht. "Wunderbar", sagt Lori, eine schwarzgelockte, überschlanke Schönheit. Allende hat sie selbst für ihren Sohn Nico ausgesucht, gemeinsam mit einer Freundin. Nach der Trennung von seiner ersten Frau schien er nur noch an seinen drei Kindern interessiert. Bis seine Mutter entschied, dass Nico für ein enthaltsames Leben zu jung sei.Wenn Isabel Allende von dieser Zeit erzählt, kann man sich vorstellen, dass es therapeutischer Sitzungen bedurfte, um gewisse Mutter-Kind-Grenzen zu ziehen. Das war spätestens klar, als Allende eines Tages in das benachbarte Haus von Nico und Lori spazierte und ein Tischtuch in den Müll warf, um es durch ein neues zu ersetzen. Das alte war ein Erbstück von Loris geliebter Großmutter gewesen. Wenig später gab Allende die Schlüssel für das Haus ihres Sohnes ab.Manche solcher Geschichten schildert sie auch in ihrem neuen Buch. Lori scheint einem vertraut, man weiß von ihrer Unfruchtbarkeit, ihren Depressionen darüber. Und über Juliette, die unten telefoniert und nicht verwandt, aber mitsamt ihren zwei Söhnen von Allende gefühlsadoptiert worden ist, hat man nicht nur erfahren, dass sie sehr früh ihren Mann verloren hat, sondern hat auch verfolgt, wie sie von einem fiesen Millionär aus Los Angeles psychisch ausgebeutet wurde.Es hat eine große Diskussion gegeben mit der ganzen Familie, als Allende "The sum of our days" beendet hatte. "Alle kamen und sagten, so ist es doch gar nicht gewesen, es ist so gewesen. Und jeder hatte seine eigene Version." Nach der Veröffentlichung von "Paula" hat ihr Stiefvater ihr gesagt, dass sie schlicht und einfach lüge. Sie sagt, sie schreibe die Wahrheit. Ihre Wahrheit. Es geht einem die Schilderung in "Paula" durch den Kopf, in der sie beschreibt, wie ein Fischer sie als Achtjährige sexuell missbraucht, bis er zum Höhepunkt kommt, und fühlt sofort wieder das Unbehagen, das sich einstellte, als man diese Zeilen das erste Mal las und die Zärtlichkeit, das Verständnis für den Mann zwischen den Zeilen. Hat sie das wirklich so empfunden?"Ja, es sind die Gefühle, die ich gefühlt habe", sagt sie, "es ist meine Geschichte. Doch natürlich habe ich auch das Bewusstsein der Schriftstellerin. Ich frage mich, was ist interessant? Wie kann ich erzählen, dass die Spannung gehalten wird?" Manchmal erlebt Isabel Allende Szenen und spürt im selben Moment schon, wie sie als Autorin einmal mit ihnen umgehen wird. Wie vor mehr als zehn Jahren, als ihr Sohn von seiner Frau verlassen wurde, die sich in die Verlobte von Willie Gordons Sohn verliebt hatte, in eine Frau, deren Hochzeitskleid schon in Allendes Kleiderschrank hing."Als es passierte, war soviel Schmerz da", sagt sie, "und Trauer und Verzweiflung. Doch gleichzeitig habe ich in meinem Hinterkopf schon gedacht, in fünf Jahren werde ich nicht mehr fühlen wie jetzt, ich werde nicht mehr wütend sein. Und in zehn Jahren kann ich mich hinsetzen und die Geschichte aus einer Distanz heraus aufschreiben. Ich fühle die Demütigung nicht mehr, aber ich weiß, wie sie sich anfühlt."Der Einzige, der noch nie verlangt hat, dass sie Schilderungen verändert oder abmildert, ist ihr Mann. Sie hat sein Leben als Anregung für ihr Buch "Der unendliche Plan" benutzt. Und in "The sum of our days" schreibt sie ausführlich über das Leid, das ihm mit dem Verschwinden seiner drogenabhängigen Tochter Jennifer widerfuhr, die aller Wahrscheinlichkeit nach ermordet worden ist. Er stehe zu allem, was sie über ihn geschrieben habe, sagt sie, seine kaputte Kindheit, sein wildes Leben, seine drogenabhängigen Kinder. "Er denkt nicht, dass es etwas ist, das man verstecken muss." Von ihm hat sie gelernt, dass nicht, was die Menschen erzählen, sie verletzlich macht, sondern die Verletzlichkeit aus dem erwächst, was sie verstecken. "Wenn wir unsere Erfahrungen teilen, merken wir erst, wie viel auch andere leiden, was uns mit anderen verbindet", sagt Isabel Allende, "es ist so befreiend."Ich muss daran denken, wie ich die beiden zum letzten Mal zusammen gesehen habe. Es war im vergangenen Herbst, bei einer Literaturveranstaltung in einem Kunstforum im Silicon Valley, und es ging um Isabel Allendes Buch "Fortunas Tochter", das sich eine Stadt unter dem Motto "Eine Gemeinde - ein Buch" als Literaturstück ausgesucht hatte. Allende hatte sich bereit erklärt, die Initiative zu unterstützen und über sich selbst und das Buch zu sprechen. Der Saal war überfüllt, auf