Das saudische Herrscherhaus fühlt sich derzeit so existenziell bedroht wie zuletzt im Herbst 1990, als irakische Truppen im Nachbarland Kuwait einmarschierten. Damals eilten US-Truppen den Saudis zu Hilfe. Jetzt fürchtet sich Riad vor der radikalen Gruppe „Islamischer Staat im Irak und in Syrien“ (Isis), die in Syrien kämpft und gen Bagdad marschiert. Am Donnerstag schickte Saudi-Arabien 30 000 Soldaten an die rund 800 Kilometer lange Grenze zum Irak. König Abdullah habe alle Maßnahmen ergriffen, so die staatliche Nachrichtenagentur, um das Land vor „terroristischen Bedrohungen“ zu schützen.

Als Auslöser für diesen Schritt gilt, dass Milizenführer Abu Bakr al Bagdadi vor wenigen Tagen ein Kalifat ausrief und Isis einen neuen Namen bekam: Sie heißt jetzt Islamischer Staat (IS) – ohne geografische Einschränkung. Damit sind die künftigen Expansionsziele skizziert. Die IS-Miliz will den gesamten arabisch-islamischen Raum erobern, inklusive Saudi-Arabien und die Emirate am Golf.

Erbitterte Konkurrenten

Mit dem Aufmarsch will König Abdallah aber auch Vorwürfe entkräften, dass Riad zu den Sponsoren der IS-Kämpfer gehört. Beweise dafür gibt es nicht, das Königshaus selbst hat dies immer bestritten. Angeblich sollen aber zumindest religiöse Vereine und Privatpersonen radikal-islamistische Gruppen wie Isis/IS unterstützen.

Inzwischen jedoch dürfte es auch damit vorbei sein, denn IS und Saudi-Arabien sind zu Konkurrenten um die Führung der islamischen Gemeinschaft geworden. Staatsdoktrin in Saudi-Arabien ist der Wahabismus, eine der radikalsten und konservativsten sunnitischen Strömungen im Islam. Ihre Anhänger beanspruchen, die „reine Form“ des Islam zu präsentieren. Andere Glaubensrichtungen werden als un-islamisch bekämpft. Es herrscht absolute Sittenstrenge, Frauen dürfen nicht Auto fahren, Alkohol, Kaffee, Tabak sind verboten. Als Wahabiten und Hüter von Mekka und Medina, der heiligsten Stätten des Islam, sehen sich die Saudis als die wahren Verteidiger des Glaubens – vor allem gegen die Schiiten und den Iran.

Kein Verlass mehr auf die USA

Gruppen wie Al-Kaida und jetzt IS weisen diesen Anspruch zurück: Die saudischen Herrscher handelten und lebten keineswegs den islamischen Gesetzen entsprechend, betrögen die islamische Gemeinschaft und hätten mit den US-Truppen die Ungläubigen ins Land geholt.

In früheren Krisen konnte sich das Königshaus noch ganz auf die USA verlassen. Doch dieses Bündnis zeigt inzwischen tiefe Risse: So hatten sich die saudischen Herrscher sehr gewünscht, dass die USA militärisch in Syrien eingreifen, Präsident Assad stürzen – und damit ihren Krieg gegen den schiitischen Iran, ihren Regionalmacht-Konkurrenten, führen. Das aber hat Präsident Barack Obama nicht getan, sondern vielmehr Verhandlungen mit der Teheraner Führung begonnen. Washington wiederum nimmt übel, dass die Saudis immer unverhohlener ihre eigenen Ziele verfolgen und islamistisch-radikale Gruppen unterstützen.

Nun steckt das Königshaus in einer paradoxen Situation: Greift es in die Kämpfe im Irak ein, dann zugunsten einer schiitischen Regierung, die mit dem Iran verbündet ist – und dies gegen eine sunnitische Miliz. Als Schutzherr aller Sunniten, als die sich die Saudis bisher gerierten, verlören sie damit den letzten Rest an Glaubwürdigkeit.