der Bühne neben Allende saß ihr guter Freund und Hausnachbar, der Rundfunkreporter Michael Krasny, der das Interview mit ihr führte. Eigentlich hätte es entspannt sein können. Und auf der Oberfläche war es das auch. Doch irgend etwas war nicht echt. Es war, als gäbe es eine Kunstfigur Isabel Allende und einen Menschen gleichen Namens, der sich ziemlich schnell verabschiedete. Zurück blieb die Kunstfigur, mit betont saloppen, betont exotischen und betont schockierenden Sprüchen."Ich hatte meiner Mutter versprochen, keine Biografie mehr zu schreiben, solange sie lebt. Doch sie ist jetzt weit über achtzig und will einfach nicht sterben. Ich konnte nicht mehr warten", sagt sie. Einige Zuschauer atmen hörbar tief ein. Auch wenn man weiß, dass Allende die Beziehung zu ihrer Mutter die "am längsten dauernde Liebesbeziehung in meinem Leben" nennt, und dass sie ihr seit Jahrzehnten täglich einen Brief schreibt, klingt das hart. Über ihre Enkelkinder, die zu sehr zu verwöhnen sie sich mit Hilfe eines Therapeuten abgewöhnen musste, sagt sie an dem Abend, dass sie "eigentlich keine Kinder mag, ich bevorzuge Hunde". Und natürlich wird sie zu "Paula" gefragt, nach dem "Geisterhaus" ihr wichtigstes und am meisten anerkanntes Werk, und zu ihrer Schreibblockade, nachdem sie dieses Buch beendet hatte.Sie habe sie überwunden, antwortet sie, nachdem sie in einer Nacht von Antonio Banderas geträumt habe, der splitternackt auf einer Tortilla zu ihr geschwebt sei, und mit dem sie den besten Sex ihres Lebens gehabt habe. "Leider gibt es Banderas nicht in meinem richtigen Leben."Willie Gordon hört das alles mit an. Nach der Veranstaltung steht er neben ihr. Es scheint ihn nicht zu irritieren, dass Isabel Allende die Vertrautheit mit dem Publikum auch auf seine Kosten gesucht hat. Sie schreibt Widmungen, er beobachtet sie dabei und unterhält sich mit einem der Veranstalter, ungerührt, unerschüttert steht er in seinem Trenchcoat da, den Hut schon auf dem Kopf.Warum tut sie so etwas? Mit sich und mit anderen? Aus Selbstschutz? Weil, wenn man sich selbst klein macht, es sonst keiner mehr tun kann?"Nennen Sie mal ein Beispiel", sagt Allende.Ich erwähne das Kinderbild, das es von ihr gibt, und das ein niedliches Mädchen zeigt. "Das hässliche Mädchen bin ich", hat sie darunter geschrieben. Und auch heute sehe sie nicht scheußlich aus und verschnupft, wie ihre Assistentin es angekündigt hatte, sage ich, sondern schön, mit hochgestecktem Haar und einem eleganten schwarzroten Kleid."Aber ich war ein hässliches Kind", ruft sie. "Als ich geboren wurde, hatte ich schwarze Augen, und der Rest waren schwarze Haare. Fünf Monate später war ich blond! Meine Mutter hatte mir die Haare gefärbt, weil ich so furchtbar aussah." Nein, es sei kein Selbstschutz, "weil ich mich nicht schützen will, ich will meine Privatsphäre schützen und meine Familie". Auf Lesereisen und anderen Veranstaltungen geht es um ihre Bücher, ihre Person, sagt sie. Über wen soll sie sprechen, wenn nicht über sich? Über die Isabel Allende, die sie in der Öffentlichkeit sein will?Wahrscheinlich wird sie bald wieder auf einer Bühne über Sex mit Antonio Banderas sprechen. Und vor ihr in der ersten Reihe wird Willie sitzen, der Mann, von dem sie sagt, niemand kenne sie wie er. Willie, dem sie gerade mal bis zur Brust reicht, der Mann, der weiß, dass sie aus Scheu nie zu öffentlichen Veranstaltungen geht. Der mit ihr war, als Paula starb. Der über drei Jahre mit einer Frau lebte, die nur noch schwarz trug, weil alles in ihr dunkel war. Willie, der neben ihren Enkeln der wichtigste Grund war, die Schlaftabletten nicht zu nehmen, die sie sich bereit gelegt hatte, um gemeinsam mit Paula aus dem Leben zu gehen.Es ist einer der schönsten Abschnitte in ihrem neuen Buch, in dem sie beschreibt, wie sie und Willie sich nach einer anstrengenden, nervenaufreibenden Zeit in einem Urlaub entspannen und wie ihr Körper, "der alternde Körper einer Frau, die nie eine Schönheit war", sich seinem Körper annähert. Ohne Angst, ohne Aufwand. In einer Vertrautheit, die man sich in Jahrzehnten erarbeiten muss. Die echt ist.------------------------------Foto: Isabel Allende, chilenische Schriftstellerin und Nichte von Salvador Allende. Mit ihrer Familie lebt sie heute in einem Vorort von San Francisco.Foto: Isabel Allende 1973, im Jahr des Militärputsches. Danach musste sie ins Exil nach Venezuela gehen.